Handbuch für britische Bomberpiloten jetzt frei zugänglich

Britische Bomberpiloten wussten, welche Ziele sie in Kassel zerstören mussten

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Nach einem Angriff: Auch der Kasseler Rangierbahnhof in Rothenditmold gehörte zu den Zielen, die in dem Handbuch für britische Bomberpiloten aufgeführt wurden.

Die Briten verfügten im 2. Weltkrieg über eine detaillierte Auflistung von Zielen für Bombenangriffe auf Kassel und andere deutsche Städte.

Die wurde wie ein Reiseführer „Bomber’s Baedeker“ genannt. Als die britischen Bomberpiloten am Abend des 22. Oktober 1943 Kassel in Schutt und Asche legten, waren sie genau über die aus militärischer Sicht interessanten Ziele informiert. Das Handbuch für die Zerstörung deutscher Städte war der „Bomber’s Baedeker“. Der ist jetzt erstmals online zugänglich. Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte hat die Liste ins Internet gestellt.

Auf fünf Seiten geht es dabei auch um Ziele in Kassel. Die Einschätzungen zu den wichtigen Industriestandorten wie Henschel und Fieseler zeugen von sehr guten Kenntnissen. Rüstungsexperten, Verkehrsfachleute und Deutschlandkenner haben die Informationen zusammengetragen. Bisher waren sie nur in einigen wenigen Bibliotheken – unter anderem der British Library – zugänglich. Jetzt kann man sie komplett im Internet einsehen.

Zu jeder deutschen Großstadt von Aachen bis Zwickau hatten die Briten Anfang 1943 eine systematische Übersicht von Zielen zusammengestellt. 1944 kam eine zweite Liste mit kleineren Orten hinzu.

Auszug aus dem „Bomber’s Baedeker“: Hier geht es um Henschel und Wegmann.

Kassel sei nach Frankfurt die wichtigste Stadt in Hessen Nassau, ist in dem Handbuch zu lesen. Insbesondere die Henschelwerke und der Flugzeugbauer Fieseler seien von besonderer Bedeutung für die deutsche Kriegsindustrie. Henschel bekam mit einer 1 die in der ersten Auflage höchsten Bewertung für bedeutende Rüstungsstandorte. Eine 1 erhielt ansonsten zum Beispiel auch die Firma Krupp in Essen. In einer weiteren Auflage kam noch die Bewertung 1+ hinzu.

Hier einige Auszüge aus den Einschätzungen des „Bomber’s Baedeker“:

Kassel allgemein

Die Stadt sei einer der wichtigen Eisenbahnknotenpunkte in Deutschland. Weite Teile der Stadt seien links der Fulda gebaut, die Henschel Werke befänden sich im nördlichen Teil. Östlich des Flusses liege Bettenhausen mit weiteren Industrieanlagen.

Eisenbahn

Der Hauptbahnhof liege in der Stadtmitte und sei ein Sackbahnhof. Drei wichtige Verbindungen gebe es Richtung Ruhr, nach Norden, Osten und Richtung Frankfurt. Die Bahnanlagen bekommen ebenso wie das Elektrizitätswerk und das Gaswerk die Einstufung 3 in der Rangliste kriegswichtiger Ziele.

Zulieferer

Der Waggonbauer Credé in Niederzwehren – auf dem Gelände befindet sich heute das dez-Einkaufszentrum – bekam ebenfalls die Einstufung 3 und gehörte somit zu den Zielen eines Angriffs auf Kassel. Ebenso wurde die Schmidt’sche Heißdampf eingestuft, die Bauteile für Lokomotiven herstellte.

Fieseler und Wegmann

Über die Bedeutung des Flugzeugbauers Fieseler waren die Briten sehr genau im Bilde. Alle drei Standorte in Bettenhausen und Waldau werden in dem Handbuch aufgeführt. Sie bekamen die hohe Einstufung 2 als kriegswichtige Ziele. Das gilt ebenfalls für das Werk von Henschel Flugmotoren in Altenbauna und für den Standort von Wegmann. Die Firma habe zunächst Eisenbahnwaggons hergestellt und produziere jetzt in Kooperation mit Henschel schwere Panzer.

Hauptziel Henschel

Alle drei Henschelstandorte an der Henschelstraße (Nordstadt), Mittelfeld und Rothenditmold bekommen als Angriffsziel die Note 1. Als Panzerbauer, Lokomotivhersteller und Fahrzeugproduzent sei die Firma besonders wichtig für die deutsche Kriegsindustrie.

Hintergrund: Bekannter Reiseführer

Der Name des deutschen Reiseführers Baedeker war bei den Briten schon vor dem Zweiten Weltkrieg bekannt. Der Titel „Bomber’s Baedeker“ ist wahrscheinlich eine Reaktion auf deutsche Angriffe aus dem Jahr 1942. Damals bombardierte die deutsche Luftwaffe südenglische Städte wie Bath, Exeter und Canterbury. Militärisch waren sie uninteressant, dafür hatten sie unter anderem mit der Kathedrale von Canterbury große Kulturschätze zu bieten.

In England wurden diese Angriffe auf Sehenswürdigkeiten als „Baedeker Raids“ bezeichnet. Vermutlich trägt das Handbuch für die Bomberpiloten der Royal Air Force auch deshalb Baedeker im Titel.

Das Leibnitz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz hat jetzt die zweite Auflage komplett digitalisiert und online gestellt. Sie kann unter folgendem Link aufgerufen werden:

zu.hna.de/baedeker2707

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