Dutzende Fälle, Polizei ermittelt

Betrug beim Autoverkauf: Unfallwagen aus den USA als unfallfrei in Kassel verkauft

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Im Internet überprüfen: Wer die Fahrgestellnummer des Fahrzeugs auf Seiten wie beispielsweise Carfax eingibt, kann die Historie des Fahrzeugs sehen.

Betrugsmaschen beim Autokauf sind keine Seltenheit. Einen extremen Fall gibt es aktuell in Kassel. 

Die hiesige Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen einen 52 Jahre alten Autohändler aus Kassel und dessen 29 Jahre alten Sohn. Mittlerweile wurden 35 Strafanzeigen zu einem Verfahren zusammengefasst, mit dem nun die Abteilung Wirtschaftskriminalität befasst ist. Außerdem gibt es in diesem Zusammenhang eine Vielzahl weiterer Einzelverfahren, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Der Angeklagte ist in der Region kein Unbekannter. Bevor er in Kassel tätig wurde, hatte er einen Autohandel im Kreis Kassel betrieben. Erst im vergangenen Jahr hat Dirk Osthoff, Fachanwalt für Verkehrsrecht, erneut einen Mandanten vor Gericht vertreten, der auf den dubiosen Händler hereingefallen war.

Autohaus in Kassel bot "Schnäppchen" an

Dessen Masche funktionierte demnach so: Das Autohaus bot Fahrzeuge zu einem vermeintlichen Schnäppchenpreis an. Mit den potenziellen Käufern schloss der Händler einen Vorvertrag, in dem eine Anzahlung vereinbart wurde. Diese sollte laut Vertrag auch dann einbehalten werden, wenn es nicht zum Kauf des Autos kommt. Dieser Passus wurde allerdings häufig überlesen.

Was die Kunden zudem nicht wussten: Die Autos, für die sie sich interessierten, waren nur auf den ersten Blick unfallfreie Gebrauchtwagen, die aus den USA reimportiert wurden. Wer die Fahrgestellnummer auf speziellen Internetseiten eingab, fand heraus: Die Autos hatten mal einen Totalschaden. Sie wurden dann – davon gehen die Experten aus – in Osteuropa aufbereitet, bevor sie der Kasseler Händler zum Kauf anbot. Dabei trat das Autohaus allerdings nur als Vermittler und nicht als Verkäufer auf. Das hatte den Hintergrund, die Haftung und Gewährleistung umgehen zu wollen.

Kasseler wollte Anzahlung zurückbekommen

Der Kasseler Kunde wollte vom Kauf absehen und die gezahlte Anzahlung zurückbekommen. Die allerdings behielt das Autohaus ein, was laut Anwalt Osthoff bei dem hier vorliegenden Vorvertrag nicht rechtens gewesen sei. Viele Kunden würden allerdings den Rechtsaufwand scheuen, um das Geld zurückzubekommen, oder aber sie bemerkten den Betrug gar nicht erst. 

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft sind im Fall des Kasseler Autohändlers im September von der Polizei der Firmensitz sowie die Privatwohnungen der Beschuldigten durchsucht worden. Umfangreiche Geschäftsunterlagen und Datenträger wurden laut Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, die jetzt ausgewertet werden. Mittlerweile sind alle Autos vom Hof des Händlers verschwunden. Auch das Wohnhaus wirkt verlassen. Telefonisch und vor Ort war niemand zu erreichen.

Hintergrund: Tipps beim Autokauf

Grundsätzlich sollte der Käufer gerade bei Re-Importen aus dem Nicht-EU-Ausland immer ein gesundes Misstrauen an den Tag legen, raten Oliver Reidegeld vom ADAC Hessen-Thüringen und Fachanwalt Dirk Osthoff. Im Zweifel gelte nämlich für Rechtsansprüche nationales Recht, also das Recht des Landes, in welchem der Wagen erstanden wurde.

Käufer sollten Preis, Liefertermin sowie Ausstattungsdetails unbedingt schriftlich festhalten. Der ADAC rät, sich schriftlich bestätigen zu lassen, dass Überführungs- und Bereitstellungskosten im Kaufpreis enthalten sind und dass eine EG-Typengenehmigung (COC) für das Fahrzeug vorliegt. 

Der Kaufpreis sollte erst bei Übergabe des Wagens gezahlt und keine Anzahlung geleistet werden. Gerade beim EU-Reimport seien Anzahlungen wegen der vielen „schwarzen Schafe“ auf dem Markt ausgesprochen risikoreich. 

Der Käufer sollte vertraglich festhalten, wann das Fahrzeug importiert wurde und dass es fabrikneu ist. Wird diese Bestätigung durch den Importeur nicht vorgelegt, war das Fahrzeug gegebenenfalls schon einmal zugelassen. Bei Fahrzeugen aus den USA lässt sich die Fahrzeughistorie relativ einfach über Internetportale wie Carfax anhand der Fahrgestellnummer überprüfen. 

Wenn der Preis zu günstig erscheint, sollte der Käufer misstrauisch werden, ebenso wenn der Händler keine Fragen zur Fahrzeughistorie beantworten kann. Auch kann der Käufer selbst noch mal einen Gutachter beautragen, der das Fahrzeug vor Unterzeichnung des Kaufvertrags überprüft.

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