Sie fordern Opfer auf, Geld zu überweisen

Betrug mit Chef-Trick: Ganoven geben sich als Vorgesetzte aus

Kassel. Dass Betrüger sich als Enkel am Telefon ausgeben, um Senioren um ihre Ersparnisse zu bringen, ist ein alter Hut. Neben dem Enkeltrick gibt es jetzt auch den Chef-Trick.

Eine neue Masche des Trickbetrugs, die auch in Kassel aufgetreten ist. Die Täter geben sich als Chef aus und weisen die Buchhaltung des Unternehmens per E-Mail an, umgehend eine Rechnung zu begleichen. Dieses Geld landet dann schließlich nach einer Zwischenüberweisung auf dem Konto der Betrügerbanden im Ausland.

Voraussetzung für diese Masche ist, dass sich die Betrüger einigermaßen gut in dem Unternehmen auskennen. Sie müssen mit internen Strukturen vertraut sein und die richtigen Ansprechpartner kennen.

Die Buchhalterin eines großen Kasseler Unternehmens bekam am 16. November eine E-Mail von der Adresse des obersten Chefs geschickt. In dieser Mail wies der Chef sie an, dass die angehängte Rechnung mit Datum vom 8. November dringend (innerhalb von zwei Tagen) überwiesen werden solle. Es sei nicht erforderlich, dass die Buchhaltung deshalb noch mal Kontakt mit ihm aufnehme.

Bei der Rechnung handelte es sich um die Anzahlung für eine angeblich in Auftrag gegebene Webentwicklung in Höhe von 9750 Euro. Als Absender stand auf der Rechnung eine Frau aus München mit Bankverbindung und Steuernummer. Allerdings existierten weder der Auftrag noch die Frau in München. Die Steuernummer gehörte einem anderen Unternehmer.

Das Kasseler Unternehmen fiel auf den Trick nicht rein, da das Rechnungsprüfungsprogramm für jede Überweisung einen sachlichen Genehmiger benötigt. Die Betrüger konnten in diesem Fall nicht wissen, dass der Chef des Unternehmens sich in diesem Bereich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat und daher auch keine Rechnungen mehr freigibt.

Mittelständische Unternehmen, die solche Prüfungsprogramme nicht haben, laufen viel leichter Gefahr, auf solche falschen Rechnungen reinzufallen und das Geld zu überweisen, sagt ein Kenner der Szene.

Gravierende Folgen

Nach Angaben von Polizeisprecher Torsten Werner gibt es bundesweit eine Vielzahl von Fällen, bei denen Unternehmen den Betrügern auf den Leim gegangen sind. Der Schaden soll laut Bundeskriminalamt bereits mehrere Millionen Euro betragen und zum Teil zu gravierenden Folgen für die betroffenen Unternehmen beziehungsweise die getäuschten Mitarbeiter geführt haben.

Bei der Polizei in Kassel sei wegen der Masche allerdings erst eine Anzeige erstattet worden. Dabei handelt es sich um den beschriebenen Fall. Werner geht davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist.

Bei Kontoinhabern meist nichts zu holen

Für die Betrügerbanden sei es einfach, die E-Mail-Adresse des Chefs zu benutzen: Entweder hackten sie sich ins System des Unternehmens ein oder fingierten mit einem Programm die Adresse, so Polizeisprecher Torsten Werner. Eine Privatperson in Deutschland, die von der Betrügerbande angeheuert werde, stelle ihr Konto zur Verfügung, auf das das Geld zunächst überwiesen werde. Diese Person würde meistens mit Versprechungen gelockt, mit wenig Aufwand in kurzer Zeit viel Geld verdienen zu können. Habe ein Unternehmen das Geld auf das Konto eingezahlt, überweise es der Kontoinhaber weiter ins Ausland, meist nach Osteuropa. Dort werde das Geld von den Betrügern vom Konto abgefischt und verschwindet. Die Mittelsmänner in Deutschland, die naiv ihr Konto zur Verfügung gestellt hätten, müssen anschließend nicht nur mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen, sondern auch für den Schaden haften. Allerdings ist bei ihnen in der Regel nichts zu holen, so dass die betrogenen Firmen auf dem Schaden sitzen bleiben.  

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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