Kultur küsst Bahnhof wach

Vor 20 Jahren wurde Kassels Kulturbahnhof eröffnet - Fest am 26. September

Eröffnungsfeier am 1. November 1995 in der Schalterhalle: Volles Haus im neuen Kulturbahnhof Kassel. Am kommenden Samstag, 26. September, wird dort ein doppeltes Jubiläum groß gefeiert: Der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV) und der Kulturbahnhof feiern gemeinsam das 20-jährige Bestehen mit einem Bahnhofsfest ab 14 Uhr bis tief in die Nacht. Archivfoto: Herzog

Kassel. Aus dem Kasseler Hauptbahnhof wurde vor 20 Jahren ein Kulturbahnhof. Erstmals hatte sich die Bahn darauf eingelassen, einen Haltepunkt mit neuem Leben zu erfüllen.

Im Mai 1991 hatte Kassel Anschluss an die Bahn-Zukunft bekommen. Nach der Einweihung des neuen ICE-Fernbahnhofes in Wilhelmshöhe war der alte Sackbahnhof in der Innenstadt, dessen erste Gebäude schon um 1830 entstanden waren, kaum mehr gefragt. Dort verkehrten nur noch Regionalzüge.

Lexikonwissen: Der Kulturbahnhof im HNA-Regiowiki.

Die Idee für einen Kulturbahnhof hatten das Team vom Filmladen und die Träger der Caricatura, der Ausstellung für komische Kunst. Dass die Kultur den einstigen Hauptbahnhof, der nur noch wenige Fahrgäste anzog und zur innerstädtischen Schmuddelecke zu werden drohte, wach küssen sollte, kam Stadt und Bahn gelegen. Die damalige Kulturdezernentin Irmgard Schleier setzte sich für die Pläne ein. Und dass es mit der engagierten früheren Bahnhofsmanagerin Kirsten Derwanz und mit dem aus Kassel stammenden Juristen Martin Lepper, der im Vorstand der Bahn AG für die Personenbahnhöfe zuständig war, auch aufseiten der Bahn Befürworter gab, erwies sich als Glücksfall für das Vorhaben.

Die Bahn investierte inzwischen insgesamt annähernd 20 Millionen Euro, um den alten Bahnhof und dessen Umfeld attraktiv zu machen für Kulturinitiativen und als neues Zentrum für Medien, Film und komische Kunst zu präsentieren.

Vom Haupt- zum Kulturbahnhof: Blick vom Rainer-Dierichs-Platz auf den Haupteingangsbereich. Foto: Ludwig

Am 1. November 1995 wurde Einweihung gefeiert. Und alle Beteiligten waren voller Zuversicht und Begeisterung. Die Kulturinitiativen hatten einen neuen Standort mitten in der Stadt gefunden, der bis heute beliebt und gefragt ist. Stadt und Bahn waren die Sorge los, dass der vom Fernverkehr abgehängte Bahnhof zum Treff für Obdachlose, Drogendealer und zwielichtige Zeitgenossen abrutschen könnte. Das Programm zum FestZum Symbol für die Aufbruchstimmung wurde der „Himmelsstürmer“. So hatten die Kasseler liebevoll die Skulptur des documenta-Künstlers Jonathan Borofsky „Man walking to the sky“ getauft, die vor dem Kuba steht. 1998 sprach Kassels damaliger Oberbürgermeister Georg Lewandowski vom „Juwel für Kassel“. Und im Jahr 2000 war der in Deutschland einzigartige Kulturbahnhof eines der dezentralen Projekte der Weltausstellung „Expo 2000“ in Hannover. Am kommenden Samstag, 26. September, wird das Jubiläum gefeiert.

