22-Jähriger wurde zu Boden gedrückt

Kassel: Detektive verletzen Mann, weil sie ihn für Dieb hielten

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Der Ort weckt schlechte Erinnerungen: Ahmad Shemis wurde im Kaufhof als Ladendieb verdächtigt und bei der Festnahme durch Sicherheitsleute der Firma Protex verletzt.

Ahmad Shemis (22) wurde von Sicherheitsmitarbeitern der Firma Protex im Kasseler Kaufhof fälschlicherweise des Diebstahls beschuldigt und beim Festhalten und Fixieren verletzt.

Ahmad Shemis (22) hat als syrischer Kriegsflüchtling viel Leid und Unrecht erlebt. Mit 17 Jahren war der Schwerbehinderte, der wegen einer neurologischen Erkrankung an beiden Beinen Prothesen trägt, aus seiner Heimatstadt Homs nach Kassel gekommen. 

Hier musste er nun erfahren, dass ihm auch in Deutschland Unrecht widerfahren kann. Er wurde von Sicherheitsmitarbeitern der Firma Protex im Kaufhof fälschlicherweise des Diebstahls beschuldigt und beim Festhalten und Fixieren mit Handschellen verletzt.

Videoqualität ist nicht gut genug

Es war der 21. März, als Shemis den Kasseler Kaufhof besuchte. Wie auch die Videoaufzeichnungen des Kaufhauses belegen, hielt er sich in der Parfümabteilung auf. Dort griff der 22-Jährige zu einem Duft-Tester, mit dem er sich ausgiebig besprühte. Anschließend schlenderte er Richtung Ausgang Opernplatz. Was dann im Ein- und Ausgangsbereich geschah, ist auf dem Videomaterial nicht genau zu erkennen. Laut der Ermittlungsakte, die der HNA vorlag, ist die Bildqualität dafür zu schlecht.

Klar ist, dass zwei Sicherheitsmitarbeiter, die von einem Kollegen per Funk über den mutmaßlichen Diebstahl informiert wurden, Shemis abfingen. Die Kaufhausdetektive gaben später zu Protokoll, dass sie den jungen Mann festgehalten und ihn gebeten hätten, mit ins Büro zu kommen. Daraufhin habe dieser lautstark seine Unschuld beteuert und angeboten, dass die Detektive ihn durchsuchen könnten. Dies taten sie aber zunächst nicht.

Die Situation eskalierte

Stattdessen eskalierte die Situation: Shemis glaubte, Opfer seiner Hautfarbe geworden zu sein und gab dies entsprechend kund. Durch die später bei der Polizei getätigten Aussagen aller Beteiligten ist gesichert, dass die Protex-Kollegen den aufgebrachten Syrer schließlich zu Boden drückten. Dieser wehrte sich heftig und stand wieder auf. Schließlich wurde er erneut zu Boden gedrückt. Ein Wachmann kniete sich auf ihn und fixierte seine Hände auf dem Rücken mit Handschellen, wobei seine Sonnenbrille zu Bruch ging. „Das Schlimmste waren die Blicke der anderen Kunden. Die schauten mich wie einen Verbrecher an. Ich habe mich geschämt“, so der 22-Jährige.

Prellung des Schädels und der Halswirbelsäule

Wie sich später herausstellte, erlitt Shemis durch das Fixieren am Boden eine Prellung des Schädels und der Halswirbelsäule. Ein ärztliches Attest und die Krankschreibung für zwei Wochen liegen der Redaktion vor.

Shemis wurde in das Büro des Sicherheitsdienstes geführt, wo ein Kollege abermals ein Blick auf das Videomaterial warf, das den angeblichen Diebstahl zeigte. Bei der Kontrolle der Bilder stellte er fest, dass ein Irrtum vorlag. Das Umschauen des Syrers in der Parfümabteilung hatten sie falsch eingeordnet. Auch eine Durchsuchung von Shemis belegte dies.

Nun wurden dem 22-Jährigen die Handschellen abgenommen. Die Protex-Kollegen entschuldigten sich. Erst jetzt hätten sie bemerkt, dass der Mann schwerbehindert ist. Einer der Detektive sagte gegenüber der Polizei aus, dass ihm die Sache leid tue. Er und seine Kollegen hätten den Beschuldigten mit hohem Kraftaufwand fixieren müssen. „Die haben mir einen Einkaufsgutschein angeboten. Das habe ich abgelehnt und die Polizei verlangt“, erzählt der Syrer.

Shemis wandte sich nach dem Vorfall an Vera Ahlbrecht. Die Kasselerin hatte vor zwei Jahren eine Patenschaft für den Syrer übernommen und hilft ihm in allen Lebenslagen. Gemeinsam mit dem Kasseler Anwalt Peter Neumann kämpfen sie für eine Wiedergutmachung.

Anwalt: Vorgehen war unverhältnismäßig

Aus Sicht des Anwalts, der selbst im Sicherheitsgewerbe tätig war und auch Schulungen für die IHK gibt, haben die Protex-Kollegen unverhältnismäßig und nicht deeskalierend reagiert. Auf Basis eines bloßen Verdachtes, hätten sie kein Recht gehabt, den Syrer überhaupt nur festzuhalten, so der Anwalt. Dies dürfe nur die Polizei.

Das sogenannte Jedermannsrecht (Paragraf 127 StPO), das jedem erlaubt, eine Person vorläufig festzuhalten, gelte nur, wenn jemand „auf frischer Tat betroffen“ sei, wie es im Gesetz heißt. Dafür müsse die Sachlage eindeutig sein. „Es gibt kein Annahmestrafrecht. Entweder ich habe eine Straftat beobachtet oder nicht“, sagt Neumann. Im vorliegenden Fall habe sich die Security der Freiheitsberaubung schuldig gemacht.

Dennoch hat die Staatsanwaltschaft Kassel die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung Anfang Juli eingestellt. Weder bei der Körperverletzung noch bei der Beschädigung der Brille liege eine vorsätzliche Tat vor. Es könne sich vielmehr um fahrlässige Taten handeln. Für solche Vergehen stehe vor allem der Weg der Privatklage offen. Eine Ermittlung von Amts wegen sei nur möglich, wenn ein öffentliches Interesse bestehe. Dies sei der Fall, wenn der öffentliche Rechtsfrieden gestört sei.

Hintergrund: Jedermannsrecht ist umstritten

„Das Jedermannsrecht ist unter Juristen umstritten. Einige sagen, ein dringender Tatverdacht reicht für eine kurzfristige Festnahme aus, andere argumentieren, die Tat müsse tatsächlich stattgefunden haben“, sagt Andreas Thöne, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ob jemand zu Unrecht festgehalten wurde, müsse in einem Gerichtsverfahren geklärt werden. Dafür seien die genauen Umstände zu prüfen. Security-Mitarbeiter bewegten sich oft in einer rechtlichen Grauzone. 

„Aus meiner Sicht reicht ein Verdacht, der einen Tatsachenkern trägt, für eine kurze Festnahme aus. Andernfalls würde die Zivilcourage unterlaufen“, so Thöne. Shemis hat über seinen Anwalt Beschwerde gegen die Entscheidung der Staatsanwälte eingelegt. Sollte diese keinen Erfolg haben, soll die Privatklage verfolgt werden. Dabei soll es auch um Schadenserstatzforderungen gegen Protex gehen. Protex und der Kaufhof wollten sich auf HNA-Anfrage nicht äußern. Bei Protex wurde dies mit dem laufenden Verfahren begründet.

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