In der Sophienstraße

Dem ältesten Hochhaus Kassels droht der Abriss - es steht jedoch unter Denkmalschutz

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In die Jahre gekommen: Das Hochhaus in der Sophienstraße.

Kassel. Die KVK Kommunale Versorgungskassen Kurhessen-Waldeck will Kassels ältestes Hochhaus in der Sophienstraße 1 abreißen lassen, braucht dafür aber die Zustimmung der Stadt.

Das Pikante: Das vom einstigen Stararchitekten Paul Bode entworfene und 1953 errichtete Gebäude steht unter Denkmalschutz, weswegen sich die Stadt in dieser heiklen Frage noch bedeckt hält. „Es gibt derzeit noch keinen Sachstand, den man kommunizieren könnte“, heißt es auf Anfrage. Verständlich, denn die KVK hat ihr Gutachten und Kostenrechnungen im Umfang eines dicken Versandhauskatalogs vorgelegt. All das muss erst durchgearbeitet werden. 

KVK-Vize-Direktor Johannes Petek bestätigt einen entsprechenden Antrag und begründet ihn mit der Unwirtschaftlichkeit einer Sanierung. Allein für die gesetzlich geforderte Anpassung des Brandschutzes an heutige Standards, die Betonsanierung sowie die Verstärkung der seinerzeit zu dünn geratenen Decken veranschlagt die KVK Investitionen von drei bis vier Millionen Euro. Die Immobilie muss dringend saniert werden, auch der Brandschutz entspricht nicht mehr den aktuellen Sicherheitsvorschriften.

Geringe Mieteinnahmen

Darin noch nicht enthalten sind energetische Sanierung und die allgemeine Modernisierung des in die Jahre gekommenen Baus. „Wir halten es für wirtschaftlich nicht vertretbar, so viel Geld zu investieren, ohne dass sich an der Wohnqualität etwas ändert“, erklärt Petek. Den hohen Investitionen stünden Mieteinnahmen von jährlich nur 100.000 Euro gegenüber. Im Falle einer Sanierung würde die KVK nach Abzug aller Kosten jedes Jahr drauflegen.

Den Nachweis der Unwirtschaftlichkeit bestreitet die Stadt aber. „Um eine Abbruch- erlaubnis zu erteilen, müsste der Eigentümer darlegen und beweisen, dass es wirtschaftlich unzumutbar ist, das Gebäude zu erhalten. Ein solcher Nachweis liegt der Stadt Kassel bislang nicht vor“, heißt es aus dem Ressort von Stadtbaurat Christof Nolda. Und was macht die KVK, wenn es keine Genehmigung gibt? „Dann müssen wir neu überlegen“, erklärt Petek. Man richte sich ohnehin auf ein längeres Verfahren ein.

Das erste Kasseler Hochhaus wurde 1953 in der Sophienstraße gebaut. Geplant wurde es vom damaligen Stararchitekten Paul Bode. Er war der jüngere Bruder des documenta-Erfinders Arnold Bode. Unser Bild zeigt den Rohbau.

Wie berichtet, ist die KVK bereits seit Ende vergangenen Jahres dabei, das Haus freizuziehen. Zuletzt wohnten 40 Mieter in den jeweils 40 Quadratmeter großen Appartements, zehn standen vorher schon leer. Nach Angaben Peteks haben bis auf drei Parteien alle die Vereinbarung unterzeichnet, bis zum August dieses Jahres auszuziehen. Die KVK unterstützt sie dabei – auch finanziell.

Unterdessen keimt auch in der Nachbarschaft Widerstand gegen den möglichen Abriss des markanten Hochhauses. Der Kulturwissenschaftler Peer Schröder warnt vor „nicht zu unterschätzenden Folgen für die Sozialstruktur des Kasseler Weinbergs“. In dem zehngeschossigen Gebäude, liebevoll „das Hochhaus“ genannt, gebe es bisher ein Miteinander von Bewohnern aller sozialen Schichten, ermöglicht durch erschwingliche Mieten. Diese von Stadtplanung und Kommunalpolitiker immer wieder geforderte soziale Mischung, sollte seiner Ansicht nach erhalten bleiben, um schroffe Gegensätze von Luxusquartieren und Problembezirken zu vermeiden. Sie würde auf dem Kasseler Weinberg durch den drohenden Abriss und Neubau einer Stadtvilla zunichtegemacht.

Das ist die KVK

Die KVK ist eine öffentlichrechtliche Zusatzversicherung für die betriebliche Altersversorgung für fast 60.000 Beschäftigte im kommunalen öffentlichen Dienst in Nord- und Osthessen sowie die Versorgungskasse der kommunalen Beamten im Regierungsbezirk, zu dem neben Stadt und Kreis Kassel auch die Kreise Werra-Meißner, Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg, Hersfeld-Rotenburg und Fulda gehören.

Einschließlich der Sterbekasse verwaltet die KVK aktuell gut 960 Millionen Euro. Allein 2016 zahlte sie 125 Mio. Euro an 30.000 Rentner und Hinterbliebene aus. Die KVK investiert das Geld in risikoarme Wertpapiere, Rententitel, Fonds und zunehmend in Immobilien.

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