Experte hielt Vortrag in Kassel: Jeder Täter hinterlässt Spuren

Interview mit Dr. Harald Schneider über die Entwicklung der DNA-Analyse

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Renommierter DNA-Analytiker: Dr. Harald Schneider vom Landeskriminalamt in Wiesbaden hielt gestern Abend einen Vortrag im Polizeipräsidium Nordhessen, zu dem der Verein Bürger und Polizei eingeladen hatte. Dank Schneider und seiner Kollegen konnten bereits Täter in mehr als 20 ungeklärten Mordfällen, die zum Teil Jahrzehnte zurücklagen, ermittelt werden.

Kassel. Wie man mit dem genetischen Fingerabdruck Straftäter überführen kann und wie sich die Methoden in den vergangenen Jahren verbessert haben, darüber referierte Dr. Harald Schneider, Leiter der Fachgruppe Biologie beim Hessischen Landeskriminalamt (LKA),  im Polizeipräsidium Nordhessen.

Der Verein Bürger und Polizei in Kassel hatte den renommierten DNA-Analytiker zu der Veranstaltung eingeladen. Wir haben mit Schneider im Vorfeld über die DNA-Analyse zur Aufklärung von Verbrechen gesprochen.

Dank DNA-Analyse werden seit Jahren immer häufiger Kriminalfälle gelöst, die zum Teil schon Jahrzehnte zurückliegen. Das LKA in Wiesbaden hat sich auf diese sogenannten „Cold Cases“ spezialisiert. Wie oft bekommen Sie Anfragen, um Asservate von alten Tötungsdelikten auf DNA zu untersuchen?

Dr. Harald Schneider: Das sind drei bis fünf Fälle pro Jahr. Das heißt aber nicht, dass wir diese ungeklärten Mordfälle alle lösen. Zunächst ist sehr viel Papierarbeit erforderlich. Dafür haben wir eine Checkliste entwickelt, um festzustellen, ob sich ein DNA-Abgleich überhaupt noch lohnt. Wo wurden Spuren am Tatort gesichert, welche Asservate sind noch vorhanden, gibt es noch eine Lichtbildmappe? Es ist wichtig, dass wir den Tatablauf rekonstruieren können. Zudem müssen wir wissen, wer damals bei der Spurensicherung gearbeitet hat, um die DNA der Ermittler zuordnen zu können. Zudem sollten die Fälle nicht älter als 40 Jahre sein. Die Chance, einen heute 80-jährigen Täter mit der DNA-Datenbank zu ermitteln, ist doch sehr gering.

Inwieweit haben sich die Untersuchungsmöglichkeiten in jüngster Zeit verbessert?

Schneider: Enorm. Haben wir vor zehn Jahren bei einem Verbrechen um die 200 Spuren auf DNA untersucht, so sind mittlerweile 2000 bei einem Mordfall nicht mehr ungewöhnlich. Das liegt daran, dass wir heute auch ganz kleine Spuren, also mikroskopisch kleine Blut-, Sekret- und Hautabriebspuren, untersuchen können. Auch geringste, mit früher üblichen Verfahren nicht analysierbare Spuren, können für eine molekularbiologische Untersuchung verwendet werden.

Das bedeutet, dass ein Täter kaum noch eine Chance hat, einen Tatort spurlos zu verlassen.

Schneider: Verbrechen lohnt sich nicht. Es ist unmöglich, einen Tatort ohne Spuren zu hinterlassen. Unsere Aufgabe ist es, die tatrelevanten von den nicht tatrelevanten Spuren zu unterscheiden.

Durch die DNA-Analyse kann sich also kein Täter mehr sicher fühlen.

Schneider: Wenn heute überhaupt noch, in fünf bis zehn Jahren bestimmt nicht mehr. Unsere Verfahren werden immer genauer.

Aber die Zusammenarbeit von Ermittlern und Wissenschaftlern wird nach wie vor sehr wichtig sein.

Schneider: Ja. Schließlich müssen am Tatort umfassend Spuren gesichert werden. Nur was gesichert wird, kann später auch von uns untersucht werden.

Durch die DNA-Analyse wurden nicht nur Täter überführt, sondern auch Verdächtige entlastet. Haben Sie Beispiele dafür?

Schneider: Das kann man zum Beispiel auf alle Taten beziehen, bei denen Angehörige des Opfers als Täter in Betracht kommen. Diese Leute sind ja ohnehin schon gestraft. Von daher ist es wichtig, dass sie so schnell wie möglich entlastet werden, wenn sie unschuldig sind.

Als die DNA-Datenbank des Bundeskriminalamts im April 1998 eingerichtet wurde, da befürchteten Kritiker, dass der Datenschutz auf der Strecke bleibt. Ist von dieser Kritik heute noch etwas zu hören?

Schneider: Nein. Das liegt aber auch daran, dass die Voraussetzungen für DNA-Analysen sehr hoch sind. Es gibt eindeutige rechtliche Regelungen, die willkürliche DNA-Analysen nicht zulassen. Und das ist gut so.

Können Sie sagen, wie viele Verurteilungen es infolge von DNA-Treffern gegeben hat?

Schneider: Wir reden über Treffer im Hunderttausender Bereich. Bis Ende 2016 gab es allein 185.000 Spur-Personen-Treffer. Man kann davon ausgehen, dass davon viele Täter überführt und auch später verurteilt worden sind.

Was kann man sich unter einem genetischen Phantombild vorstellen?

Schneider: Diese Debatte entstand nach dem Mord an der Studentin in Freiburg im vergangenen Jahr. Es kam die Frage auf, ob man aus DNA-Spuren nicht mehr Informationen über den mutmaßlichen Täter ziehen könne. Wir hätten schon heute die Möglichkeit, anhand einer DNA-Spur etwas über das Alter, die Hautfarbe, die Haarfarbe und die Größe einer gesuchten Person zu sagen.

In etwa fünf Jahren werden wir soweit sein, dass wir Aussagen über die biogeographische Herkunft, die Gesichtsform, den Body-Mass-Index oder die Disposition zu Erbkrankheiten des Spurenlegers machen können.

Dafür fehlen aber noch die gesetzlichen Grundlagen.

Schneider: Das stimmt. Es ist davon auszugehen, dass die nächste Bundesregierung sich um einen Gesetzentwurf kümmern wird. Meiner Meinung nach muss das Erstellen eines genetischen Phantombilds aber auf ganz schwerwiegende Delikte begrenzt werden. Und es darf nur zur Anwendung kommen, wenn alle anderen Ermittlungen der Polizei versagt haben.

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