Die Erinnerung tut weh

Bilder vom alten Staatstheater zeigen ein verlorenes Schmuckstück

+
Imposanter Bau: Das Luftbild zeigt das Preußische Staatstheater (Baujahr 1909) und den Friedrichsplatz mit dem Fridericianum als Orientierung. Im Krieg wurde das Theater schwer beschädigt und später abgerissen.

Alte Bilder von Kassel wecken oft nostalgische Gefühle, vor allem, wenn sie Gebäude zeigen, die verloren sind - so wie das ehemalige Staatstheater.

Vor einigen Tagen haben wir Bilder des Kasseler Fotografen Reimund Lill gezeigt, der historische Motive mit aktuellen Fotos kombiniert. Wenn man so wie Frank Eckert (Jahrgang 1949) im Nachkriegs-Kassel aufgewachsen ist und zudem noch historische Fotos aus der Zeit vor der Zerstörung sammelt, dann ist das natürlich doppelt interessant. „Besonders beeindruckt hat mich das Bild mit dem imposanten preußischen Staatstheater“, sagt Frank Eckert, der eine besondere Beziehung zu diesem Teil der Kasseler Stadtgeschichte hat. Als kleiner Junge ist er an der Hand seiner Mutter zu der Ruine des in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 schwer beschädigten Gebäudes gegangen. Später hat er im Kinderchor des Theaters gesungen und war Statist bei zahlreichen Aufführungen.

Beschädigt, aber nicht zerstört: Das Preußische Staatstheater wurde nach dem Krieg abgerissen.

Bis heute halten es viele für einen Fehler, dass das im Krieg beschädigte Theatergebäude (Baujahr 1909) nicht wieder aufgebaut, sondern abgerissen wurde. Frank Eckert teilt diese Einschätzung. Ähnlich wie die Semperoper in Dresden oder die Alte Oper in Frankfurt hätte man auch das Kasseler Theater seiner Meinung nach retten können.

Kein Vergleich zu früher: So sieht das Staatstheater heute aus.

Er weiß aus Erzählungen, dass früher die Straßenbahn direkt vor dem Staatstheater hielt und dass es auf der Terrasse vor dem Gebäude Platzkonzerte gab. Und er erinnert sich – wahrscheinlich hat ihm seine Mutter davon erzählt – an eine Tombola, aus deren Erlös der Wiederaufbau finanziert werden sollte.

Daraus wurde dann nichts, weil die damals verantwortlichen Politiker um Oberbürgermeister Willi Seidel sowie seinen Nachfolger Lauritz Lauritzen (beide SPD) einen Neubau favorisierten. Es gab zwar wütende Proteste, aber die umstrittene Entscheidung stand. „So wurde ein besonderes Kulturgut ausgelöscht“, sagt Eckert, der eine Ausbildung bei der Wohnungsbaugesellschaft 1889 gemacht hat und bis heute als Raumausstatter arbeitet.

Repräsentativer Bau: Nur gut drei Jahrzehnte nach der Fertigstellung wurde das Theater in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 schwer beschädigt.
Blick ins Innere: So prachtvoll sah das Theater aus. Um das ganze Foto zu sehen, klicken Sie oben rechts. 

In den 1950er-Jahren sei unter anderem damit argumentiert worden, dass ein Neubau deutlich günstiger zu realisieren sei als der Wiederaufbau. Daran gab es erhebliche Zweifel. Fest steht, dass aus ursprünglich kalkulierten sieben Millionen D-Mark im Endeffekt 21 Millionen wurden. Streit gab es zudem darüber, dass der Siegerentwurf für den Neubau dann doch nicht realisiert wurde. Stattdessen kamen nach einem zwischenzeitlichen Baustopp Paul Bode, der Bruder des documenta-Gründers Arnold Bode, und Ernst Brundig zum Zug. 1959 stand das neue Theater.

Frank Eckert ist davon überzeugt, dass man mit etwas gutem Willen stattdessen auch den alten Bau hätte retten können. Zumindest auf den historischen Fotos, die er sammelt, sieht er ihn sich immer noch gern an. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.