Grenzwerte für mehrere Stunden überschritten

Silvesterraketen ließen Feinstaubbelastung in Kassel in die Höhe schießen

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Schön anzusehen, aber Gift für die Lungen: Silvesterfeuerwerk über der Kasseler Südstadt.

745,1 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft: So viel Feinstaub lag in der Silvesternacht in der Kasseler Luft. In Hessen war dies der zweithöchste gemessene Wert.

Seit Monaten wird deutschlandweit über Umweltzonen und Dieselfahrverbote diskutiert. Gleichzeitig wird laut Umweltbundesamt in einer einzigen Silvesternacht so viel Feinstaub in die Luft geblasen, wie sie 15 Prozent des jährlichen Auto- und Lkw-Verkehrs erzeugen. 

Besonders in Großstädten wie Kassel war die Belastung in der jüngsten Silvesternacht besonders hoch. In Kassel erreichten die Messwerte zeitweise das 30-Fache des Normalniveaus und sorgten für eine extreme Überschreitung des Grenzwerts. 

An der zentralen Luftmessstation an der Rathauskreuzung lag der Jahresmittelwert für Feinstaub (PM10) zuletzt bei etwa 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Doch am 31. Dezember explodierte die Belastung. Ab 23 Uhr stiegen die Werte an und erreichten um 0.30 Uhr einen Spitzenwert von 745,1 Mikrogramm pro Kubikmeter. In den vergangenen fünf Jahren lag der PM10-Wert zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei durchschnittlich 350 Mikrogramm. Der Wert in Kassel vor zwei Tagen war nach Frankfurt der zweithöchste in Hessen gemessene Wert. Der EU-weite Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter im Tagesmittel. Dieser darf maximal an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. 

Weil es in der Silvesternacht nicht windstill war, konnten die Kasseler am Neujahrsmorgen wieder durchatmen. „Das Phänomen ist für uns nicht neu. Wir erleben es jedes Jahr. In der Silvesternacht werden die absoluten Spitzenwerte erreicht. Städte mit Kessellage wie Kassel sind besonders betroffen“, sagt Norbert van der Pütten vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie.

Feinstaubbelastung ist in den letzten Jahren zurückgegangen

Anders als beim Stickstoffdioxid (NO2) ist die Belastung durch Feinstaub (PM 10) in Kassel in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel wurde zuletzt mit 25 Mikrogramm deutlich unterschritten. Auch die 35 zulässigen Überschreitungen von 50 Mikrogramm im Tagesmittel waren in Kassel kein Problem. 

Dies änderte sich für eine einzige Nacht. Mit den Raketen und Böllern explodierte in der Silvesternacht auch die Feinstaubbelastung. Dies war an beiden Kasseler Luftmessstationen zu beobachten.

Während an der Station an der Rathauskreuzung um 0.30 Uhr ein Spitzenwert von 745,1 Mikrogramm (Halbstundenmittelwert) pro Kubikmeter Luft erreicht wurde, waren es an der zweiten Station auf dem Parkplatz hinter der Komödie zur selben Zeit immerhin noch 319,1 Mikrogramm.

Hier wird gemessen: Die zentrale Luftmessstation steht an der Fünffensterstraße, nahe der Rathauskreuzung. Hier wurde in der Silvesternacht eine Feinstaubbelastung von 745,1 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen.

„Das Wetter entscheidet darüber, wie lange die Belastung anhält. Wenn es nur wenig Wind gibt und noch dazu eine Inversionswetterlage – also wärmere Luftschichten über kalten – dann findet kaum vertikaler und horizontaler Luftaustausch statt. Dann halten sich die Emissionen relativ lange“, sagt Norbert van der Pütten.

Eine solche Wetterlage gab es in der jüngsten Silversternacht aber nicht, weshalb sich die Feinstaubbelastung in Kassel bis zum Neujahrsmorgen wieder auf ein Normalniveau einpendelte.

Im unmittelbaren Belastungsgebiet kann es zu Gesundheitsschäden kommen

Obwohl das Jahr noch jung sei, würden die deutschen Städte in der Silvesternacht in der Regel das erste Mal den Feinstaubgrenzwert reißen, sagt van der Pütten. Die bundesweit höchste Feinstaubbelastung wurde beim Jahreswechsel 2017/2018 in Fürth gemessen. Sie lag seinerzeit bei 1330 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

„Eine kurzfristig hohe Feinstaubbelastung kann bei Menschen, die sich im unmittelbaren Belastungsgebiet aufhalten, eine Schleimhautreizung bewirken. Bei einem Asthmatiker könnte zum Beispiel auch ein Asthmaanfall ausgelöst werden“, sagt Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel.

Dr. Karin Müller: Leiterin Gesundheitsamt.

Erst bei langfristiger Exposition, das heißt, über Tage, Wochen und Monate, könne es neben einer Schleimhautreizung auch zu einer lokalen Entzündung in den Lungenbläschen und den Bronchien kommen, so Müller. Langfristig gesehen führten erhöhte Feinstaubbelastungen auch zu Ablagerungen in den Arterien und könnten Arteriosklerose bewirken.

Auch die Stickstoffdioxidbelastung (NO2), die bei der Diesel-Debatte im Zentrum steht, war infolge der Knallerei gegen Mitternacht erhöht, allerdings wurde der Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (Tagesmittel) dadurch längst nicht so deutlich überschritten. Am Rathaus wurden knapp 60 Mikrogramm gemessen.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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