Glitzerburg war Glanzstück unter Kassels Wohnhäusern

+
Foto von 1900: Im Vordergrund die damalige Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Str.) mit dem gotischen Uhrtürmchen. Im Hintergrund die Glitzerburg, dessen späterer Besitzer die Uhr stiftete, und rechts davon die Kirche St. Familia. Das auf dem Bild sichtbare große Parkanwesen der Villa wurde später mit der heutigen Alten Hauptpost bebaut. Links im Bild die Karthäuserstraße.

Kassel. In Kassel gab es bis zur Bombennacht im Oktober 1943 etliche pompöse Villen. Eine der bedeutendsten war die Glitzerburg.

Neben der Henschelvilla auf dem Weinberg war sie nach Auskunft des Architekturhistorikers Christian Presche einer der größten und bedeutendsten Kasseler Villen der damaligen Zeit.

So hieß im Volksmund die von 1868 bis 1870 erbaute Villa an der Karthäuserstraße. Der neugotische Bau mit den das Sonnenlicht reflektierenden Dachziegeln (daher der Name Glitzerburg) stand auf dem Areal der Alten Hauptpost.

Eine der zwei größten Villen der damaligen Zeit: Die Glitzerburg an der Karthäuserstraße entstand zwischen 1868 bis 1870. Im Krieg wurde das Gebäude ausgebombt.

Bauherr der Villa war der Konsul Carl Wedekind. Auf seinem parkähnlichen Anwesen, das sich über das gesamte Grundstück der heutigen Alten Hauptpost erstreckte, ließ er sein Haus bis in die Ausstattung hinein neugotisch gestalten. Eine hohe Mauer umgab das Areal (auf Fotos zu sehen). Nach Entwürfen des Architekten Wilhelm Lüer wurde der herrschaftliche Bau von dem Kasseler Maurermeister Seyfarth errichtet. Die Backsteine stammten aus einer Fabrik am Möncheberg.

Nach seiner Fertigstellung erregte die Villa bundesweites Aufsehen. Auf dem Titelblatt der „Deutschen Bauzeitung“ vom 10. Februar 1870 wurde das Bauwerk wegen seiner monumentalen Ausführung und der konsequent neugotischen Gestaltung gepriesen.

Damen- und Herrenzimmer 

Neben einem Aussichtsturm, von dem man seinerzeit die Stadt und das Umland überblicken konnte, gab es zahlreiche Zimmer, die mit wertvollen Gemälden und kostbaren Marmorstatuen geschmückt waren. Es gab nicht nur Empfangs-, Speise-, Schlaf- Kinder-, Gäste-, Bade-, Diener- und Ankleidezimmer. Es war auch Platz für ein „Zimmer des Herrn“ und ein „Zimmer der Frau“ sowie ein „Pflanzenzimmer“. Das Innere des Hauses war mit Wandvertäfelungen, Glasmalereien und Fresken verziert. Die Wandgemälde hatte der Künstler Carl Merkel geschaffen, der auch ein Altargemälde im Fritzlarer Dom gemalt hatte.

Nachkriegsfoto: Die 1 zeigt die Glitzerburg-Ruine, die 2 das provisorische Dach der Alten Hauptpost, die 3 die zerstörte Villa Rothfels und links von der 4 sind die erhaltene Villen an der Karthäuserstraße zu sehen.

Nach dem Tod des Konsuls verkauften dessen Erben 1883 die Glitzerburg an den Kasseler Kaufmann Carl Ponfik. Dieser wiederum veräußerte die Villa samt des Parkareals 1902 an die kaiserliche Postverwaltung. Auf dem Grundstück entstand bis 1905 der bis heute weitestgehend erhaltene Postbau. Die Glitzerburg blieb unangetastet und wurde vom Oberpostdirektor als Dienstsitz genutzt. Im Krieg wurde die Villa ausgebombt. Die Ruine wich einem Neubau der Post, den inzwischen die Telekom nutzt.

Presse schwärmte: "Monumental" 

Wurde 1905 gebaut: Die heutige Alte Hauptpost.

In der Deutschen Bauzeitung vom 10. Februar 1870 war die Titelseite der Glitzerburg gewidmet. Dort war zu lesen: "Wandert man von Cassel nach der berühmten Wilhelmshöhe, so erblickt man bald nachdem man das Thor passirt hat, hoch auf dem Hügel, welcher sich von Cassel bis nach Wilhelmshöhe hinzieht, die Villa ... Die Hauptfronte derselben liegt genau gegen Süden und überblickt geradeaus die zu ihren Füssen liegende Stadt ... Das Innere des Gebäudes ist in gleich monumentaler Weise, wie das Aeussere durchgeführt ... Es befindet sich überhaupt in dem ganzen Gebäude auch nicht der kleinste zu dem Bau gehörende Gegenstand, der als fertige Fabrikware gekauft wäre, sondern von dem im Souterrain befindlichen Gehäuse des pneumatischen Klingelapparates ab bis hinauf zu den Wandschränken in den Dienerzimmern des Dachgeschosses sind alle Einzelheiten des Baues, wie das Mobiliar der Zimmer, das Beleuchtungsgeräth, dem Charakter des Gebäudes entsprechend und der Oertlichkeit sich anpassend nach besonderen Zeichnungen eigens für diesen Zweck gefertigt."

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.