"Wenn die Leute ausgehen, lassen sie es immer noch krachen"

Betreiber von York und Club 22: „Das Club-Sterben gibt es gar nicht“

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„Die Leute lassen es immer noch krachen“: Betreiber Karl Börries vor dem Club 22 in der Friedrich-Ebert-Straße, der Kassels älteste Disco ist.

Das Club-Sterben in Kassel wird nach dem Aus des Musiktheaters diskutiert. Club-Betreiber Karl Börries sagt: „Das Club-Sterben gibt es nicht.“

  • Nach dem Aus des Musiktheaters wird über das Club-Sterben in Kassel diskutiert. 
  • Club-Betreiber Karl Börries sagt, es gibt kein Club-Sterben.
  • Heute wird anders gefeiert als noch vor zehn Jahren. 

Nach derSchließung des Musiktheaters wird in Kassel über das Club-Sterben diskutiert. Wir haben mit Karl Börries, Betreiber von Club 22 und York darüber gesprochen. 

Herr Börries, gibt es das Club-Sterben überhaupt?

Meiner Ansicht nach nicht, wir sind jetzt seit mehr als 20 Jahren dabei. In der Zeit hat es immer Schließungen und auch Neueröffnungen gegeben. 

Zum einen liegt das an wechselnden Trends. Es gibt Nischenmusik, die irgendwann extrem kommerziell wird und dann wieder in der Nische verschwindet. 

Darum haben etwa die meisten Techno-Clubs wieder zugemacht, während sich zum Beispiel HipHop etabliert hat. Mit unseren Clubs versuchen wir nicht in zu sein – sonst sind wir irgendwann out. Wir versuchen, Kult zu sein.

Twitter: Kasseler ist traurig über das Aus des Musiktheaters

Friedrich-Ebert-Straße ist sehr beliebt

Aber in Kassel hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Clubs zugemacht: Salzmann, das Spot, die Barracuda-Bar, das A.R.M. und nun das MT. Ist das alles nur Zufall?

Zunächst einmal muss man fragen, was ein Club ist. Rechtlich ist ein Club eine Versammlungsstätte, für die etwa höhere Brandschutz- und Schallschutzauflagen gelten. 

Einige Bars in der Friedrich-Ebert-Straße sind offiziell keine Versammlungsstätten. Trotzdem wird dort getanzt. Weil das heute nicht mehr so streng kontrolliert wird, sind die Übergänge fließend geworden. 

Das stärkt aber auch die Meile. Auf der Fritze war noch nie so viel los wie derzeit. Zudem gibt es auch im Livemusik-Bereich viele Läden, die seit Jahren einen tollen Job machen – vom Theaterstübchen über das Fiasko bis zum Irish Pub oder Joe’s Garage.

Jugendliche feiern auch trotz Netflix

Viele sagen, dass die jungen Leute lieber zuhause bleiben. Kommen heute weniger Besucher in den Club 22 oder ins York?

Natürlich schauen die jungen Leute heute Netflix und sind im Netz unterwegs. Trotzdem ziehen sie auch noch um die Häuser. 

Nur gehen sie nicht mehr viermal im Monat aus, sondern vielleicht nur noch zweimal. Darum hat sich bei uns die Art des Umsatzes geändert: Wenn die Leute ausgehen, lassen sie es immer noch krachen.

2019 war für uns ein gutes Jahr. Übrigens: Als im Jahr 2000 „Big Brother“ anlief, haben wir das auch zu spüren bekommen. Eine Konkurrenz, wie es heute Netflix ist, gab es früher also auch schon. Man muss sich darauf immer wieder neu einstellen.

Mit ihren beiden Clubs sprechen Sie unterschiedliche Zielgruppen an. Inwiefern unterscheiden sich die Altersgruppen?

Im York ist unsere Kernzielgruppe 18 bis 25 Jahre. So wechseln bei uns alle fünf bis sieben Jahre die Generationen. In den Club 22, der Kassels älteste Disco ist, darf man erst ab 21. Wir haben aber natürlich auch Gäste über 50.

