Kasseler Krankenhaus

Frieren für den Erhalt der Haare

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Chemotherapie mit Kühlkappe: Brustkrebspatientin Annette Vöpel ist froh darüber, dass ihr dank Kühlgerät ihre Haare erhalten blieben. Foto:  He ise-Thonicke

Kassel. Das Brustzentrum am Kasseler Elisabeth-Krankenhaus bietet Krebspatienten Kältehauben während der Chemotherapie an. Mit gutem Erfolg: Viele Patienten behielten ihre Haare. 

Die dicke Wollstrickjacke, zwei Decken, Schal und Socken schaffen es nicht, gegen die Kälte anzukämpfen. „Es ist arg kalt“, sagt Annette Vöpel und lächelt dabei tapfer. Das Frieren nimmt sie gerne in Kauf, denn offenbar hilft es ihr erfolgreich, trotz Chemotherapie ihre langen lockigen Haare zu behalten.

Vor, während und nach der Chemotherapie trägt die Brustkrebspatientin eine Kühlkappe, die eine Gefäßverengung und eine Reduzierung des Zellstoffwechsels der Kopfhaut bewirkt. Dadurch nehmen die Zellen weniger chemische Substanzen auf, und die Haarzellen werden geschont.

Bei Annette Vöpel zeigt diese Methode gute Erfolge. „Es fehlen schon Haare“, hat sie festgestellt, nachdem sie bereits die Hälfte der Therapie geschafft hat. Der befürchtete Haarverlust ist aber nicht eingetreten. Das macht es der 38-jährigen Arolserin leichter, mit ihrer Brustkrebserkrankung umzugehen,

„Die Frauen wollen nicht, dass sie als Krebskranke erkannt werden“, sagt die Chefärztin des Brustzentrums am Kasseler Elisabeth-Krankenhaus, Dr. Sabine Schmatloch. Der Haarverlust bei einer Chemotherapie sei vor allem für Frauen oft ein tiefer Einschnitt auch in ihr eigenes Selbstbild.

Seit über einem Jahr bietet das Brustzentrum deshalb die Möglichkeit an, während der Chemotherapie die Kopfhaut über ein spezielles sensorgesteuertes Gerät auf etwa vier Grad zu kühlen.

„Uns lagen Berichte vor, die gute Behandlungsergebnisse bei Patientinnen mit primärem Mammakarzinom bestätigten“, erläutert Sabine Schmatloch. Die Erfahrungen seien auch am Elisabeth-Krankenhaus gut. Die Erfolgsrate liege bei 60 bis 80 Prozent.

Allerdings sei das Verfahren nicht für alle Patientinnen geeignet, zum Beispiel wenn die Dosis des Anti-Krebsmedikaments höher ist. Manche Frauen scheuten auch die Kühltherapie, weil sie ihnen schlicht zu kalt sei.

„Es ist schon eine Prozedur“, schildert die Chefärztin. Die in drei Größen vorhandenen Kühlkappen müssen von extra geschultem Personal gut angepasst werden, damit die Kappen möglichst überall eng an der Kopfhaut anliegen. Auch der Zeitaufwand ist höher, weil auch vor und nach der eigentlichen Chemotherapie gekühlt werden muss. Für die Patientinnen, die mit nassen Haaren unter die Haube gehen müssen, bedeutet dies eine lange Zeit des Frierens, mitunter anfänglich auch begleitet von Kopfschmerzen.

Annette Vöpels Nachbarin am zweiten Kühl-Therapie-Platz hat die gesamte Prozedur endlich hinter sich. Sichtlich erschöpft und emotional mitgenommen hofft sie, dass die Chemotherapie ihr hilft, wieder gesund zu werden. Die Kühlkappe hat sie leider nicht davor bewahrt, dass sie einen großen Teil ihrer Haare verloren hat. Doch dank der Kühltherapie würden die Haarwurzeln weniger stark geschädigt und die Haare wachsen schneller nach, tröstet sie die Ärztin.

Bei einer Chemotherapie kommen Medikamente (Zytostatika) zum Einsatz, die in den Zyklus von Zellen eingreifen, die sich häufig teilen – beispielsweise Krebszellen. Sie schädigen aber auch normale Körperzellen der Schleimhaut, des Knochenmarks und der Haarwurzeln. Durch den Effekt der Kühlkappen können die Haarzellen geschützt werden, da sie unter der Therapie weniger Zytostatika aufnehmen. Aufgrund der guten Erfolge und der Nachfrage der Patientinnen will das Elisabeth-Krankenhaus ein weiteres Kühlgerät mit zwei Kappen anschaffen. Die Kosten für die Kühlbehandlung belaufen sich pro Zyklus auf etwa 60 Euro, wobei die Möglichkeit der Kostenerstattung durch die Krankenkasse besteht.

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