Der Chef entkam den Nazis

Geschichte der Kasseler Farbenfabrik Rosenzweig & Baumann

Hier wurden die Farben und Lacke hergestellt: Die Produktion in Bad Wilhelmshöhe, die im Krieg zerstört wurde.

Kassel. Die Geschichte der Firma Rosenzweig & Baumann ist ein Beispiel dafür, dass man sich trotz der Verfolgung durch die Nazis für seine jüdischen Nachbarn einsetzen konnte.

Dokumente dazu bekommt jetzt das Stadtmuseum.

Die Unterlagen der Kasseler Farben- und Lackfabrik Rosenzweig & Baumann hat Heinrich Jacob aus den Flammen in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 gerettet. Damals wurde auch das Bürogebäude der Firma am Spohrplatz in der Kasseler Innenstadt zerstört. Sein Sohn, der heute 89-jährige Prof. Winfried Jacob, war der letzte Geschäftsführer der von 1818 bis 1989 bestehenden Firma. Er will die Unterlagen jetzt dem Stadtmuseum übergeben und damit ein Stück heimischer Unternehmensgeschichte für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Winfried Jacob

Die Firma hatte zwei Standorte am Ende der Holländischen Straße kurz vor der Stadtgrenze und am Bahnhof Wilhelmshöhe. Dort, wo heute das IC-Hotel steht, wurden früher Farben und Lacke hergestellt. „Das Firmengrundstück ging bis zur Kohlenstraße“, erinnert sich Winfried Jacob. Neben der Fabrikation gab es ausgedehnte Grünflächen, in denen die Mitarbeiter ihre Kleingärten zur Versorgung mit Obst und Gemüse hatten. Aus der Unternehmerfamilie Rosenzweig ging auch der berühmte jüdische Philosoph Franz Rosenzweig hervor.

Durch einen glücklichen Zufall habe sein Vater in dem Unternehmen Karriere gemacht, sagt Winfried Jacob. Die Firma habe für Neuentwicklungen enge Kontakte mit der Kölner Universität gehabt. Bei einem Besuch in Kassel sei ein Kölner Professor auf seinen Vater aufmerksam geworden. „Der hat als Stift eigentlich nur einige Ordner für die Besprechung gebracht“, sagt Jacob. Dabei muss er einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen haben. Obwohl er nur einen Volksschulabschluss hatte, bekam er die Chance zum Studium.

Die nutzte er, wurde Chemiker und stieg bis in die Unternehmensführung auf. Seinem Mentor, dem Firmeninhaber Dr. Ernst Baumann, war er ein Leben lang dankbar. Mit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 wurde die Lage für die jüdische Firma immer schwieriger. Öffentliche Aufträge gab es nicht mehr.

Historisches Foto aus dem 19. Jahrhundert: So sah das Labor auf dem Firmengelände neben dem Bahnhof Wilhelmshöhe damals aus. Repros/Foto: Koch 

Als die Firma 1935 zwangsarisiert wurde, gab es heimliche Unterstützung für die Familie Baumann. „Meine Mutter und eine Sekretärin schrieben nächtelang Rezepturen für Lacke und Farben ab“, sagt Winfried Jacob. Vor einer Hausdurchsuchung durch die SS hatte man gerade noch Zeit, die Dokumente zu verstecken. Ein Schulfreund von Heinrich Jacob hatte die Familie gewarnt. Die Abschriften der Rezepturen hat die SS nicht gefunden. Mit diesem Schatz im Gepäck konnte Dr. Ernst Baumann in Südafrika neu anfangen. Er kehrte 1948 nach Kassel zurück. Gemeinsam mit Heinrich Jacob leitete er die Firma bis zu seinem Tod im Jahr 1952.

Winfried Jacob setzte die Familientradition bis 1989 fort. Das Unternehmen gehörte damals zum AEG-Konzern und lieferte unter anderem Rostschutzfarbe für Fabriken von Krupp sowie eine große Gaspipeline von Sibirien nach Deutschland. Bundesweit sei man lange Marktführer und auch international aktiv gewesen, sagt Winfried Jacob. Die Witwe von Franz Rosenzweig, Edith, hat ihn übrigens in den 1970er-Jahren angerufen. Sie wollte mit ihm einen Rundgang auf den Spuren der Familie machen. Die Farben- und Lackfabrik gehörte dazu.

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