Jahrestag

75 Jahre Bombennacht: Bewegende Erinnerungen in der Martinskirche

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Großer Andrang: Bei der Gedenkveranstaltung zur Zerstörung Kassels vor 75 Jahren war die Martinskirche gestern voller Menschen. Im Vordergrund ist die in der Bombennacht zersprungene Osanna-Glocke zu sehen.

Gedenken an die Bombennacht vom 22. Oktober 1943: In der Kasseler Martinskirche erinnerten Zeitzeugen an die Ereignisse vor 75 Jahren.

Die Ehrengäste saßen ganz vorn in der Martinskirche. Die per Video eingespielten Berichte der Zeitzeugen, die die Bombennacht vom 22. Oktober 1943 überlebt haben, trieb manchem Besucher die Tränen in die Augen. Es war ohnehin eine sehr bewegende Gedenkveranstaltung in der voll besetzten Martinskirche, zu der auch der Kinder- und Jugendchor Cantamus des Staatstheaters beitrug.

Wie das damals war vor 75 Jahren? Das wurde auch bei einer Lesung von Schülern der Max-Eyth-Schule deutlich. Sie trugen Ausschnitte aus Überlebensberichten vor. Von Kindern, die sich ein feuchtes Tuch vor den Mund hielten, ohne Hilfe aus Kellern krochen und schließlich ins Freie flüchteten. Von Menschen, die sich durch das Flammenmeer kämpften, durch den Feuersturm, der von über 400 000 Bomben entfacht wurde. Von der Angst im Bunker, dem Verlust von Angehörigen, den brennenden Augen, den rußgeschwärzten Gesichtern und den vielen Toten am Morgen danach – die Erinnerung an die Bombennacht hat sich im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt.

Kein anderes Ereignis der über 1100-jährigen Stadtgeschichte habe Kassel so abrupt verändert, so nachhaltig geprägt und ein solches Trauma verursacht wie die Bombennacht, sagte Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle. Von 220.000 Einwohnern im Jahr 1939 seien bei Kriegsende nur noch 71.000 übrig geblieben. Eine der größten und schönsten Fachwerkstädte Europas sei in der Bombennacht zerstört worden. Als Auslöser bezeichnete Geselle den vom nationalsozialistischen Deutschland angezettelten Weltkrieg und Völkermord, der 60 Millionen Menschenleben gekostet habe.

Die Erinnerung an die Bombennacht sei auch deshalb wichtig, um das Gedenken in die nächste Generation zu tragen. „Heute geht es uns wahrscheinlich so gut wie nie zuvor in unserer Geschichte“, sagte Geselle. Gleichzeitig machten sich bei vielen Menschen Unbehagen und Ängste breit, fänden Rechtspopulisten mehr Zuspruch.

Hetze und Hass

„Wir leben in einer Zeit, in der Rassismus, Ausgrenzung, Antisemitismus, Hetz- und Hasskampagnen wieder zunehmen. Wehret diesen Anfängen“, appellierte Geselle an die Besucher in der Martinskirche. Die war zum 75. Jahrestag der Zerstörung Kassels im Zweiten Weltkrieg auch von außen stimmungsvoll beleuchtet.

Kassels Bischof Martin Hein sagte in seiner Predigt, der Beginn des Zweiten Weltkriegs sei kein Schicksal, sondern ein planvoller Akt der Aggression gewesen. Der Krieg, den Deutsche in die Welt gebracht hätten, sei zurückgekommen und hätte sich gegen die Verursacher gekehrt. Die Narben seien bis heute zu sehen. Hein: „Trotz allen Aufschwungs: Kassel ist eine versehrte Stadt.“ Hein betonte, Kriege seien immer auch ein Geschäft. „Auch hier in Kassel“, sagte der Bischof zur Waffenproduktion in der Stadt.

Von Thomas Siemon und Frank Thonicke

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