Club-Sterben: Förderung durch die Stadt ist nicht nötig

Viele kritisieren die Stadt, weil sie Club-Betreiber nicht genügend unterstützen würde. Verstehen Sie die Forderungen?

Nein, das halte ich für das falsche Signal. Clubs unterliegen betriebswirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Da muss nichts gefördert werden. 

Soll etwa der Electro-Club Geld für seine Lüftungsanlage bekommen und der Club, in dem Mainstream-Musik läuft, nichts? Ins studentische K 19 wurde in den vergangenen Jahren viel öffentliches Geld gesteckt. 

Und dann fanden dort sofort auch kommerzielle Disco-Veranstaltungen statt. Das verzerrt den Markt. 

Wer kleine Clubs fördern will, könnte ebenso im Einzelhandel auch alle inhabergeführten Geschäften bezuschussen, damit diese gegen die großen Ketten bestehen können.

Club-Sterben: "2002 war eine andere Zeit"

Vor 18 Jahren haben Sie gegenüber unserer Zeitung geklagt: „Das A7 hat die Innenstadt geleert.“ Wie ist das Verhältnis zwischen Ihren Clubs und der Großraumdisco in Bettenhausen?

Das habe ich gesagt? Damals sind jedes Wochenende 5000 Leute ins A7 gekommen. Andere große Clubs wie das Joy in Calden oder auch das Spot haben darunter sicher stark gelitten. 

Heute haben es die großen Clubs vielleicht schwerer. Kleinere Läden profitieren eher von der Marktbereinigung. 2002 war eine ganz andere Zeit

Damals haben wir Leute mit Turnschuhen ins York nicht reingelassen. Heute heiraten die Menschen in Sneakern.

Zusammengefasst klingt das, als sei alles Friede, Freude Eierkuchen.

Das Club-Sterben gibt es jedenfalls nicht. In den Clubs ist es auch viel friedlicher geworden. Früher hatten wir viel häufiger mit Handgreiflichkeiten unter Gästen zu tun. 

Auch das Komasaufen ist Gott sei Dank Geschichte. Die Stimmung in den Läden ist mindestens so gut wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Eine kleine Herausforderung ist das Cornern geworden.

Kassel: "Cornern" ist ein Problem

Sie meinen das Trinken auf Straßen und Plätzen.

Manche zelebrieren dieses Vorglühen mit Alkohol mittlerweile die ganze Nacht. Die stehen mit Getränken von der Tanke oder dem Supermarkt, der bis Mitternacht geöffnet hat, vor den Kneipen, und gehen nur zum Pinkeln in die Gastronomie. 

Übrig bleiben dann oft nur leere Flaschen und Scherben auf der Meile. Das ist auch für die Anwohner nervig. Gerade im Sommer treffen sich die Kids gerne an öffentlichen Orten – beispielsweise in der Goethe-Anlage.

Warum ist das Feiern in der Goethe-Anlage schlechter als im Club?

Ich finde esnicht ungefährlich, denn dort ist erst einmal alles erlaubt, solange man nicht erwischt wird. 

Das ist in unseren Clubs anders. Dort gibt es eine Security, Kameraüberwachung und einen Betreiber, der greifbar ist und regelmäßigen Kontrollen unterliegt. 

Aber letztlich hatjede Generation das Recht, so zu feiern, wie sie will.

Club-Sterben ein Problem?

Gestört aber Geil in Kassel: Warum haben es Music-Acts in Nordhessen so schwer? Am 25.01.2020 treten die Electro-Acts Gestört aber Geil und Discoboys in Kassel auf. Organisiert wird die Veranstaltung von einem DJ, der klagt: Kassel ist für Veranstalter sehr speziell.

Völlig überraschend hat am Sonntag (26.01.2020) die Kasseler Szenekneipe Fiasko das Aus verkündet. Auf Facebook sagt Betreiber Oliver Kurzweil Tschüss - auch seine Mitarbeiter haben es erst am Sonntag erfahren.

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