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Kein Respekt an der Supermarktkasse: Jeder ist sich selbst der Nächste

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Verbindliche Worte haben Seltenheitswert: Viele Supermarktkunden nehmen nach Angaben von Mitarbeitern gar nicht mehr wahr, dass es Menschen sind, die ihnen an der Kasse gegenübersitzen. (Symbolbild)

Beim Bezahlen an der Kasse bleibt das Handy am Ohr, Geld wird wortlos hingepfeffert, verbindliche Worte wie Bitte und Danke haben zunehmend Seltenheitswert: Wer im Einzelhandel arbeitet, kann ein Lied davon singen.

Da hilft am besten ein gelassenes Naturell, wie es Ralf Bake ausstrahlt. In über 25 Jahren als Marktleiter bei mehreren Lebensmittelketten hat er verfolgt, dass Freundlichkeit und Rücksichtnahme im Einkaufsgeschehen „immer mehr abgenommen“ hätten.

Sich selbst und seine Mitarbeiter in Denn’s Biomarkt am Königsplatz will Bake davon nicht anstecken lassen: „Wir achten darauf, freundlich zu bleiben.“ Und er ist auch kein Freund allzu einfacher Erklärungen, woran der Verfall zwischenmenschlicher Sitten liegt. An der Kinderstube? An der Generation? An den Sozialen Medien? „Das ist mir zu pauschal“, sagt der 54-Jährige. Im bunten Publikum am Königsplatz gebe es auch manchen Junkie, mit dem man durchaus ein vernünftiges und freundliches Wort wechseln könne. „Das ist eher eine Frage der persönlichen Einstellung“, meint Bake.

Zum Thema Respekt treibt ihn eher ein anderer Aspekt um, und zwar „der fehlende Respekt vor dem Eigentum Anderer“. Dass in jedem Supermarkt geklaut wird, meint Bake damit nicht. Sondern etwa den Umgang mit den Sitzgelegenheiten draußen auf dem Platz vor dem Geschäft.

„Da versucht man, es den Leuten schön zu machen, und binnen Stunden sind Sitzkissen zerstört, Blümchen geklaut, Dekoschalen vollgeascht und Lehnen abgebrochen“, klagt Bake.

Kunden aller Art am Königsplatz: Marktleiter Ralf Bake von Denn’s Biomarkt.

Spreche man jemanden an, der so mit dem Inventar umgeht, heiße es: „Mir doch egal“ und man solle sich nicht so anstellen. „Ich weiß noch, wie das früher meinen Eltern unangenehm war, als sie im Café beichten mussten, wenn ihnen eine Tasse zerbrochen war“, sagt der Supermarktleiter. Heute sei eine allgemeine Gleichgültigkeit die Regel.

Das beobachtet auch Lisa Reinhold, die neben ihrem Studium seit einigen Jahren im Rewe-Markt am Kirchweg arbeitet: Viele Kunden würden Schlagsahne oder Tiefkühlpizza in ihren Wagen packen, sich dann gegen diese Produkte entscheiden und sie sorglos in irgendein Regal stopfen. Die Folge: Die Ware sei verdorben, wenn sie jemand findet, und müsse dann weggeschmissen werden.

„Das hat stark zugenommen. Den Leuten ist es wohl zuviel, die paar Meter zurück zum Kühlregal zu gehen“, sagt die 29-Jährige. Was sie regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz erlebt, bringt sie auf diesen Nenner: „Viele sehen bloß noch sich selbst.“ 

Dass etliche Kunden gar keinen Blickkontakt aufnehmen, den anderen „gar nicht als Menschen wahrnehmen“, das hat die Rewe-Mitarbeiterin hinzunehmen gelernt. Sie denkt sich ihren Teil, wenn jemand in der Kassenschlange bei einer Minute Wartezeit lauthals seinen Unmut äußert, sich dann aber alle Zeit der Welt lässt, wenn er nach dem Kassieren gemütlich seine Einkäufe einpackt.

Was Lisa Reinhold aber nicht begreift: Auch auf freundliche Hilfsangebote scheinen manche Menschen allergisch zu reagieren. Das zeige sich etwa an den Selbstbedienungskassen, die ja eigentlich dafür da sind, dass es für Kunden schneller geht. Wenn sie dort bei kleinen Problemen Hilfestellung gebe, ernte sie oft keinen Dank, sondern anhaltendes Geschimpfe: „Die Leute sind teilweise so aggressiv, die kriegt man überhaupt nicht mehr runter, obwohl man ihnen ja Hilfe anbietet.“

Sie habe sich schon allerlei derbe Beleidigungen anhören müssen, erzählt Lisa Reinhold. Ab einem bestimmten Punkt stelle sie dann auch mal klar, dass es Grenzen gibt. „Mit der Zeit bin ich da ruhiger geworden“, sagt die 29-Jährige.

Ihren Job macht sie nach wie vor gern – vor allem, „weil wir so ein tolles Team sind“. Unter verständnisvollen Kollegen lasse sich zwischendurch auch mal aberzählen, was man jeden Tag so alles im Umgang mit Kunden erlebt.

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