Interview über interreligiöse Begegnungen

Bischof Hein im Interview: "Wir beten zu demselben Gott"

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Bischof Prof.Dr. Martin Hein

Kassel/Hofgeismar. Bischof Martin Hein hat vor der Synode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKK) die Gemeinsamkeiten zwischen Christen, Juden und Muslimen betont. Darüber sprachen wir mit dem Bischof.

Sie haben zu mehr Begegnungen zwischen den drei großen Religionen aufgerufen. Sind die Vorzeichen dafür nicht denkbar schlecht in einer Zeit, in der islamistischer Terror für Angst und Schrecken sorgt?

Prof. Dr. Martin Hein: Wenn wir uns vom Terror lähmen lassen, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Sicher macht es die angespannte Situation voller Gewalt es nicht leichter, dass sich die drei monotheistischen Religionen aufeinander zubewegen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass die besonnenen Kräfte des Islam, aber auch des Judentums und des Christentums einen kühlen Kopf bewahren und fragen: Was verbindet uns? Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam für Frieden und Versöhnung einzutreten.

Sie gehen bei der Suche nach Gemeinsamkeit sehr weit und sagen, dass wir alle denselben Gott anbeten. Wie ist das gemeint?

Hein:Das zentrale verbindende Element zwischen den drei Religionen habe ich im Verständnis der Barmherzigkeit Gottes gefunden. Diese Vorstellung teilen Christen, Juden und Muslime. Aber unsere Erfahrungen Gottes sind unterschiedlich. Ein häufiger Vorwurf der Muslime lautet, wir Christen würden drei Götter anbeten. Da erwarte ich, dass sie sich mit dem Verständnis der Dreieinigkeit auseinandersetzen. Uns begegnet Gott in Jesus Christus. Solche Unterschiede bedeuten aber nicht, dass jede Religion im Himmel ihren eigenen Gott hat.

Was folgt daraus für das Verhältnis der Religionen?

Hein: Es führt zu Toleranz, ohne die Berechtigung der einzelnen Religionen zu relativieren. Ich bin mit Begeisterung Christ und werde es auch bleiben. Aber durch den gemeinsamen Glauben an einen barmherzigen Gott können wir uns trotz aller Unterschiedlichkeiten näherkommen.

Selbst Protestanten und Katholiken haben Schwierigkeiten, gemeinsam Abendmahl zu feiern. Wie sollen interreligiöse Gottesdienste gelingen?

Hein: Man wird nur Schritt für Schritt aufeinander zugehen können. Das beginnt bei gegenseitigen Einladungen in den Gottesdienst oder zum Freitagsgebet, nach dessen Ende der Gast seinerseits ein Gebet spricht – man könnte das spirituelle Gastfreundschaft nennen. Der zweite Schritt ist eine multireligiöse Feier, die von allen Teilnehmern zusammen gestaltet wird – wie bei dem gemeinsame Gottesdienst zum 25-jährigen Gedenken des Grubenunglücks von Stolzenbach geschehen. Und als drittes stellt sich die Frage nach dem gemeinsamen Gebet. Dabei gilt es, Formen des Gebets zu finden, in denen sich alle drei Religionen wiederfinden, ohne dass sie ihre eigenen religiösen Anliegen aufgeben müssen.

Mit diesen Vorschlägen sind sie sicher nicht nur auf Zustimmung gestoßen.

Hein: Das habe ich auch nicht erwartet. Die Synode ist ja kein Parlament von Claqueuren, das allem applaudiert, was der Bischof sagt. Meine Ausführungen sind zum Teil mit Zurückhaltung, aber auch mit großer Zustimmung zur Kenntnis genommen worden. Mir geht es darum, dass wir intensiver über diese Fragen nachdenken.

Was muss konkret passieren, damit der Weg der Annäherung, den sie aufzeigen, auch beschritten wird?

Hein:Notwendig ist dazu Aufklärung über den eigenen Glauben und über den der anderen. Denn aus Unkenntnis über uns selbst resultiert die Angst in der Begegnung mit dem Fremden. Dieses Bildungsprogramm muss auch in den Schulen stattfinden. Der beste Ort, um sich kennenzulernen und zu begegnen, ist die Schule. Deshalb wäre es fatal, wenn aus Sorge vor religiösen Differenzen, kein Religionsunterricht stattfindet. Gerade in diesen Zeiten gehört Religion in die Schule hinein.

Zur Person

Prof. Dr. Martin Hein (62) ist seit 16 Jahren Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Hein stammt aus Wuppertal und ist in Hanau aufgewachsen. Er studierte Jura und Theologie in Frankfurt, Erlangen und Marburg. Seine Habilitation legte er an der Universität Kassel ab. Nach Vikariat und erster Pfarrstelle war Hein zunächst Studienleiter beim Evangelischen Predigerseminar in Hofgeismar. Ab 1995 war er Dekan des damaligen Kirchenkreises Kassel-Mitte, bevor er 2000 zum Bischofgewählt wurde. Seit 2014 ist Martin Hein Mitglied des Deutschen Ethikrats. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Die Familie lebt in Kassel.

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