Schwalmstädter will Dieb „auslösen“

Doch nicht 23 Tage Knast wegen 69 Euro: HNA-Leser zahlt Strafe für Häftling

Kassel/Wiesbaden. Der 20-jährige Strafgefangene, der derzeit eine 23-tägige Ersatzfreiheitsstrafe verbüßt, weil er eine Geldstrafe von 69 Euro nicht zahlen konnte, wird am Donnerstag das Gefängnis verlassen können. Möglich macht das ein 68-jähriger Leser der HNA aus Schwalmstadt.

Nachdem der Mann am Mittwoch in der Zeitung gelesen hatte, dass der wohnsitzlose Mann aus Lettland die Geldstrafe nicht aufbringen kann, entschloss er sich dazu, einzuspringen. Der Schwalmstädter, der früher in einem Sozialberuf gearbeitet hat und Christ ist, sieht sich verpflichtet, dem Inhaftierten zu helfen.

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Nach Angaben von Wolfgang Ommert, Sprecher im Hessischen Justizministerium, kann der Schwalmstädter den lettischen Strafgefangenen direkt an der Pforte in der JVA Wiesbaden, wo er mittlerweile inhaftiert ist, auslösen – für jetzt 63 Euro.

Der 20-Jährige, der keinen festen Wohnsitz hat, war am 13. September von Polizeibeamten in Kassel kontrolliert worden. Dabei stellte sich heraus, dass ein offener Haftbefehl wegen Diebstahls der Staatsanwaltschaft Berlin gegen den Mann besteht. Daraufhin kam er zunächst in die Justizvollzugsanstalt Kassel I nach Wehlheiden und wurde anschließend nach Wiesbaden verlegt.

Für die Hessische Justiz ist es kein Problem, dass ein Fremder für den Strafgefangenen, der eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzt, die Strafe zahlt. Schließlich hätte es das Land auch rund 2300 Euro gekostet, wenn der 20-Jährige die gesamten 23 Tage abgesessen hätte. Pro Tag kostet ein Haftplatz nämlich um die 100 Euro.

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft, der Vollstreckungsbehörde in diesem Fall, hat man das allerdings etwas anders gesehen. Oberstaatsanwalt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, erklärte auf Anfrage: „Es ist nicht vorgesehen, dass jemand anderes die Strafe zahlt.“ Allerdings stehe es dem Mann aus Schwalmstadt frei, Kontakt mit dem Inhaftierten aufzunehmen und ihm einen Kredit anzubieten, damit er seine Strafe zahlen kann.

Der Schwalmstädter will die 63 Euro am Donnerstag direkt an der Pforte der Justizvollzugsanstalt in Wiesbaden zahlen. Das sei schon mit der Gefängnisleitung abgesprochen, sagt der Mann. Er werde dies aber nur einmal für den 20-Jährigen tun. Er hoffe, dass der Mann in Zukunft ohne Straftaten sein Leben gestalten kann.

Der 20-jährige Lette soll nach Informationen der HNA eine Fahrkarte nach Berlin bekommen, wenn er das Gefängnis verlassen hat.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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