Mit der Tram durch die Stadt

HNA-Selbstversuch: So fährt es sich als Straßenbahnfahrer

Kassel. Straßenbahnfahrer haben einen verantwortungsvollen Beruf, der hohe Aufmerksamkeit erfordert. Und dennoch kommt es - wie zuletzt Ende Juli - zu tödlichen Unfällen.

Die 35 Tonnen schieb ich mit links. Denn mit der linken Hand am Hebel behält der Straßenbahnfahrer die Gewalt über die tonnenschwere Bahn: Damit beschleunigt und bremst er. Mit der rechten Hand wird die Klingel bedient, Bremssand auf die Schienen gestreut und eine zusätzliche Bremse betätigt. Das dies alles nicht so einfach ist, stellte ich bei meiner ersten Fahrstunde als Straßenbahnfahrer fest.

Letzte Einweisung: KVG-Fahrschulleiter Thomas Bornscheuer (links) erklärt HNA-Redakteur Bastian Ludwig die Knöpfe.

Nach einer theoretischen Einweisung in die wichtigsten Signale und Schilder wird es ernst. Ich steige mit Thomas Bornscheuer (54), dem Leiter der KVG-Tram-Fahrschule, in die Bahn. Anders als bei Fahrschulautos gibt es keine doppelten Pedale oder Hebel, um einzugreifen. Merkt Bornscheuer, dass ich etwas übersehe, muss er mich darauf hinweisen oder mir über die Schulter greifen.

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Fast jeden zweiten Tag ein Straßenbahnunfall

Zunächst fahren wir eine Schleife über den Betriebshof Wilhelmshöhe. Schon beim Anfahren merke ich, dass die tonnenschwere Bahn auch für mich eine Belastung werden wird. Das Fahrzeug reagiert mit viel größerer Verzögerung als ein Auto. Zudem ist Gefühl in der linken Hand nötig. Beim Fahren muss der Hebel stets nach unten gedrückt werden. Lässt ihn der Fahrer für einige Sekunden los, greift die Totmannschaltung und es gibt eine Zwangsbremsung.

Besonders das normale Bremsen, den Hebel nach hinten zu ziehen, braucht Übung, damit es nicht zu abrupt ausfällt. Aber natürlich haben wir keine Fahrgäste dabei, sodass nur Bornscheuer von mir ab und zu durchgeschüttelt wird.

Wir rollen vom Betriebshof und ich versuche mich an all die Lichtsignale zu erinnern, die mir der Fahrschulleiter gezeigt hatte: „|“ heißt freie Fahrt, „–“ Halt und ein „•“ zeigt mir an, dass die Ampel gleich umspringt, ähnlich wie das Orange für Autos. Aber es gibt viele weitere Zeichen, sodass es schwer ist, immer alle im Blick zu behalten. Ich fahre Richtung Helleböhn und muss auf die Weichenstellungen achten. Auf regulären Linien stellen sich diese automatisch, weil wir aber mit einer Fahrschulbahn unterwegs sind, müssen wir per Knopfdruck die Richtung vor der Weiche anfordern.

Die ersten Meter sind geschafft: HNA-Redakteur Bastian Ludwig steuert die Straßenbahn über die Wilhelmshöher Allee in Richtung Bahnhof Wilhelmshöhe. Neben ihm steht KVG-Straßenbahn-Fahrschulleiter Thomas Bornscheuer.

Allgemein gilt für die Trams Tempo 50 in der Stadt. Aber es gibt auch Tempolimits. Eine Tafel mit einer „3“ steht für Tempo 30, eine „2“ für Tempo 20. Ich traue mich oft nicht schneller als 40 zu fahren – schon das fühlt sich schnell an. Bei jeder Bremsung drücken die Tonnen von hinten.

Von Helleböhn geht es über Ober- und Niederzwehren in die Innenstadt. Über die Königsstraße fahre ich im Schritttempo. Fußgänger huschen vor uns über die Gleise. Es ist Konzentration nötig, um alle im Blick zu behalten und deren Verhalten vorherzusehen. Als ich nach 80 Minuten wieder den Betriebshof erreiche, habe ich Respekt vor den echten Tram-Fahrern: Ein 30 Meter langes Gerät durch die Stadt zu steuern erfordert viel mehr Aufmerksamkeit als mit dem Auto sicher zum Ziel zu gelangen.

Rubriklistenbild: © Fotos: Malmus

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