136 Mitarbeiter im Hauptwerk

Henschel in Kassel meldet trotz voller Auftragsbücher Insolvenz an

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Präzisionsarbeit an großen Bauteilen: Unser Foto zeigt Verzahnungstechniker Ulli Mischke beim Einmessen. Sondergetriebe sind die Spezialität des Kasseler Traditionsunternehmens.

Kassel. Das Kasseler Traditionsunternehmen Henschel im Werk Mittelfeld hat gestern Insolvenzantrag gestellt. Das teilte der geschäftsführende Gesellschafter des Spezialgetriebebauers, Matthias Henke, auf Anfrage der HNA mit. „Ich werde alles dafür tun, damit der Betrieb fortgeführt werden kann“, versicherte er.

Die Suche nach einem Investor laufe seit Monaten. Betroffen sind 183 Mitarbeiter, davon 136 im Hauptwerk Kassel sowie 47 in einem Schwesterbetrieb in Heiligenstadt in Westthüringen. Deren Gehälter zahlt für die Dauer von drei Monaten die Bundesagentur für Arbeit.

Einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Gericht zunächst nicht, dafür aber den Gutachter Dr. Andreas Kleinschmidt von der Frankfurter Kanzlei White & Case. Der erfahrene Sanierer erklärte auf HNA-Anfrage, dass er eine langfristige Lösung für Henschel anstrebe und angesichts der guten Auftragslage optimistisch sei, den Betrieb dauerhaft weiterführen zu können. Matthias Henke bleibe an Bord. Gemeinsam werde man nach einer tragfähigen Lösung für Henschel suchen.

Matthias Henke

Als Gründe für die Schieflage des Unternehmens nannte Henke die Verschiebung von Aufträgen seitens russischer Kunden infolge des Öl- und Gaspreisverfalls. Dasselbe gelte für Ausrüster von Öl- und Gasförderern, die ihre Investitionen ebenfalls drastisch zurückgefahren haben. Erschwerend seien die Sanktionen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise hinzugekommen.

Das alles hätte zu einem Umsatzeinbruch von fast 30 Prozent binnen zweier Geschäftsjahre auf zuletzt 23 Millionen Euro geführt – und zu einem hohen Defizit. Diese Entwicklung sei so nicht vorhersehbar gewesen, erklärte Henke. Notwendige Anpassungen habe er nicht schnell genug umsetzen können.

Die jetzige Situation ist umso bedauerlicher, als der Betrieb mit einem Gesamtvolumen von 44 Mio. Euro auf vollen Auftragsbüchern sitzt. Weitere Order im zweistelligen Millionenbereich stünden unmittelbar bevor.

„Wir verhungern vor vollen Näpfen, weil die Banken sich nicht bewegen“, erklärt der Geschäftsführer. Bei den ersten Schwierigkeiten Ende 2015 hätten sie die Kreditlinien um die Hälfte gekürzt und später bereits zugesagte Mittel nicht gewährt. Nur durch die Unterstützung von Geschäftspartnern haben man überhaupt so lange durchgehalten.

Henke war 1991 als Jungingenieur zu ThyssenKrupp nach Kassel gekommen und hatte 2006 mit einem damaligen Partner die Henschel Antriebstechnik vom Investor Kero übernommen, an den ThyssenKrupp drei Jahre zuvor verkauft hatte. Damals hatte die Antriebstechnik 66 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von acht Mio. Euro.

Henschel stellt Getriebe für Hochgeschwindigkeitstriebköpfe, Lokomotiven, Straßenbahnen, Bohrinseln und viele industrielle Anwendungen sowie für Extruder zur Kunststoffverarbeitung her. Außerdem bietet das Unternehmen Prüfstände und spezielle Radsätze sowie eine Reihe von Dienstleistungen rund um die Metallbearbeitung an. Henschel betreibt neben den Werken Kassel und Heiligenstadt auch kleinere Standorte in China und den USA.

Vor Jahren hat sich Henke sämtliche Henschel-Markenrechte einschließlich des sechszackigen blauen Sterns auf weißem Grund gesichert.

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