Gastronomie und Pflege leiden 

Fachkräfte fehlen: Immer mehr Betriebe in der Region suchen händeringend

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Leiter der Arbeitsagentur Kassel: Detlef Hesse

Kassel/Landkreis Kassel. Der Arbeitsmarkt in Kassel und der Region boomt. In den letzten 30 Jahren waren noch nie so wenig Menschen erwerbslos wie jetzt.

Die aktuelle Nordhessen-Quote, die die Stadt und den Kreis Kassel sowie die vier weiteren nordhessischen Kreise Schwalm-Eder, Werra-Meißner, Hersfeld-Rotenburg und Waldeck-Frankenberg abbildet, liegt bei 5,1 Prozent und damit nur geringfügig über der des Landes (4,9), aber deutlich unter der des Bundes (5,6). Zum Vergleich: Im Negativ-Rekordjahr 2005 betrug sie 11,8, in der Stadt Kassel sogar 19,2 (aktuell: 8,1) Prozent.

Damals waren Nordhessen-weit fast 60.000 Menschen arbeitslos gemeldet, heute sind es 27.000. Während sich Arbeitnehmer darüber freuen, dass sie sich mittlerweile die Jobs aussuchen können, klagen Arbeitgeber immer häufiger über den Fachkräftemangel. Einen flächendeckenden Personalnotstand gibt es nach Angaben des Leiters der Arbeitsagentur Kassel, Detlef Hesse, zwar noch nicht, aber die Lage insbesondere im Gesundheits- und Pflegesektor, bei Kraftfahrern, in der Gastronomie, im Nahrungsmittelhandwerk und wegen der Flüchtlingswelle auch im Bildungssektor „ist zunehmend kritisch“.

„Wer nicht ausbildet, bekommt ein Problem“

Die sinkende Ausbildungsbereitschaft verschärft die Situation. Das habe nicht nur demografische Gründe, so Hesse. Ungünstige Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung in einigen Mangelberufen schreckten viele junge Menschen ab. „Je besser die Konjunktur, desto enger wird es für Arbeitgeber“, sagt Hesse. Zudem könnten viele Betriebe die immer komplexere und teurere Ausbildung allein nicht mehr leisten. Deshalb ruft er Firmen zur Bildung von Ausbildungsverbünden auf. „Wer nicht ausbildet, bekommt ein Problem.“ 

Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt in Kassel und Nordhessen, der sich derzeit so robust wie seit 30 Jahren nicht mehr präsentiert. Zwar ist in dieser Zeit die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Agenturbezirk Kassel, der Stadt und Kreis Kassel sowie den Werra-Meißner-Kreis umfasst, 173.300 im Jahr 2005 auf aktuell 204.700 gestiegen, die Vollzeitbeschäftigung nimmt aber kaum noch zu – die der Teilzeitarbeiter dagegen sehr. Woran das genau liegt, weiß die Arbeitsagentur nicht. In welchem Verhältnis die von Arbeitgebern angebotene zu der von Arbeitnehmern gewollten Teilzeitarbeit steht, ist unbekannt. 

Die Konkurrenz unter Arbeitnehmern ist groß 

Fakt ist nur, dass das Arbeitsvolumen regional wie bundesweit insgesamt weniger stark steigt als die Zahl der Beschäftigten, was aber auch an Rationalisierungseffekten vor allem im verarbeitenden Gewerbe liegt. Und vom Beschäftigungsaufbau profitieren in starkem Maße die sogenannten Spezialisten und Experten, die zumeist Hochschulabschlüsse vorweisen können. Das liegt daran, dass Produktionsabläufe angesichts der Technisierung und Digitalisierung immer komplexer werden. Ein weiterer wichtiger Trend am Arbeitsmarkt: Arbeitslose profitieren seit 2010 immer weniger vom anhaltenden Beschäftigungsaufbau. Vor allem Zuwanderer aus Osteuropa haben viele der neu entstandenen Stellen besetzt. 

Grund dafür ist laut Hesse auch, dass eine Weiterqualifizierung mit steigendem Alter immer schwieriger wird. Nichtsdestotrotz plagt der Fachkräftemangel immer mehr Betriebe. Hesse und dessen Mitarbeiter appellieren gebetsmühlenartig, zunächst das Potenzial der eigenen Mitarbeiter zu heben. Die Agentur hilft bei Weiterbildung und Umschulung. Weiteres Potenzial sehen Hesse und dessen Mitarbeiter im Kreis der Studienabbrecher, sowie bei Frauen, die oftmals unter ihren Möglichkeiten bleiben. 

Flüchtlinge als „Fachkräfte von übermorgen“ 

Dagegen sind Flüchtlinge der jüngsten Generation nach Einschätzung der Agentur die „Fachkräfte von übermorgen“. Kurzfristig könnten sie nicht für Entspannung sorgen. Die sprachlichen und schulischen Defizite seien in der Kürze der Zeit nicht aufzuholen. Dennoch attestiert Hesse dieser Personengruppe mittelfristig ein „Riesenpotenzial“, wenn sie denn dauerhaft hierbleibe. In diesem Zusammenhang verweist Hesse aber auch auf den Beschäftigungseffekt durch Flüchtlinge. 

So seien in der Sicherheitsbranche, am Bau, im Gesundheitswesen und Handwerk, bei Dienstleistern und im Bildungssektor zahlreiche neue Jobs entstanden. Der volkswirtschaftliche Nutzen lasse sich aber derzeit nicht beziffern. Unterdessen wandelt sich die Agentur immer mehr zum Dienstleister und Unterstützer für Arbeitgeber und -nehmer. 

Neu im Angebot sind die lebensbegleitende Berufsberatung, bei der junge Menschen in der Schule abgeholt und praktisch bis zur Rente von der Agentur betreut werden. Hesse begründet den neuen Service mit den sich wandelnden beruflichen Lebensläufen. Junge Menschen müssten sich darauf einstellen, im Laufe ihres Lebens vier, fünf oder noch mehr Berufen nachgehen zu müssen. Dazu gehöre auch ständiges Lernen und die Bereitschaft zum Wechsel.

Erste Hilfe bei der beruflichen Neuorientierung leistet Sven Bambey, unter 0561/701-1122 oder weiterkommen@arbeitsagentur.de.

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