Rückschläge überwunden

Schwierigkeiten blieben im neuen Kulturbahnhof nicht aus. 1998 wurden Großveranstaltungen wegen Sicherheitsmängeln beim Brandschutz untersagt. Seit der Eröffnung hatte die Bauaufsicht ein Auge zugedrückt, doch mit Ausnahmegenehmigungen war angesichts des Besucherandrangs nichts mehr zu machen. Die Aufseher zogen die Notbremse, die Bahn rüstete nach. Im Jahr 2000 gab es Kritik: Man kümmere sich nicht mehr um den Bahnhof, der vor die Hunde gehe, klagte damals Achim Frenz von der Caricatura. Hans Eichel, seinerzeit Bundesfinanzminister, setzte sich bei Bahnchef Hartmut Mehdorn ein, um fünf Jahre nach der Eröffnung für mehr Schwung zu sorgen. Kritikpunkte gibt es bis heute. Jahrelang sorgte ein Gerüst am Bahnhofsgebäude für Baustellenatmosphäre. Das für ein Kulturzentrum wünschenswerte gastronomische Angebot schwächelt noch immer. Aber missen möchte den Kasseler Kulturbahnhof kaum einer – der alte Bahnhof ist längst zur Institution geworden.

Offener Kanal und Museum

Was mit der Caricatura und den Bali-Kinos begann, hat sich im Kulturbahnhof stetig weiterentwickelt. Im Kuba ist auch das Bürgerfernsehen Offener Kanal Kassel angesiedelt. Mitglieder des Bundes Deutscher Architekten (BDA) Kassel haben das „Kasseler Architekturzentrum im Kulturbahnhof“ dort eingerichtet. Der Südflügel, der bereits 1997 für die documenta X genutzt wurde, ist zu einem gefragten Veranstaltungs- und Tagungszentrum geworden. Im Südflügel gibt es inzwischen auch das Louis-Spohr-Museum. In der alten Nachrichtenmeisterei auf dem Bahnhofsgelände haben sich vielfältige Kultur- und Kreativschaffende angesiedelt. In anderen Gebäuden haben ebenfalls Kreative, Künstler und junge Firmen ihr Domizil gefunden.

Zwei Jahre für Idee geworben

Zwei Jahre lang hatten Achim Frenz von der Caricatura und Frank Thöner von den Bali-Kinos keinen Empfang in der Stadt ausgelassen. Die Mission der beiden Gründerväter des Kulturbahnhofs: Werbung für die Idee, den alten Bahnhof zum neuen innerstädtischen Begegnungsort zu machen. Ständig waren beide unterwegs, um wichtigen Menschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur das Vorhaben schmackhaft zu machen. Die Werbetour war nicht ganz uneigennützig. Die Galerie für komische Kunst war in der Stadt auf der Suche nach einem festen Standort, das Filmladen-Team von der Goethestraße suchte nach einem neuen Kino.

Rasch fanden sich Mitstreiter für die Idee. Der Bahnhof, der in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen drohte, war Anfang der 1990er-Jahre zum Drogenumschlagplatz und zum Treff für Zuhälter und Junkies geworden. Öfter lagen Drogentote im Tunnel vor dem Bahnhof. „Das haben wir beendet“, sagt Achim Frenz: „Die Kultur in Kassel hat es geschafft, einen ganzen Stadtteil zu verändern.“ Frank Thöner erinnert sich: „Wir haben der Stadt und dem Oberbürgermeister ein großes Problem abgenommen. Es gab keine Idee, was mit dem Bahnhof zu machen wäre.“

Nach den ersten erfolgreichen Jahren und Bahnhofsfesten mit 8000 Besuchern wurde es schwieriger mit dem Kulturbahnhof. Die Talfahrt schreibt Achim Frenz dem Umstand zu, dass wieder „alte Bundesbahner an die Macht“ kamen, die mit Kultur im Bahnhof wenig anzufangen wussten. Die Bahn zog sich zurück, es gab kein Geld mehr für dringende Umbauten und Sanierungen. „Bis heute ist es mit dem Vermieter Deutsche Bahn nicht ganz so einfach“, sagt Frenz.

Der Blick geht nach vorn: Der Südflügel hat sich als Tagungs- und Veranstaltungszentrum gut entwickelt. Neue Mieter etwa in der Nachrichtenmeisterei entwickeln den Kulturbahnhof weiter. Das Fraunhofer-Institut, das an der Nordseite des Bahnhofs entsteht, wird neuen Schwung bringen. Und die Caricatura zeigt zum Bahnhofsjubiläum die 100. Ausstellung, die Friedrich Karl Waechter gewidmet ist. „Um das alles durchzustehen“, zieht Achim Frenz Bilanz, „braucht man einen starken Willen.“

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