Weniger Nervenkitzel, wenig Atemberaubendes

Warum uns die Vorstellung im Flic Flac in diesem Jahr enttäuscht 

Kassel. Jetzt ist wieder Flic Flac-Zeit in Kassel. Im Vergleich zu den letzten Jahren war das Zirkus-Programm am Mittwochabend aber eher enttäuschend. Unser Schnellcheck. 

Am Mittwoch feierte der moderne Zirkus in diesen Jahr Premiere auf dem Kasseler Friedrichsplatz. 

Kurz und knapp: Wie war die Premiere von Flic Flac in Kassel?

Ganz ehrlich: enttäuschend. Wer regelmäßig in den vergangenen Jahren das Festival der Artisten in Kassel besucht hat, der ist anderes gewohnt. Bislang wurde in dem schwarz-gelben Zelt auf dem Friedrichsplatz internationale Artistik der Spitzenklasse geboten. Dadurch hat das Publikum in Kassel natürlich sehr hohe Ansprüche, die in der neuen Show ganz selten erfüllt werden.

Feuchte Hände und Herzklopfen – das gehörte bislang zu jedem Flic-Flac-Besuch. Am Mittwochabend haben die meisten Darbietungen – mit vielleicht zwei Ausnahmen – für keinen erhöhten Puls gesorgt. Hatten bislang viele Flic-Flac-Künstler Champions-League-Niveau, so ist man im Abstiegskampf angekommen – aber immerhin noch in der Bundesliga.

Dass die 1400 Zuschauer der Premiere nicht so begeistert wie früher waren, zeigte sich auch am vergleichsweise verhaltenen Applaus. Früher schmerzten die Hände nach dem Klatschen. Auch stand das Publikum am Ende nicht auf, um den Artisten zu applaudieren. Das macht Flic-Flac-Fans fast schon traurig.

Zirkus Flic Flac in Kassel

Trotzdem: Was waren denn die Höhepunkte des Abends?

Es gab dann doch eine Nummer, die erfrischend neu war und alles vereinte: Akrobatik, Witz und ein bisschen Nervenkitzel. Dafür sorgte die Schweizer Gruppe, die sich D’Holmikers nennt. Sie zeigte ihre Kunststücke am Barren – und das im Horrorstyle. Da stellte sich der an sich typische Flic-Flac-Effekt ein: Staunen und das Gefühl haben, so etwas noch nie gesehen zu haben. Ein großes Lob verdiente sich auch das russische Duo Flash of Splash, das in der Luft schwebte, aber alles andere als eine Luftnummer bot. Das war klassische Akrobatik – und trotzdem extrem faszinierend.

Gab es Aha-Effekte? 

Da sind wir wieder bei den D’Holmikers. Dort trat ein Riese im Horrorkostüm auf und probierte sich am Barren. Und als er so in Schwung war, verlor er plötzlich seinen Kopf. Aber keine Panik: Dem Künstler geht es gut, weil die Nummer eins gerade nicht war: kopflos.

Worüber ließ sich am meisten lachen?

Nun ja, die meisten Lacher produzierte sicher Hubertus Wawra als Master of Hellfire, der mit dem Feuer und dem Publikum spielte. Als er Besucherin Tessa aus der Mitte der Tribüne auf die Bühne holte, wurde es tatsächlich sehr unterhaltsam. Allerdings galt für ihn das, was auch zum Kasseler Comedy-Künstler Brian O’Gott zu sagen ist: Ein bisschen weniger wäre mehr gewesen. Beide nahmen insgesamt zu viel Raum ein. O’Gott gab den Moderator mit Gitarre. Sein Kassel-Lied war ebenso originell wie seine Fernsehreportage auf dem Kopf. Aber was ein Gedicht über Ikea in dieser Show zu suchen hat, erschließt sich nicht wirklich.

Was fehlte und was wurde vermisst?

Es fehlte schlicht das, was Flic Flac über Jahre ausgezeichnet und einzigartig gemacht hat: der Dauer-Nervenkitzel, das Atemberaubende. Früher ging der Zuschauer mit schweißnassen Händen und der Gewissheit aus dem Zelt, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben. Diesmal verlässt er Flic Flac mit dem Gefühl, dass es ganz nett gewesen ist. Das aber ist ja gerade nicht der Anspruch des modernen Zirkus. Ob das alles auch daran liegt, dass die Nummer mit der Tierakrobatik nach langen Diskussionen nicht stattfand, kann nur gemutmaßt werden. Zumindest kommt das Gefühl auf, dass so kurzfritig die Lücke nicht adäquat gefüllt werden konnte.

Was fiel noch auf?

Es geht nicht mehr ohne Handy. Kaum ein Besucher im Publikum, der nicht während der Vorstellung sein Smartphone zückte und die Stimmung einfing. Immerhin: Es gab genügend Gelegenheiten, schöne Bilder zu machen. Die Lichteffekte waren nämlich künstlerisch wertvoll. Überhaupt kam am Ende die Vermutung auf, dass sich der Schwerpunkt dieser Show verschoben hat: weniger Akrobatik, mehr Lichterglanz, mehr Wortanteil. Kurzum: Mehr fürs Handy. Wobei es allerdings auch Männer gegeben haben soll, die auf dem Handy schnell mal nachschauten, wie es im DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen München und Dortmund steht. Dass es ihnen zwischendurch ganz heiß wurde, lag aber nicht am Ergebnis, sondern mitunter an der nicht immer tollen Luft im Zelt.

Empfehlen wir trotzdem einen Besuch?

Naja, es ist nicht so, dass die große Langeweile aufgekommen ist. Aber früher fiel es leichter, einen Besuch zu empfehlen.

Flic Flac bekam Anschlagsdrohung wegen Tieren 

Tierschützer hatten im November 2017 gedroht, die Zelte des Flic Flac anzuzünden. Der Grund war, dass im Programm 2017/2018 eine Dresseurin mit einem Pferd und einem Hund auftreten sollte. Weil Angst vor einem Brandanschlag herrschte, zog die Frau die Nummer mit den Tieren zurück.

Rubriklistenbild: © Fischer

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