230 Helfer aus Stadt und Kreis Kassel bereit

Große Evakuierung nach Bombenfund in Frankfurt: Kassel hilft in der Not

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Sie sind bereit zum Einsatz: Das DRK-Team fährt nach Frankfurt zur Bombenentschärfung, links im Bild Stephan Schild, Rotkreuzbeauftragter für Katastrophenschutz.

Frankfurt/Kassel. Für die größte Evakuierungsaktion der Nachkriegsgeschichte hat Frankfurt um Hilfe gebeten. Und Kassel steht bereit. Am Sonntag wird dort eine Weltkriegsbombe entschärft.

Wenn am Sonntag in Frankfurt 60.000 Menschen wegen einer Fliegerbombenentschärfung evakuiert werden müssen, stehen auch Kasseler Hilfskräfte zur Verfügung. 230 Helfer aus Stadt und Kreis Kassel halten sich bereit. Sie gehören zum ASB, der Johanniter-Unfallhilfe und dem Roten Kreuz.

Für die Entschärfung der bei Bauarbeiten aufgetauchten 1,8 Tonnen schweren Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg müssen am Sonntag innerhalb weniger Stunden Zehntausende aus benachbarten Wohnungen, Krankenhäusern und Altenheimen geholt werden. Dafür hat die Main-Metropole um Unterstützung gebeten. Dass der Hilferuf bis nach Kassel reichte, zeigt, wie aufwendig die Aktion wird.

"Wir sind in Voralarmbereitschaft"

„Stadt und Kreis Kassel stellen je zwei Sanitätszüge und zwei Betreuungszüge bereit“, sagt Daniel Kleinschmidt, Gesamteinsatzleiter der Feuerwehr Kassel. Zu diesen gehören insgesamt 200 ehrenamtliche Helfer sowie 24 Fahrzeuge – darunter vor allem Rettungswagen, Krankentransporter und Gerätewagen. „Wir sind in sogenannter Voralarmbereitschaft“, sagt Kleinschmidt. Das bedeutet, dass sich die Helfer auf Abruf auf den Weg nach Frankfurt machen. Von Samstag bis Montagfrüh sind die Retter jederzeit abfahrbereit.

Zusätzlich stehen zwei Transportgruppen aus Stadt und Kreis Kassel mit nochmals 30 Helfern und weiteren Fahrzeugen zur Verfügung. „Ich gehe davon aus, dass diese auf jeden Fall zum Einsatz kommen werden“, sagt Kleinschmidt. Denn der Transport und die Verlegung von alten und kranken Menschen stelle eine große logistische Herausforderung dar.

Der reguläre Rettungsdienst in Kassel werde durch die Hilfsaktion in Frankfurt nicht beeinträchtig. Denn es handelt sich ausschließlich um ehrenamtliche Helfer, die für den Katastrophenschutz ausgebildet wurden.

Im Exil: Der HR sendet seine Programme hr1, hr3, hr4 und hr-info am Sonntag aus Kassel. Dafür stellt hr4 seine neuen Studios zur Verfügung. Unser Bild zeigt hr4-Moderator Dieter Voss.

Ebenfalls im Ausnahmezustand ist der Hessische Rundfunk (HR), der seine Zentrale in Frankfurt für einen Tag räumen muss, weil sie ebenfalls nahe des Bombenfunds liegt. Erstmals in der Geschichte des HR werden deshalb die Hörfunkprogramme hr1, hr3 und hr4 für einen Tag gemeinsam aus dem Kasseler Studio gesendet, wo normalerweise nur hr4 produziert wird. Es läuft von 6 bis 24 Uhr auf allen Kanälen ein einheitliches Programm mit Live-Schaltungen zur aktuellen Lage in Frankfurt.

Auch hr-info sendet aus dem Kasseler Studio. Bei hr2 und you fm läuft ein Programm aus der Konserve.

Evakuierung am Sonntag aus der Ferne

Rene Bennert und seine Kollegen vom Kämpfmittelräumdienst werden die Entschärfung vornehmen.

