Weder Frau noch Mann - Anträge beim Standesamt gestellt

Einsatz für Vielfalt der Geschlechter: 100 Teilnehmer bei Demo in Kassel

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Einsatz für Geschlechtervielfalt: Bei der Aktion Standesamt 2018 kamen in Kassel rund 100 Demonstrierende zusammen, 20 Anträge wurden dabei beim Standesamt eingereicht.

Kassel. Die bundesweite Demo zur Gleichberechtigung aller Geschlechter fand am Mittwoch auch in Kassel statt. Bei der Aktion Standesamt 2018 kamen rund 100 Demonstrierende zusammen, 20 Anträge wurden dabei beim Standesamt eingereicht.

In Paulas Namen prangt seit geraumer Zeit ein Sternchen – immer an einer anderen Stelle. Mal ist Paula Paula*, mal Paul*a. Bald soll Tristan als Zweitname in Paulas Ausweis auftauchen. Damit möchte Paula schon im Namen zeigen, dass Paula weder männlich noch weiblich ist.

Paula ist mit den Geschlechtsorganen geboren worden, die sich traditionell einem Mädchen zuordnen lassen, fühlt sich aber nicht dementsprechend. Paula ist transsexuell, möchte „er und sie“ genannt werden. Er und sie ist „nicht-binär“ – fühlt sich also weder als Mann, noch als Frau.

Paula (30) nahm an der Demo zur Aktion Standesamt in Kassel teil.

Paula ist 30 Jahre alt und studiert Kunst in Kassel. Im Rahmen der bundesweiten Aktion Standesamt 2018 beantragte Paula am Mittwoch, den Geschlechtseintrag selbst bestimmen zu können – forderte ein neues Personenstandsgesetz. Paula möchte, dass das Standesamt sie und ihn als „divers“-geschlechtlich einträgt. Bei der Demonstration in Kassel kamen rund 100 Personen zusammen. Ihre Forderung: In Zukunft sollen alle Menschen ihr Geschlecht selbst festlegen können, der Geschlechtseintrag nach der Geburt aller Kinder soll freigelassen werden.

Ein Jahr vor der Demonstration hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen, dass das aktuelle Personenstandsgesetz das allgemeine Persönlichkeitsrecht und die Gleichheitsrechte von Menschen verletzt.

Das gilt für Menschen, die sich dauerhaft weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen, aber bei Dokumenten und Formularen dennoch ankreuzen müssen, ob sie eine Frau oder ein Mann sind. So wie bei Paula.

Der neue Gesetzesentwurf sieht allerdings vor, dass diese Menschen ein ärztliches Attest benötigen, welches bestätigt, dass sie sich biologisch weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zuordnen lassen. Das geht aber nur bei inter-, und nicht bei transsexuellen Menschen. Auch dagegen gab es Protest. Paulas Standpunkt: „Geschlecht entsteht nicht zwischen den Beinen eines Menschen, sondern zwischen seinen Ohren“. Es sei also eine Sache, die sich aus dem Empfinden ergebe. Probleme mit der geschlechtlichen Identität entstünden bei Paula nur, wenn sein oder ihr Körper „weiblich gelesen“ würde, die Erwartungen an sie und ihn herangetragen würden, dass es sich bei Paula um eine Frau handele: „Mein Körper ist ja nicht weiblich, es ist ja mein Körper. Ein Körper gehört zu dem Geschlecht, das der Mensch auch empfindet.“

Hintergrund: Aktion Standesamt 2018

Vor einem Jahr beschloss das Bundesverfassungsgericht, dass es für Menschen mehr als zwei Möglichkeiten geben muss, um ihr Geschlecht offiziell zu definieren. Bis Ende dieses Jahres soll die Neuregelung inkrafttreten, das sogenannte dritte Geschlecht soll „divers“ heißen. Heute soll der aktuelle Gesetzentwurf im Bundestag diskutiert werden. Die Demonstrierenden der bundesweiten Aktionswoche Standesamt 2018 fordern, dass in offiziellen Dokumenten ein Geschlechtseintrag abgeschafft werden soll, die dritte Option selbstbestimmt gewählt werden darf und ein umfassender Diskriminierungsschutz gewährleistet sein soll. 

Die Demonstrierenden in Kassel liefen am Mittwoch von der Moritzstraße bis zum Standesamt im Rathaus, wo sie ihre Anträge einreichten. 20 Eingaben unterschiedlicher Art kamen dabei bis zum Ende der Demonstration zusammen. Nachdem das Gesetz inkraftgetreten ist, sollen diese Anträge geprüft werden. Angemeldet wurde die Demonstration von der Kasseler Aidshilfe.

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