Kulturschaffende entsetzt

Flagge auf Fridericianum: Kritik an Strafverfolgern

Was der einstige Landesfürst wohl dazu gesagt hätte: Die schwarze Flagge über der Kunsthalle Museum Fridericianum am Friedrichsplatz mit dem Denkmal für Landgraf Friedrich II. Archivfoto: Koch

Kassel. Der Streit um eine schwarze Flagge, die im September und Oktober über dem Museum Fridericianum wehte, hat jetzt Kunst- und Kulturschaffende aus Kassel auf den Plan gerufen.

Sie zeigen sich entsetzt über die Auseinandersetzung um die Fahne, die viele Menschen an die in Deutschland verbotene Kriegsflagge des Islamischen Staates und die Gräueltaten der Islamisten in Syrien und im Irak erinnert und für kontroverse Diskussionen gesorgt hatte.

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Die 28 Unterzeichner der Stellungnahme, darunter Professor Hardy Fischer, Bernd Leifeld, Christine Knüppel vom Kulturzentrum Schlachthof und Volker Schäfer von der Stiftung 7000 Eichen, kritisieren „das ungestüme Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft sowie die ausgesprochen tendenziöse Darstellung in der HNA.“ Die Staatsanwaltschaft Kassel hatte nach einer Strafanzeige ein Ermittlungsverfahren gegen die Direktorin der Kunsthalle Fridericianum, Susanne Pfeffer, wegen des Verdachts der Volksverhetzung eingeleitet. Das Verfahren wurde rasch wieder eingestellt, weil es nichts gab, was strafrechtlich von Bedeutung gewesen wäre, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Die Flagge des Islamischen Staates über einer Moschee. Foto: dpa

Die schwarze Flagge auf dem Zwehrenturm am Fridericianum hatte im September und Oktober viele Menschen an den barbarischen Krieg in Syrien und im Irak erinnert. Die vermeintliche Kriegsflagge des Islamischen Staates (IS) sollte für die inzwischen beendete Ausstellung „Aftershock Poetry“ des Künstlers Farhad Fozouni in der Kunsthalle Fridericianum werben.

Das schwarze Tuch mit dem weißen persisch-arabischen Schriftzeichen habe nichts mit dem gefürchteten Symbol der IS-Terroristen zu tun, hatte Kunsthallen-Chefin Susanne Pfeffer erklärt.

Auf der Fahne stand schlicht gar nichts. Das wie ein W mit einem waagrechten Strich darüber aussehende Zeichen wird Schadda oder Taschdid genannt und ist in der arabischen Schreibung ein Verdoppelungszeichen. Wenn es über einem Buchstaben steht, wird dieser bei der Aussprache doppelt betont. Steht kein Buchstabe darunter, wird das Verdoppelungszeichen funktionslos. Die Kasseler Staatsanwaltschaft hatte die Präsentation der schwarzen Flagge wegen der Nähe zum IS-Symbol als „wenig glücklich“ bezeichnet.

Von Jörg Steinbach

Die Stellungnahme im Wortlaut

Stellungnahme zur Fahne auf dem Zwehrenturm - anlässlich der Ausstellung des Künstlers Farhad Fozouni im Wortlaut:

"Mit Stolz und Freude stellen wir fest, dass Susanne Pfeffer seit über einem Jahr in der Kunsthalle Fridericianum mit Ausstellungen aufwartet, die auf faszinierende Weise die Lebenswirklichkeit spiegeln und untersuchen. Dabei ist es ihr jedes Mal gelungen, neue Strömungen in der internationalen Kunst aufzuspüren und zur Diskussion zu stellen. Dieses anspruchsvolle Programm ist überregional wahrgenommen und verstanden worden.

Umso mehr entsetzt uns der Umgang mit ihr und ihrer Arbeit im Zusammenhang mit der Ausstellung „Aftershock Poetry“ von Farhad Fozouni, für die eine Flagge mit einem weißen Schriftzeichen auf schwarzem Grund auf dem Zwehrenturm warb. Die fast ausschließlich anonym vorgebrachten Verdächtigungen, es handele sich um die Kriegsflagge des Islamischen Staates, werden selbst jetzt noch zitiert, obwohl die Unterstellungen als irrig bewiesen werden konnten und die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen einstellen musste. Dabei hätte die Hilfe der Justiz gar nicht bemüht werden müssen. Eine kurze Beschäftigung mit der Ausstellung oder eine Rückfrage bei der Kunsthallenleitung hätten genügt, um festzustellen, dass es sich bei dem Schriftzeichen um ein zur Leerformel gewordenes Ornament handelt.

Daher sind wir über das ungestüme Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft sowie die ausgesprochen tendenziöse Darstellung in der HNA besorgt. Gerade in der documenta-Stadt ist ein Klima der Aufgeschlossenheit und des Wohlwollens gegenüber der Kunst von überragender Bedeutung."

Prof. Joel Baumann, Kunsthochschule Kassel, Kasseler Kunstverein

Dr. Friedrich Block, Stiftung Brückner-Kühner, Kunsttempel

Thomas Bockelmann, Staatstheater Kassel

Elke Bockhorst

Prof. Hardy Fischer

Dr. Dorothee Gerkens, Neue Galerie

Bernd Leifeld

Dr. Harald Kimpel

Christine Knüppel, Kulturzentrum Schlachthof

Prof. Christian Kopetzki

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann

Angela Makowski

Maren Matthes, Kultursommer Nordhessen

Prof. Dr. Hansjörg Melchior

Karin Melchior, Kunstagentur Karin Melchior

Dr. Gerd Mörsch, documenta Archiv

Dr. Klaus Ostermann, Internationale Louis Spohr Gesellschaft, Spohr Museum

Ulrike Petschelt, Galerie Ulrike Petschelt

Juliane Sattler-Iffert

Volker Schäfer, Stiftung 7000 Eichen

Prof. h.c. Barbara Scheuch-Vötterle, Bärenreiter-Verlag

Christoph Schluckwerder, Kasseler Musiktage

Dr. Eva Schulz-Jander

Dirk Schwarze, documenta forum

Horst Schween

Frank Thöner, KulturBahnhof

Eckhardt Wagner

Helga Weber

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