Dornige Riesen in großer Not

Finanzierung ungewiss: Kakteen im Botanischen Garten in Kassel brauchen neues Domizil 

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Manfred Böhm ist stolz auf die Agave aus Amerika (links), die sich im Kakteenhaus wohlfühlt. Sie sei bereits auf der Bundesgartenschau 1955 präsentiert worden, sagt er.

Kassel. Pilosocereus streckt sich wie ein kerzengerader Finger der Decke aus Glas entgegen. Eigentlich ist dieser Kaktus in Nordbrasilien beheimatet.

Doch es gibt ihn auch im Kakteen-Haus im Botanischen Garten zu bewundern – wie rund 1300 weitere Sukkulenten-Arten. „Zur documenta hatten wir sogar schon Gäste aus Übersee hier“, sagt Manfred Böhm von den Kakteenfreunden Friedrich Ritter, die sich ehrenamtlich um die Versorgung und Züchtung der dornigen Riesen im Auftrag der Stadt kümmern. 

Doch Pilosocereus ist – wie einige weitere Großkakteen – in Not. Er droht buchstäblich, durch die Decke zu gehen. Das Gewächshaus ist nicht nur zu klein geworden. Es ist an mehreren Stellen undicht, die Heizung veraltet, ein Energiefresser. Pilosocereus mag es im Winter mindestens zwölf Grad warm.

Volker Lange

Den Entwurf für ein neues, größeres Gewächshaus haben die Kakteenfreunde schon fertigen lassen, die Kosten dürften deutlich im sechsstelligen Bereich liegen. So genau will sich Böhm da nicht festlegen. Doch die Aussichten für die Finanzierung sind auf absehbare Zeit trübe: Vor einem Jahr haben die Kakteenfans, die seit 25 Jahren ehrenamtlich die Sukkulenten und das Haus pflegen, eine Spendenaktion gestartet. Diese verläuft jedoch schleppend. Erst 10 000 Euro seien zusammengekommen, sagt Böhm, dem die Enttäuschung anzusehen ist. Er kümmert sich um Technik und Finanzen. Seine Frau Christine ist Sprecherin der Kakteenfreunde und für das Botanische zuständig.

Schützenhilfe haben die Kakteenfreunde nun vom Ortsbeirat Wehlheiden erhalten: Das Gremium lobt das Haus als „nationale und internationale Besucherattraktion“, als wichtige Bildungseinrichtung für Kitas und Schulen und fordert den Magistrat einmütig auf, für die Sanierung des Kakteenhauses 250 000 Euro im kommenden Haushalt bereitzustellen. Doch das wird wohl – zumindest nach Einschätzung von Volker Lange vom Umwelt- und Gartenamt – ein frommer Wunsch bleiben. Der neue Etat sei ja schon in Arbeit. Das Gewächshaus sei zwar sehr alt und schadhaft. Doch eine energetische Sanierung in Kitas und Schulen sei vordringlich und bringe deutlich mehr Einsparungen.

Kakteenfreund Böhm wünscht sich mehr Unterstützung von der Stadt. Die sei schließlich Eigentümer des Gewächshauses. Sogar die Kosten für die Versorgung der Pflanzen und die Anzucht müsse man bis jetzt allein aus Spenden und Verkäufen von Nachzüchtungen bestreiten, sagt er. Auch die Vermarktung dieses einzigartigen Schauhauses durch die Stadt lasse zu wünschen übrig. 

 

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