Zwischen Urkunden, Trausaal und Gesetzesbänden

Blick ins Kasseler Standesamt: Nur einmal sagte der Bräutigam Nein

+
Eine schöne Aufgabe: Frank Müsken im Trausaal des Rathauses. Die meiste Zeit jedoch sitzen Standesbeamte an Schreibtisch und Computer, um Urkunden zu schreiben, Gesetze zu wälzen oder jährlich über 7000 schriftliche Anfragen zu bearbeiten. 

Kassel. Zwischen Urkunden, Trausaal und Gesetzesbänden – Frank Müsken erzählt aus dem Alltag eines ganz besonderen Standesbeamten.

In komplizierten Fällen ist sein Rat oft hessenweit gefragt. Zum Beispiel wenn Partner verschiedener Nationalitäten heiraten. Beim Leiter des Kasseler Standesamtes Frank Müsken, der jetzt auch zum Vorsitzenden des Verbandes Hessischer Standesämter gewählt wurde, klingelt dann häufig das Telefon. Doch das ist nur ein Teil der Arbeit eines Standesbeamten, in die uns Müsken einen Einblick gewährte.

An Trauungen denkt man zuerst, wenn es ums Standesamt geht. Tatsächlich aber mache dieser „schönste Teil unserer Arbeit“ laut Müsken nur zwei bis drei Prozent der wöchentlichen Arbeit aus. „Dabei hat man es meist nur mit netten und glücklichen Menschen zu tun“, sagt er.

Nur zweimal hat er es in seiner 25-jähriger Tätigkeit als Standesbeamter erlebt, dass der Tag für die Brautleute nicht glücklich ausging: Einmal sagte der Bräutigam auf die Traufrage Nein. Und ein anderes Mal stritten sich die Partner vor dem Trausaal so heftig, dass sie erst gar nicht hineingingen.

Trauorte nicht nur drinnen

„Die Zeit hat sich massiv gewandelt“, schildert Müsken. Da viele Paare sich heute nicht mehr in der Kirche trauen ließen, wünschten sich viele Brautleute die standesamtliche Trauung als festlichen Event. So kämen heute immer mehr Bräute im weißen Brautkleid zur Trauung, die mitunter von Musikern oder Chören begleitet werde. Im Online-Traukalender bietet das Standesamt neben dem Trausaal im Rathaus auch Trauungen im Schloss Wilhelmshöhe, der Orangerie, im Schloss Schönfeld, der Grimmwelt, den Herkulesterrassen, im Botanischen Garten oder auf einem Fuldaschiff an.

Zur Not, wenn etwa jemand im Sterben liegt, kommen Standesbeamte auch ins Krankenhaus. Und auch Trauungen in der Justizvollzugsanstalt kommen laut Müsken nicht selten vor.

Drum prüfe...

„Weil es sich gehört“: So oft wählen Paare der Region den Nachnamen des Mannes

Bevor die 21 Standesbeamten bei der Stadt Kassel überhaupt zur Traurede ansetzen, müssen sie prüfen, ob die Partner heiraten dürfen oder es sich eventuell um eine Scheinehe handeln könnte. Je nach Staatsangehörigkeit der Brautleute müssen auch Gesetze anderer Länder hinzugezogen werden. So ist es in manchen Ländern verboten, den Cousin oder die Cousine zu ehelichen. In Marokko ist auch die Heirat von Mann und Frau verboten, bei denen eine „Milchverwandtschaft“ besteht, weil sie von einer Amme oder derselben Stillgemeinschaft gestillt wurden. Von unterschiedlichen und komplizierten Namensgesetzen gar nicht zu reden.

Willkommen im Leben

Da Geburtsurkunden dort ausgestellt werden, wo ein Kind geboren ist, haben die Kasseler Standesbeamten viel zu tun. Denn rund um Kassel sind in den vergangenen Jahren einige Geburtsstationen geschlossen worden. Seitdem sind die Geburtenzahlen von etwa 3600 auf heute rund 4500 angestiegen.

Mitunter gibt es auch hier komplizierte Fälle, denn auch beim Namensrecht müssen die Gesetze der Herkunftsländer der Eltern berücksichtigt werden. So könne es zum Beispiel vorkommen, dass ein Kind mit einer deutschen Mutter und einem italienischen Vater unterschiedliche Nachnamen in zwei verschiedenen Pässen trägt. Auch nach deutschem Recht, nämlich dann, wenn der Standesbeamte das Wohl des Kindes gefährdet sieht, muss im Zweifelsfall das Amtsgericht angerufen werden. Der Fall der Eltern, die ihr Kind Luzifer (im christlichen Sprachgebrauch der Name des Teufels) nennen wollten, sei noch nicht entschieden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.