Wie ist es geworden?

Die Grimmwelt eröffnet heute: Ein Rundgang durch die Ausstellung

Verführt von den Stimmen in der Dornenhecke: Blick in den Märchenbereich. Foto: Koch

Kassel. Wer durch die in 25 Stationen nach Buchstaben aufgeteilte Ausstellung in der neuen Grimmwelt wandert, erlebt auf 1600 Quadratmetern ganz verschiedene Präsentationsstile.

Aktuelles zur Einweihung gibt es ab 12 Uhr auf Kassel Live

Konzeptionell und ästhetisch am überzeugendsten wirkt die obere Etage, jene Ebene, die die wissenschaftliche Arbeit der Brüder Grimm vorstellt. Hier hat das Architekturbüro Holzer Kobler den Raum so gestaltet, dass er wie eine gigantische Registratur wirkt. Die Besucher wandern quasi zwischen Registerblättern und Buchseiten herum. Halb transparente Lamellen und bedruckte Gewebebahnen, die bodentief von der Decke hängen, bilden eine ästhetisch ansprechende Optik, in die die Ausstellungsmacherinnen Annemarie Hürlimann und Nicola Lepp Vitrinen und Installationen eingepasst haben. Toll ist: Man kann die Objekte betrachten wie in einer Kunstausstellung, bewundert etwa die wandhohe Notizzettelinstallation, die auch visuell deutlich macht, was wissenschaftliches Sammeln im 19. Jahrhundert heißt – der Zettel als Speicherplatte von einst.

Man kann sich aber auch in die gut aufbereiteten Begleittexte vertiefen, um etwa den Recherchewegen der Brüder näherzukommen. Dass die kostbaren Handexemplare wie in einer Schatzkammer aus Buchseiten verwahrt werden, passt wunderbar.

Poetische Kraft

Höhepunkt in dieser Ebene ist die Installation von Alexej Tchernyi, der 14 Bildkästen zur Geschichte des Deutschen Wörterbuchs geschaffen hat -–dreidimensionale Papierkunstwerke, die viel Erzähl-Inhalt mit einer umwerfenden poetischen Kraft verbinden.

Das Untergeschoss präsentiert sich ganz anders. Im grünborstigen Fantasiewald geht es kopfüber hinein in die Märchenwelt, es wird davon ausgegangen, dass ein Grundwissen über die Inhalte von Rumpelstilzchen und Co. vorhanden ist. Die eng angeordneten Stationen bieten eine breite Palette von Erlebnismöglichkeiten – vom sinnlichen Erleben, eine Geschichte mündlich erzählt zu bekommen, zur Projektion, die einen ans Tischlein zu den sieben Zwergen versetzt.

Einige Effekte hier werden sich möglicherweise recht schnell abgenutzt haben, bei mancher Station gibt es außer einer Erlebnisebene keine Tiefenstruktur oder Komplexität, die bei einem wiederholten Besuch neue Inhalte zum Vorschein bringen würden.

Erste Einblicke in die Grimmwelt Kassel

Die Grimmwelt ist bewusst nicht auf Geschlossenheit angelegt, sie ermöglicht ganz unterschiedliche Zugangswege und kommt verschiedenen Besuchsmotivationen entgegen. Diese Offenheit ähnelt ein wenig dem Internet mit seiner großen Nutzungsfreiheit. Das ist absolut zeitgemäß, fordert Besucher aber auch heraus, sich aktiv Wissens-, Kunst- oder Erlebnisinhalte vorzunehmen. Werke von Ai Weiwei, Ecke Bonk und anderen bieten zusätzlich großen künstlerischen Genuss.

Biedermeierliches Leben

Auf schmalen Wandborden wird im letzten Ausstellungsbereich die Biografie der Brüder aufbereitet. Briefe, Tagebuch und Bilder stehen darauf, im Vorbeigehen begleitet man die Brüder durchs Leben. Auf einem großen Lagerregal sind Objekte aufgebaut, von Schmuckkästchen bis Suppenkelle – nicht zuviel, nicht zu wenig. Das ermöglicht einen schönen Blick in den biedermeierlichen Alltag.

Nur wer auf dem Wandsofa Platz nimmt und genau hinhört, bekommt gegen Rundgangsende eine schöne Audioinstallation mit, in der Menschen darüber sprechen, welche Rolle Märchen in ihrem Leben haben, und wie sie sich an die Geschichten erinnern.

Erste Einblicke in die Grimmwelt:

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