Callcenter, Technologie-Unternehmen und Dienstleister

Kadruf-Gelände in Bettenhausen: Ein familiärer Industriepark

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Kadruf von oben: Das Gelände ist ein vergleichsweise kleiner und unbekannter Gewerbestandort.

Kassel. In Kassel gibt es einige Industrie- und Gewerbegebiete und ehemalige Kasernen, die heute wirtschaftlich genutzt werden. In einer Serie stellen wir diese Gewerbeflächen vor.

Den Anfang macht der Gewerbepark Kadruf in Bettenhausen. Zwischen Dormannweg, Olebachweg und Losse in Bettenhausen, eingebettet in einem Mischgebiet aus Wohn- und gewerblichen Bauten, Sportplatz, Kleingärten, freien Flächen und Schulgelände liegt der Gewerbepark Kadruf. Er gehört zu den unbekannteren integrierten Gewerbeflächen in Kassel, ist aber gleichzeitig der mit Abstand geschichtsträchtigste der Stadt. Betrieben wird er von der Kasseler Druckerei und Färberei Aktiengesellschaft, die ihren Ursprung 1763 hat. In diesem Jahr blickt das Unternehmen auf sein 252-jähriges Bestehen zurück. Alleinaktionär und -vorstand ist Guido Bour (58).

Die zwischen 1917 und 1930 enstandenen Gebäude sind tip-top gepflegt, seit 1980 wurden sie nach und nach saniert und Ende der 90er-Jahre nahezu komplett verklinkert. „Wir reinvestieren fast jeden Euro, den wir verdienen“, sagt Bour, der 1995 in das elterliche Unternehmen eingestieg und es später übernahm.

Das Verhältnis zwischen Vermieter und den aktuell 35 Mietern bezeichnet er als partnerschaftlich und fair. „Wir behandeln unsere Kunden wie Familienmitglieder“, erklärt der Vorstand. Er und dessen Verwalter Karl-Friedrich Oxe seien immer und für jedermann ansprechbar. Vier Hausmeister kümmerten sich um die Immobilie.

Größter Mieter ist der Otto-Versand, der in der Kadruf ein Callcenter betreibt und mehr als die Hälfte der rund 300 Beschäftigten auf dem Gelände beschäftigt. Weitere Mieter sind der Kohlefaser-Leichtbau-Spezialist Aircraft Concept, das PMZ Prüf- und Messtechnik Zentrum Kassel, der Laserspezialist mQ photonics und der Solarwechselrichter-Hersteller Kaco. Der SMA-Konkurrent aus Neckarsulm betreibt bei Kadruf – von der Öffentlichkeit unbeachtet – ein Forschungs- und Entwicklungzentrum.

Daneben tummelt sich eine Reihe von Exoten auf dem weitläufigen, gepflegten Gelände wie ein TV-Dienstleister und ein junges Unternehmen, das an einem medizinischen Rucksack für Entwickungsländer tüftelt – außerdem Dienstleister wie ein Schädlingsbekäpfer, Bildungsträger, Messebauer, Handwerksbetriebe .

Bour strebt an, Kadruf stärker in Richtung Technologiepark zu entwickeln. Zwar gibt er keiner Branche den Vorzug, aber wenn es geht, sollen die Betriebe „klein, aber fein“ sein. „Es ist uns wichtig, dass die Unternehmen sich bei uns wohlfühlen“, erklärt der Chef.

Das tun sie offensichtlich. Die meisten Mieter sind schon lange da. Otto-Niederlassungsleiter Jens Knauer bezeichnet Kadruf als „Glücksfall“. Er schätzt vor allem die Zuverlässigkeit und Flexibilität der Vermieter. „Die machen einfach einen guten Job“, erklärt Knauer. Die Kasseler Druckerei und Färberei AG beschäftigt acht Mitarbeiter. Umsatzzahlen nennt das Familienunternehmen nicht. Bour ist aber mit Umsatz und Ertrag „zufrieden“.

Zweitälteste Firma in der Stadt

Die Kasseler Druckerei und Färberei AG ist nach dem Hersteller von Vermessungsinstrumenten, F. W. Breithaupt & Sohn (seit 1762), das zweitälteste Unternehmen der Stadt und eines der ältesten Hessens. Der Ursprung des Unternehmens geht auf eine „Schwarz- und Schönfärberei“ zurück, die Textilmeister Johann Justus Engelhardt am 15. Februar 1763 in der einstigen Alten Leipziger Straße 950/951 (später Bettenhäuser Straße 10) gründete. 1897 zogen dessen Nachfahren mit dem Betrieb in die damalige Stiftstraße nach Bettenhausen auf das Gelände der „Worchschen Mahlmühle“ direkt an der Losse um, heute Dormannstraße 48 und bis nach wie vor Sitz der Firma. 1919 verkauften die Inhaber den Betrieb an Rudolf Karstadt, der 38 Jahre zuvor in Wismar den Grundstock für den heute noch existierenden, gleichnamigen Warenhauskonzern gelegt hatte. 1933 gliederte Karstadt die Stoffdruckerei und -färberei in eine eigenständige Aktiengesellschaft aus. 24 Jahre später verkaufte Karstadt den Betrieb an Robert und Willy Bour, den Vater beziehungsweise Großvater des heutigen Alleinvorstands. Anfang der 60er-Jahre – in der Blütezeit des Unternehmens – beschäftigte Kadruf 680 Menschen, die an den damals modernsten Maschinen der Welt arbeiteten. Gesteuert wurden sie teilweise von einem „Zuse Z2“, einem elektronischen Rechner des genialen deutschen Computer-Erfinders Konrad Zuse. Kadruf dürfte somit einer der ersten Unternehmen überhaupt gewesen sein, die sich dieser modernen Technik in der industriellen Produktion bediente. Doch schon zwei Jahre später kam das Ende. Auf dem Höhepunkt der Textilkrise in Deutschland musste auch Kadruf 1965 Konkurs anmelden. Der Maschinenpark und ein Teil des Grundstücks wurden verkauft. Auf einem Teil davon steht heute die Joseph-von-Eichendorff-Schule. Nach und nach wandelte sich der Textildrucker zum Industriepark-Betreiber.

Von José Pinto

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