René Bennert (40) wirkt weder angespannt noch nervös, als er neben zwei Polizisten vor dem Bauzaun neben dem Frankfurter Universitätscampus steht. Am Sonntag wird er wenige Meter entfernt die tonnenschwere britische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärfen, die hier vor wenigen Tagen entdeckt wurde. Zehntausende Menschen im Umkreis müssen ihre Wohnungen räumen. Bennert ist derjenige, der mit seinen Kollegen vom Kampfmittelräumdienst ganz nah dran ist an der explosiven Altlast des Krieges. 

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„Wir bauen ein Gerät vorne am Zünder an, das im Idealfall den Zünder rausdrehen soll“, sagt Bennert. Im brenzligsten Moment werde auch er nicht neben der Bombe stehen, denn die sogenannte Raketenklemme könne ferngesteuert bedient werden. „Wir machen eine Fernentschärfung. Das heißt: Wir sind weit genug weg und hinter einer Deckung“, versichert er. 

Dieter Schwetzler war im Urlaub, als ihn die Nachricht von dem riesigen Bombenfund ereilte. Der Leiter des Kampfmittelräumdienstes beim Regierungspräsidium Darmstadt machte sich sofort auf den Weg zur Fundstelle. „Das ist ein Wahnsinnsereignis, was jetzt in Frankfurt stattfindet“, sagt der 1956 geborene Schwetzler. Aus seiner Aufregung macht er keinen Hehl: „Wir haben so eine Bombe noch nicht entschärft.“ 

Schwetzler wird die Aktion zusammen mit René Bennert leiten. „Wir werden die Bombe entschärfen können“, sagt Bennert. „Wir werden sie nicht sprengen.“ Bennert und Schwetzler haben bei der Bundeswehr die Feuerwerkerausbildung absolviert und eine Zusatzausbildung zum Umgang mit Kampfmitteln aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gemacht. 

Der gefährlichste Ort Frankfurts: Ein Sichtschutzzaun steht vor einem blauen Zelt, unter dem die britische Luftmine liegt.

Angesichts der Sprengstoffmenge von 1300 bis 1400 Kilogramm hätte eine Detonation über Kilometer hinweg Auswirkungen auf die Statik von Gebäuden, auf Kabel oder Gasleitungen, sagt Günter Fricke, Geschäftsführer der Dresdener Sprengschule. Bereits am heutigen Samstag wird in Koblenz eine Fliegerbombe entschärft. Die 500 Kilo-Bombe war am Montag in einer Baugrube entdeckt worden.

So läuft der Verkehr in und um Frankfurt am Tag der Entschärfung

Um möglichst viele Betroffene aus dem Gefahrengebiet bringen zu können, werden die U-Bahnen am Sonntag ab Betriebsbeginn gegen 4 Uhr durch zusätzliche Wagen verlängert. 30 bis 40 Linienbusse stehen bereit, um Anwohner aus der Evakuierungszone zu bringen, sagte ein Sprecher. 

Die Straßenbahnen fahren nahezu ungehindert bis auf Linie 16, die nur bis zum Westbahnhof fährt. Fünf Buslinien, die sonst das gesperrte Gebiet durchqueren, fallen am Sonntag ganztägig aus. 

Auch außerhalb der Evakuierungszone könnten Linien ausfallen. Schon Freitagnacht wird die Rastanlage „Taunusblick“ auf der A5 Richtung Basel gesperrt. Auf der Rastanlage sollen Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr parken können. Sonntag ab 4 Uhr wird die A 66 gesperrt. Die Sperrung beginnt ab dem Nordwestkreuz Frankfurt sowie bei der Anschlussstelle Ludwig-Landmann-Straße. 

Ab 8 Uhr darf am Sonntag im Sperrgebiet nichts mehr fahren. In der übrigen Frankfurter City dürfte das zu mehr Verkehr führen. Autofahrer sollten den Bereich umfahren.

Infos für Betroffene in der Region

Folgende Stellen informieren rund um die Evakuierung in Frankfurt:

  • Bürgertelefon: 069/ 212111 
  • Infotelefon Bürgerhospital: 069/1500-5929 (Patienten) 069/1500-5930 (Schwangere) 
  • Infotelefon Marienkrankenhaus: 069/ 79390 
  • Tierrettungsdienst: 0700/ 95295295
  • RMV Servicetelefon: 069/ 24248024

Informationen der Frankfurter Polizei gibt es hier.

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