Familientreffen bei Flic Flac: Kasseler ist mit Hochseilartisten verwandt

Gebrüder Wallenda: Das undatierte Foto (vermutlich Anfang 20. Jahrhundert) zeigt links Friedrich-Wilhelm Wallenda, dessen Sohn Gert heute in Kassel lebt, mit zwei seiner Brüder.

Kassel. Auf dem Hochseil bewegen sie sich scheinbar schwerelos - und das ohne Netz und doppelten Boden. Familiär sind die Wallendas, die derzeit im Zirkus Flic Flac dem Publikum den Atem rauben, fest verwurzelt.

Die US-amerikanische Artistenfamilie, die bereits in der siebten Generation der Balancierkunst nachgeht, stammt ursprünglich aus Deutschland. Dass sie auch Verwandtschaft in Kassel haben, ahnten Tino Wallenda und seine Truppe allerdings nicht, als sie das Engagement beim Festival der Artisten annahmen.

Dafür war sich der Kasseler Gert Wallenda stets seiner berühmten Familienangehörigen bewusst: Der 91-Jährige, dessen Vater selbst noch Zirkusmann war, ist um ein Paar Ecken mit den „Flying Wallendas“ verwandt. Seit Jahrzehnten sammelt der Kasseler alle Artikel über die Hochseilkünstler, die er in die Finger kriegen kann. Als er und seine Frau Ursula sahen, wer dieses Jahr bei Flic-Flac auftritt, trauten sie ihren Augen kaum - und kauften sofort Karten in der ersten Reihe. Vor der Vorstellung hatten die Kasseler Wallendas sogar Gelegenheit zu einem Familientreffen mit den Artisten.

Bären auf Rollschuhen 

Tino Wallenda, der gerade noch im rot-glitzerndem Kostüm in der Nachmittags-Show auf dem Seil stand, kommt in Anzug und Fliege, um seinen Kasseler Verwandten zu begrüßen. Er ist der Urgroßneffe von Gert Wallenda (siehe auch Hintergrund). Dessen Vater Friedrich-Wilhelm Wallenda, geboren 1882, hatte die Zirkustradition der Familie zunächst fortgesetzt: Er balancierte auf dem Hochseil und dressierte Bären. Nach dem Ersten Weltkrieg gab er jedoch das Artistenleben zugunsten eines sicheren Einkommens als Kaufmann im westfälischen Herne auf. Auch sein Sohn Gert, der jüngste von drei Brüdern, wurde Einzelhandelskaufmann. Der Liebe wegen kam er 1958 nach Kassel, wo er mit seiner Frau Ursula an der Neuen Fahrt ein Haushaltswarengeschäft führte.

Tochter Silke, die heute in Bonn lebt, war als Kind von der Zirkusvergangenheit der Familie fasziniert und erinnert sich an Geschichten von rollschuhfahrenden Bären. „Das hat uns alle sehr geprägt“, sagt die 52-Jährige, die wie ihr Vater natürlich Zirkusfan ist.

Das über Generationen weitergegebene Familienalbum mit Fotografien von dressierten Seehunden, Löwen, schwindelerregenden Hochseil-Nummern und glamourösen Damen haben die Kasseler Wallendas mit zu Flic-Flac gebracht. Auch eine Kopie des weit verzweigten Stammbaums haben sie für Tino Wallenda dabei. Der vertieft sich sofort mit seinem Urgroßonkel in die Familiengeschichte.

Familienzusammenführung: Im Zirkus Flic-Flac gab es nach Weihnachten ein internationales Wallenda-Familientreffen. Vorn von links Rudi Wallenda aus London, Tino Wallenda (Chef der Flying Wallendas) und Gert Wallenda aus Kassel. Hinten von links die Artistinnen Alida, Aurelia und Ysabella sowie Olinka Wallenda (Frau von Tino), Silke und Ursula Wallenda aus Kassel (Tochter und Frau von Gert Wallenda) sowie Claire und Alex Wallenda. Fotos: Malmus

Auf seine deutschen Wurzeln sei er sehr stolz, sagt der 64-jährige Chef der Flying Wallendas. „Aber mir war lange nicht klar, wie viele Wallendas es hier noch gibt.“ Auch der 79-jährige Rudi Wallenda aus London, ein Großonkel von Tino, ist an diesem Abend zu Flic-Flac gekommen, um die Verwandtschaft zu treffen. Er war über Weihnachten bei seiner Familie in Schwalmstadt, als er zufällig erfuhr, wer gerade auf dem Kasseler Friedrichplatz gastiert. Auch mit Gert Wallenda macht er sich gleich bekannt. Eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen. „Die große Wallenda-Nase“, sagt der Engländer und lacht. Dann klingt der Gong zur Vorstellung.

Pyramide zu siebt 

Krönender Abschluss der Show ist der Auftritt der Wallendas, die zu siebt eine dreistöckige Pyramide auf dem Hochseil ausbalancieren. Der 91-jährige Gert Wallenda sitzt mit Herzklopfen im Publikum - nicht nur vor Spannung sondern auch vor Stolz auf seine berühmten Verwandten, die er zum ersten Mal mal live erlebt.

Wurzeln in Marburg

Die Flying Wallendas haben ihre Wurzeln in Deutschland. Begründer Karl Wallenda, Großvater des heutigen Wallenda-Chefs Tino, kam 1905 in Magdeburg zur Welt. Die Burg aus dem Stadtwappen tragen die Wallendas bis heute als Emblem auf ihren Uniform. Die Wallenda-Vorfahren waren bereits seit 1780 im österreichisch-ungarischen Raum als Zirkuskünstler bekannt.

Zum Verwandtschaftsverhältnis mit den Kasseler Wallendas: Gert Wallendas Vater Friedrich-Wilhelm (geboren 1882) hatten einen Bruder namens Engelbert. Engelberts Sohn ist Karl Wallenda, Begründer der berühmten Hochseiltruppe. Karl Wallenda ist der Großvater von Tino Wallenda.

Von Katja Rudolph

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