Historisches Haus soll bis 2022 rekonstruiert werden

Historiker empört: Teil des Hugenottenhauses in Kassel wird abgerissen

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Das ursprüngliche Hugenottenhaus: Links im Bild ist ein Teil des Palais zu sehen. 

Unter Historikern ist die Aufregung groß: Ein Teil des Gebäudes an der Friedrichsstraße 25, das in Kassel als Hugenottenhaus bekannt ist, soll für einen Neubau abgerissen werden.

Es handelt sich um die linken drei Fensterachsen, die ursprünglich zum Palais des Landgrafen gehörten, heute aber optisch vom eigentlichen Hugenottenhaus kaum zu unterscheiden sind. Im Denkmal- und Gestaltbeirat wurden die Abriss- und Neubaupläne des Investors kontrovers diskutiert. Die 5Fenster GmbH will auf dem Areal bis 2022 ein Haus für Kunst und Kultur ansiedeln (HNA berichtete).

Das Hugenottenhaus wurde 1826 für die französischen Glaubensflüchtlinge in der Oberneustadt gebaut. Es ist das letzte erhaltene Gebäude im typischen hugenottischen Fünffensterhausstil – das heißt, es wird durch fünf Fensterachsen gegliedert. Die Fünffensterstraße hat wegen der damals dort verbreiteten Bauweise ihren Namen erhalten. Der aufmerksame Betrachter hat sich vermutlich schon oft gefragt, warum das Hugenottenhaus acht Fensterachsen hat. Dies liegt daran, dass der linke Teil – in dem in den 50er-Jahren der Bodesaal eingerichtet wurde – ursprünglich zu einem anderen Gebäude gehörte.

Und dieses, so findet der ehemalige Stadtmuseumsleiter Karl-Hermann Wegner, hatte eine weitaus größere Bedeutung als das Hugenottenhaus. „Es handelt sich um den Rest des Palais des Landgrafen Friedrich von Hessen. Dieses war einer der wichtigsten Schauplätze hessischer Geschichte mit europaweiter Bedeutung“, sagt Wegner. Der Abriss komme einem „totalen Mangel an historischem Bewusstsein“ gleich.

Der linke Teil soll abgerissen werden: Dieser Bereich (bis zur Dachrinne) gehörte ursprünglich nicht zum Hugenottenhaus, sondern zum Palais des Landgrafen. Er wurde nach dem Krieg optisch angeglichen.

Das Palais war ab 1804 an der Königsstraße 2 gebaut worden und reichte von der Königsstraße bis an das später gebaute Hugenottenhaus heran. Heute steht an dieser Stelle das Days Inn Hessenland-Hotel. Seine historische Bedeutung bekam das Gebäude durch seine Bewohner. In dem Palais verbrachte die spätere Königin Louise von Dänemark (1817-1898) ihre Kindheit. Die beliebte Monarchin stammte aus dem Hause Hessen-Kassel. Wegen ihrer erfolgreichen Heiratspolitik wurden sie und ihr Mann Christian IX. als „Schwiegereltern Europas“ bekannt. Vor dem Hintergrund, so glaubt Wegner, ließe sich der Ort gerade auch für skandinavische Touristen gut vermarkten. Auch wenn der Zweite Weltkrieg vom einst prächtigen Stadtpalast wenig übrig ließ.

Aufgrund der Tatsache, dass nur wenig historisches Baumaterial vorhanden sei und auch aus wirtschaftlichen Gründen, habe man sich für den Abriss entschieden, so Michael Majcen von der 5Fenster GmbH & Co. KG. Der Mitinhaber des Kasseler Architekturbüros Sprengwerk gehört mit Matthias Tunnemann (auch Sprengwerk) und dem Unternehmer Udo Wendland zum Investoren-Trio. Der Denkmalbeirat hat dem Teilabriss mehrheitlich zugestimmt. Auch die Landesdenkmalpflege gab grünes Licht. Noch dieses Jahr solle der Abbruch stattfinden, so Majcen.

Widerstand gab es im Denkmalbeirat indes gegen die Neubaupläne für die entstehende Baulücke. Dort soll das künftige Eingangsgebäude für das Areal entstehen. Der erste Entwurf sei dem Gremium „zu expressiv“ gewesen und werde überarbeitet, sagt Majcen. Es gehe darum, dem benachbarten Hugenottenhaus nicht die Schau zu stehlen. Das historische Gebäude solle in seiner ursprünglichen Form – inklusive Giebel und Fassadengestaltung – rekonstruiert werden. Hugenottenhaus und Eingangsgebäude sollen bis zur documenta 2022 fertig sein.

Darüber hinaus planen die Investoren zwei weitere Bauabschnitte. So sollen rechts neben dem Hugenottenhaus auf einem bisherigen Parkplatz und auf der Rückseite des Gebäudes weitere Häuser entstehen. Dort sollen auch Büroflächen entstehen.

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