Jobwunder und die Folgen

Chef von Kasseler Zeitarbeitsfirma: „Uns fehlen Bewerber“

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Als Zeitarbeiter bei der Firma Wikus in Spangenberg im Einsatz: Mieczyslaw Gorczyca ist für Team-Time in der Sägenfabrik beschäftigt.

Kassel. Zeitarbeitsfirmen haben es schwer, Bewerber zu finden. Woran das liegt und ob Zeitarbeit überhaupt noch gerechtfertigt ist, erklärt der Geschäftsführer des Kasseler Unternehmens Team-Time.

Die Zeitarbeit hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Doch ist das gerechtfertigt? Und hat sie in Zeiten eines boomenden Arbeitsmarktes überhaupt noch ihren Platz? Darüber sprachen wir mit Axel Blackert, Geschäftsführer der Zeitarbeitsfirma Team-Time aus Kassel.

Herr Blackert, wie schwer ist es derzeit, ausreichend qualifiziertes Personal für die Zeitarbeit zu finden?

Axel Blackert:Wie allen Personaldienstleistern fehlen uns die Bewerber. Der Markt hat sich komplett gewandelt: Von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt. Wir müssen viel mehr tun, um ausreichend Bewerber zu rekrutieren. Viele ältere Chefs haben den Wandel noch nicht erkannt, in der jüngeren Führungsebene ist dies aber präsent. Als ich angefangen habe, in der Branche zu arbeiten, hatten wir in Kassel eine Arbeitslosenquote von 14 Prozent, jetzt sind es noch fünf Prozent. Das nenne ich Vollbeschäftigung. Denn einen gewissen Anteil von Arbeitnehmern wird es immer geben, der sich nicht oder nur schwer auf dem Arbeitsmarkt vermitteln lässt.

Zeitarbeit: Erfahrungen, Vor- und Nachteile

Der Ruf der Zeitarbeit ist schlecht. Bekommen Sie das in diesen Zeiten besonders zu spüren?

Blackert: Es hat sich einiges getan. Durch die Novellierung der Tarifverträge gilt seit vergangenem Jahr eine Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten. Nur wenn der Betriebsrat mitspielt, sind Ausnahmen möglich. Zudem gilt gleiche Bezahlung nach neun Monaten, oder es wird ein Branchenzuschlag bezahlt.

Immer mehr Menschen begreifen die Zeitarbeit als Chance. Zum einen können Berufseinsteiger auf diese Weise in verschiedene Betriebe Einblicke gewinnen, aber auch Mitarbeiter mit Berufserfahrung können sich entwickeln. Inzwischen werden 80 Prozent aller Zeitarbeiter in eine Festanstellung übernommen – es handelt sich quasi um eine Anstellung auf Probe. Vor einigen Jahren wurden nur 25 Prozent übernommen.

Aus welchen Branchen gibt es besonders viele Anfragen?

Blackert:Einfacher wäre es zu sagen, aus welchen Bereichen es wenig Anfragen gibt. Einen hohen Fachkräftebedarf gibt es beispielsweise in der Pflege, in der Metallverarbeitung, im Bereich Elektro, aber auch im kaufmännischen Sektor. Viele Firmen bekommen ihre Stellen nicht besetzt. Auch wir haben uns neu ausgerichtet. Wir haben zusätzliches Personal für die Rekrutierung im Einsatz.

Zeitarbeit Gehalt: Der Lohn für Zeitarbeiter

Was verdient ein Zeitarbeiter?

Blackert: Ein ausgelernter Facharbeiter fängt mit mindestens 11,83 Euro pro Stunde an, eine ungelernte Kraft erhält mindestens 9,49 Euro – beides liegt über dem Mindestlohn. Die Bezahlung ist aber nicht alles. Um Mitarbeiter für uns zu begeistern, müssen flexible Arbeitszeiten und moderne Arbeitsplätze geboten werden. Wenn wir einen Mitarbeiter gewonnen haben, müssen wir ihn auch anschließend gut betreuen, damit er nicht abspringt.

Verdienen Menschen in Zeitarbeit zwangsläufig weniger als festangestellte Mitarbeiter?

Blackert:Nein, es gibt Fälle, in denen sie sogar mehr verdienen. Wir zahlen Fahrtgeld und weil alles über Zeiterfassung läuft, wird jede Minute Arbeitszeit auch honoriert. Dies gilt für Festangestellte nicht unbedingt.

Axel Blackert (49) ist Geschäftsführer der Kasseler Zeitarbeitsfirma Team-Time. Der Personalfachkaufmann arbeitet seit acht Jahren im Unternehmen. Zuvor war er bei der Zeitarbeitsfirma Manpower als Niederlassungsleiter tätig. Der Rotenburger ist unverheiratet und hat zwei Kinder. 

Zeitarbeit: Definition - Was steckt hinter diesem Begriff?

Die Zeitarbeit hat sich laut der Beratungsgesellschaft für Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz (BfGA) in den 60er-Jahren entwickelt. Zeitarbeitsfirmen beschäftigen Mitarbeiter nicht auf eigenen Arbeitsplätzen, sondern auf denen von Kunden mit einem vorübergehenden Personalbedarf. Diese Leistungen nehmen Unternehmen beispielsweise dann in Anspruch, wenn ihre eigenen Mitarbeiter krank sind, Urlaub haben oder wegen Schwangerschaft ausfallen.

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