Eichenprozessionsspinner kann zu echter Plage werden

Giftraupe erstmals in Kassel nachgewiesen - Härchen können Allergie auslösen

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Im Gänsemarsch: So sieht es aus, wenn sich die Raupen der Eichenprozessionsspinner gemeinsam auf den Weg zum Futter machen.

Der als Schädling gefürchtete Eichenprozessionsspinner ist in Kassel angekommen. „Wir haben ihn eindeutig nachgewiesen“, sagt Dr. Kai Füldner, der Leiter des Naturkundemuseums.

Der promovierte Forstwissenschaftler, der auch für das Stadtmuseum zuständig ist, untersucht mit Kollegen, welche Insekten vor unserer Haustür vorkommen. Teilweise gibt es dramatische Rückgänge, es kommen aber auch neue Arten bei uns an.

Zu denen gehört die Bunte Ligustereule, ein kleiner Schmetterling, der bislang nördlich von Frankfurt nicht gesichtet wurde. Dieser und andere Falter, die eigentlich typisch für Gegenden mit einem Weinbauklima sind, gehören zu den Vorboten einer Veränderung. Es wird im Schnitt wärmer, darauf reagiert unter anderem die Insektenwelt. Mit ausgesprochen unangenehmen Auswirkungen.

Probleme für Asthmatiker

Denn der Eichenprozessionsspinner kann zu einer echten Plage werden. Von dem eher unscheinbaren Nachtfalter selbst geht keine Gefahr aus. Die Raupen mit ihren feinen Härchen können allerdings allergische Reaktionen auslösen.

Zuletzt gab es Berichte aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und dem südlichen Schwalm-Eder-Kreis darüber, dass Nester von Eichenprozessionsspinnern entdeckt wurden. Dort hat man mit Absperrungen im Wald reagiert. Nester wurden durch die Feuerwehr abgeflämmt. Insbesondere Asthmatiker sollten Abstand zu solchen Nestern halten.

Vorsicht sei vernünftig, es gebe aber keinen Anlass zur Panik, sagt Insektenexperte und Museumschef Füldner. Er verweist auf südliche Länder wie die Türkei oder auch Spanien. Dort gebe es seit vielen Jahre verschiedene Arten von Prozessionsspinnern, teilweise auch in Touristenzentren.

Nester mit Raupen sind bislang in Kassel und Umgebung noch nicht gesichtet worden. Weiter südlich werden sie in erster Linie in der Nähe von Kindergärten und Spielplätzen bekämpft. Das könnte demnächst auch in Nordhessen nötig sein.

Prozession zur Futtersuche

Die haarigen Raupen treten hauptsächlich an Eichen, aber zunehmend auch an anderen Bäumen in Wäldern und Städten auf. Der Name Eichenprozessionsspinner ist dabei auf die Gewohnheit der einzelnen Raupen zurückzuführen, sich zu typischen Prozessionen zusammenzuschließen. So machen sie sich größer und erscheinen damit Fressfeinden wie Vögeln als Schlange.

Auch andere Insekten auf dem Weg nach Norden

Eigentlich freut er sich über jedes Insekt, das er mit der bläulich leuchtenden Speziallampe anlocken kann. „Am Waldrand in der Stadt funktioniert das noch halbwegs, auf den Feldern tut sich so gut wie nichts“, sagt Dr. Kai Füldner, der Leiter des Kasseler Naturkundemuseums Ottoneum. Das Insektensterben bereitet ihm und den anderen Fachleuten schon länger Sorgen. Im Museum gab es dazu eine Ausstellung unter dem Titel „Ausgesummt“.

Weil er dokumentieren will, welche Arten noch vorkommen, lockt er Insekten mit der blauen Lampe an. Und hat bereits interessante Entdeckungen gemacht. Unter anderem kommen mittlerweile Schmetterlinge in Kassel vor, die früher nur deutlich weiter südlich angesiedelt waren. Die tragen so schöne Namen wie Bunte Ligustereule und Eichenkarmin.

Vom Licht angelockt: Insekten auf der Speziallampe. 

Doch es gibt auch zumindest einen ungebetenen Gast: den Eichenprozessionsspinner. Zuletzt hatten Fachleute des städtischen Umwelt- und Gartenamtes die Befürchtung geäußert, dass dieser Schädling auf dem beobachteten Weg Richtung Norden bald auch in Kassel ankommen werde. „Der Fall ist jetzt eingetreten, wir haben den Eichenprozessionsspinner eindeutig nachgewiesen“, sagt Füldner. Es handele sich dabei um einen unscheinbaren kleinen Schmetterling. Im Gegensatz zu den Weibchen fliegen die Männchen einige Kilometer von einem vorhandenen Nest weg, um sich auf die Suche nach weiblichen Tieren zu machen. „Das muss jetzt nicht heißen, dass sie bei uns sofort heimisch werden, aber die Wahrscheinlichkeit ist weiter gestiegen“, sagt Füldner.

Dokumentiert Insekten in Kassel: Dr. Kai Füldner.

Der Eichenprozessionsspinner und die anderen Schmetterlinge aus dem Süden sind für ihn deutliche Anzeichen der klimatischen Veränderung. Es werde wärmer und trockener, die Insekten reagierten darauf.

Im Naturkundemuseum Ottoneum gibt es eine umfangreiche Sammlung mit Schmetterlingen und anderen Insekten. Sie dokumentiert den früher vorhandenen Artenreichtum. Jetzt gehe es unter anderem darum, die aktuelle Entwicklung für nachfolgende Generationen zu dokumentieren, sagt Füldner.

Auf vielen landwirtschaftlich genutzten Flächen seien kaum noch Insekten zu finden. Das bereite ihm mindestens so viele Sorgen wie das Vordringen des Eichenprozessionsspinners, sagt Füldner.

Gefährliche Härchen

Der Eichenprozessionsspinner ist eigentlich in Südeuropa beheimatet. Er breitet sich mittlerweile aber immer weiter Richtung Norden aus. Gefährlich sind die Raupen mit ihren Brennhaaren. Jedes von ihnen enthält das Nesselgift Thaumetopoein, welches insbesondere Asthmatikern und Menschen mit Allergien zu schaffen macht. Gerötete Augen, Hautausschläge und Juckreiz sind die Symptome.

Die Gefahr bleibt selbst dann bestehen, wenn sich die Eichenprozessionsspinner Ende Juli in der Erde verpuppen. Millionen der Gifthaare bleiben dann in den Nestern zurück.

Oft reicht ein Windstoß, um die Härchen über hunderte von Metern wegzuwehen. Wer darauf reagiert, der sollte zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Zu den generellen Empfehlungen gehört, dass man die betroffenen Stellen kühlen und gegebenenfalls mit Antihistaminika oder kortisonhaltigen Salben behandeln sollte.

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