Stelzenläufer, Zeitumstellung, Waffeltüte

Casseler Freyheit: 100.000 Besucher kamen trotz Sturm Herwart in die Innenstadt

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Kassel. Sturm Herwart zum Trotz feierten 100.000 Besucher die „Casseler Freyheit“. Die Händler freuten sich am verkaufsoffenen Sonntag über regen Andrang.

Die „Casseler Freyheit“ lockte am Sonntag wieder mehrere tausend Besucher in die Innenstadt. Trotz Sturm „Herwart“ drehte sich das Riesenrad den ganzen Tag. Und so pilgerten zahlreiche Familien für Currywurst, Waffeltüte und Fahrgeschäfte in die Kasseler City – aber auch wegen des verkaufsoffenen Sonntags, der auf einen Erlass von Landgraf Heinrich II. zurückgeht. Dieser hatte im Jahr 1336 entschieden, dass die Kasseler Kaufleute an vier Sonntagen im Jahr ihre Waren anbieten durften. Drumherum unterhielten Gaukler und Spielleute. Von dieser Tradition geblieben ist der letzte Sonntag im Oktober, an dem die Geschäfte von 13 bis 18 Uhr geöffnet sind. Wir haben mit Besuchern, Veranstaltern, Händlern und Schaustellern gesprochen.

Die Besucher: Mit Kindern ins Riesenrad

Besonders für Eltern mit ihren Kindern war die Casseler Freyheit am Sonntag ein Anzugspunkt. Während sich die Jüngsten auf eine Fahrt im Riesenrad oder in der Berg- und Talbahn freuten, nutzten die Erwachsenen den verkaufsoffenen Sonntag für einen Bummel durch die Geschäfte. Wir haben die Besucher gefragt, was ihnen an dem Traditionsfest besonders gefällt und was sie sich für die Zukunft bei der Casseler Freyheit wünschen. 

Katharina und Bert-Jan Annecke waren mit ihren Kindern Oskar (5) und Anton (2) auf der Kirmesmeile unterwegs. Seit sie Eltern sind, kommen die Anneckes regelmäßig her, um mit ihren Kindern eine Runde im Riesenrad oder im Karussell zu fahren. Vater Bert-Jan gefällt vor allem, dass das Fest so kompakt und übersichtlich sei und sich nicht über die gesamte Innenstadt erstrecke, wie etwa der Weihnachtsmarkt. 

Das wiederum kritisierte Wolfgang Kirchhoff, der mit Natascha Barnet und der fünfjährigen Vivien auf der „Freyheit“ unterwegs war. Wenn es nach ihm ginge, könnte die Festmeile noch etwas weitläufiger sein. Die Geschmäcker der Kasseler sind eben verschieden. 

Das bestätigte auch das Ehepaar Rudolf (63) und Anne (61) Leippi, die sich zumindest am verkaufsoffenen Sonntag keine Straßenbahnen in der Innenstadt wünschen würden. 

Ganz egal war das hingegen der siebenjährigen Marta, die mit ihren Eltern über die Kirmes lief. Hauptsache, sie darf mit einer Waffel im Riesenrad fahren.

Der Stelzenläufer: Windiger Balance-Akt

Die Stelzenläufer gehören zu den größten Attraktionen der Casseler Freyheit. Trotz des stürmischen Wetters waren sie auch in diesem Jahr wieder in der Königsstraße und auf dem Friedrichsplatz unterwegs. 

Was es für den Balanceakt braucht, weiß Stelzenläufer Alexander Rädiker genau: gutes Gleichgewicht und keine Angst vorm Fallen. Und Fallen – das könne er. Der 36-Jährige ist seit über 20 Jahren beim Zirkus und kam am Sonntag als Zeitreisender im Steampunk-Stil. Für Rädiker war es ein besonderer Auftritt – fünf Jahre hat er in Kassel gelebt. Inzwischen ist er in Bremen zu Hause, wo er Teil des Künstlerkollektivs „Stelzenart“ ist.

Der Einzelhändler: Wer hat an der Uhr gedreht?

In Zeiten, in denen so gut wie jeder jeder von seinem Smartphone geweckt wird, das von alleine auf Winterzeit schaltet, kann man schon mal vergessen, dass in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Uhren umgestellt wurden. 

Wem so etwas wohl nie entfallen würde, das sind Uhrenhändler wie „Siebeneicher“ in der Wilhelmsstraße. Von Hand haben Werner, Margot und Martin Siebeneicher die Zeiger der alten Uhren im Laden eine Stunde zurückgestellt, bevor auch der Kasseler Traditions-Einzelhändler in den verkaufsoffenen Sonntag startete. 

Die Geschichte von Siebeneicher und der Casseler Freyheit ist eine lange gemeinsame. Im kommenden Jahr feiert der Laden sein 180-jähriges Bestehen. Und genauso lange ist er nun auch Bestandteil der Casseler Freyheit, die Werner Siebeneicher als „Traditionsangelegenheit“ bezeichnet.

Die Süßwaren-Verkäuferin: Routine in Sachen Volksfest

Claudia Schäfer kennt sich auf Volksfesten aus. Die Kaufungerin ist mit ihrem Süßwarenstand, aus dem sie gebrannte Mandeln, Waffeln, Lebkuchenherzen, Schaumküsse und andere Süßigkeiten verkauft, auf allen großen Feiern in der Region unterwegs. Egal ob Zissel, Wehlheider Kirmes, Herbstmesse oder eben Casseler Freyheit – sie mag den Kontakt mit den Besuchern. „Wenn ich heute nicht im Stand wäre, würde ich mich liebend gern in den Trubel in der Innenstadt stürzen“, sagte Schäfer am Sonntag. 

Die Kirmes auf der Casseler Freyheit unterscheide sich zwar nicht merklich von anderen Volksfesten dieser Art, sagte sie, aber das besondere sei natürlich, dass die Geschäfte am Sonntag geöffnet hätten, wodurch nochmal viel mehr Leute in der Stadt seien als an den vorherigen Tagen. Erfahrungsgemäß sei der Sonntag daher auch der umsatzstärkste Tag. Die Verkaufsschlager: Waffeltüten und Mandeln.

Die Veranstalter: Mehr als zufrieden

Wegen des Sturmtiefs gab es im Radio Warnungen, man solle es nach Möglichkeit vermeiden, vor die Tür zu gehen. „Unter diesen Rahmenbedingungen war die Resonanz zur Casseler Freyheit hervorragend“, sagt Andrea Behrens von Kassel Marketing. Die Besucherzahl habe sich ähnlich wie in früheren Jahren bei geschätzten 100.000 eingependelt. Das Straßenkünstlerprogramm sei bei der jüngsten Auflage der Freyheit ausgebaut worden. „Die Besucher lieben das, beim Polizei-Jazz-Duo ist sogar auf der Unteren Königsstraße getanzt worden“, sagt Behrens. 

Schon jetzt mache man sich Gedanken über einen weiteren Feinschliff am Konzept. Die Casseler Freyheit habe noch mehr Potenzial. Die Geschäftsleute waren ebenfalls zufrieden. Für Bernhard Grotehans von C&A war es die Sonntagspremiere als Geschäftsführer. Schon vor 13 Uhr hätten die Kunden an der Tür gestanden. Ähnlich erlebte es Stefan Engel, der Leiter der Galeria Kaufhof. Die Casseler Freyheit sei ein echter Familientag. Das habe man insbesondere in der Spielzeugabteilung gemerkt. Auch die Schaufenster mit Steiff-Tieren seien wieder gut angekommen.

Impressionen von der Casseler Freyheit 2017

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