Kulturabend am Freitag im Bürgersaal des Rathauses

Viele Sinti und Roma verleugnen ihre Abstammung: Von Zigeunerbildern und Vorurteilen

+
Schikane und Verfolgung der Sinti und Roma ziehen sich durch das gesamte 20. Jahrhundert, auch in Kassel war die Volksgruppe betroffen: Am 19. August 1965 setzte die Feuerwehr im Auftrag der Stadt die Wohnwagen am Rande des Mattenbergs in Brand. Im damaligen Zeitungsbericht heißt es, den Bewohnern sei eine neue Wohnung zugewiesen und sie seien entschädigt worden. Rinaldo Strauß möchte „die weitverbreiteten Zigeunerbilder als Vorurteile entlarven.“ 

Kassel. Der stellvertretende Geschäftsführer des Landesverbands der Sinti und Roma, Rinaldo Strauß, will mit einem Kulturabend Vorurteile abbauen. Ein Interview über Antiziganismus.

„Mit Musik und Geschichte gegen Vorurteile“ ist der Titel einer Veranstaltung am Freitag, 20. April, im Bürgersaal des Rathauses. Veranstalter ist der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Hessen in Kooperation mit der Stadt Kassel. Der stellvertretende Geschäftsführer des Verbands, Rinaldo Strauß, will ins Gespräch kommen mit den Gästen, die mehr über Sinti und Roma erfahren wollen. Wir sprachen mit ihm. 

Mit dem Kulturabend wollen Sie aufklären und – wie Sie sagen – die weitverbreiteten und oft jahrhundertealten Zigeunerbilder als Vorurteile entlarven. Wie wollen Sie das machen?

Rinaldo Strauß: Dafür ist zunächst eine Beschäftigung mit der Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung unserer Menschen unerlässlich. In der Ausstellung werden Zigeunerbilder benannt und gleichzeitig infrage gestellt: Es gibt doch keinen Menschen, der per se kriminell und asozial ist. Erst recht keinen, der kleine Kinder klaut und Ratten frisst. Es handelt sich um eine sehr interessante Wanderausstellung, die auch zeigt, was Sinti und Roma kulturell geben, nicht zuletzt in der Musik. Die Ausstellung ist vor allem für Schulen und junge Menschen konzipiert worden. Es gibt eine Begleitlektüre für Lehrer. Wir wollen die Schau aber auch allen anderen Menschen zeigen.

Sie wollen demnächst in der Darmstädter Innenstadt ein Haus beziehen, das ein Informationszentrum und eine Dauerausstellung beherbergt, um die Geschichte der Ethnie zu dokumentieren. Wie weit ist das Projekt gediehen?

Strauß: Der aktuelle Stand sieht so aus, dass die ursprünglich angedachten Räume leider nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Stadt Darmstadt sucht jetzt mit uns gemeinsam nach neuen Räumlichkeiten. Oberbürgermeister Jochen Partsch hat das zur Chefsache gemacht.

In Darmstadt ist seit bald vier Jahrzehnten der Verband der Sinti und Roma ansässig und dort soll auch das Zentrum entstehen.

Sie leiden unter Klischees, Vorurteilen und Ausgrenzung auch heute noch?

Strauß: Ja, und das führt dazu, dass viele Sinti und Roma ihre Abstammung nicht angeben und Selbstverleugnung betreiben, um beispielsweise den Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Auch bei der Wohnungssuche müssen Sinti und Roma mit Schwierigkeiten rechnen, wenn sie sich als solche ausgeben.

In den Schulen gibt es – auch aktuell – zum Teil sehr schlimme Diskriminierungen. Wir wissen von Kindern, die deshalb beispielsweise ihre Großväter bitten, sie nicht mehr von der Schule abzuholen, um nicht als Sinti und Roma aufzufallen. So was gibt es leider in jeder Stadt.

Was muss getan werden, um dagegen vorzugehen?

Strauß: Das, was wir machen: Aufklärung betreiben, zu fragen: Wo beginnt ein Vorurteil? Studien zeigen, dass Menschen Vieles übernehmen, ohne es zu hinterfragen. Wie sieht es aus? Habe ich als gutmeinende Person auch Vorurteile und Klischeebilder im Kopf? Es ist wichtig, ins Gespräch zu kommen. Es bedarf den Willen, sich zu hinterfragen. Diskriminierende Denkmuster sind nicht allein ein Thema bei Rassisten, es ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir wünschen uns zum Beispiel, dass das Thema Antiziganismus ähnlich wie Antisemitismus verpflichtend in den Schulen behandelt wird. Denn beide Themen sollen behandelt werden. Dafür kämpfen wir seit über zehn Jahren.

Infos zum Kulturabend

Die Veranstaltung findet am Freitag, 20. April, ab 18.30 Uhr im Bürgersaal des Rathauses Kassel statt. Die Besucher erwartet eine Lesung von Zeitzeugenberichten der NS-Verfolgung und die mobile Ausstellung des Landesverbands „Der Weg der Sinti und Roma“. Musikalisch umrahmt wird der Abend durch Romeo Franz & Ensemble. Eintritt ist frei.

Wer ist Rinaldo Strauß?

Rinaldo Strauß (43) ist in Marburg geboren. Er lebt mit seiner Frau und seinem Kind in Gießen. Bevor er hauptamtlich für den Verband der Sinti und Roma engagiert wurde, war er als selbstständiger Kaufmann tätig. Heute ist er der stellvertretende Geschäftsführer. Sein älterer Bruder Adam ist der Vorsitzende des Landesverbands. Ihre Eltern überlebten die Vernichtungslager der Nazis. Großeltern, viele Tanten und Onkel überlebten den Holocaust nicht. Insgesamt wurde eine halbe Million Sinti und Roma im Dritten Reich ermordet.

Sinti und Roma in Hessen

Angehörige der Sinti und Roma leben seit über 600 Jahren im deutschsprachigen Raum und sind als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt. Hessenweit gibt es schätzungsweise zwischen 8000 und 10 000 deutsche Sinti und Roma. Der Verband kämpft seit Jahren mit Veranstaltungen, Broschüren und mobilen Ausstellungen gegen Klischees und Vorurteile. Jetzt gibt es eine große Neuerung. In Darmstadt soll das erste Sinti- und Roma-Zentrum Hessens entstehen. Dort soll unter anderem eine Dauerausstellung zu sehen sein, die sich mit der Geschichte der Sinti und Roma und ihrer Verfolgung auseinandersetzen. Infos, Kontakt: www.sinti-roma-hessen.de und: verband@sinti-roma-hessen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.