Hochzeiten in der Region werden immer aufwendiger

"Ich muss auch manchmal weinen": Kasselerin begleitete über 100 Hochzeiten als Fotografin

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Vor dem Rathaus: Andreas und Julia Rein haben mit den Fotos eine besondere Erinnerung an ihre Hochzeit.

Helena Oldenburger hat schon weit mehr als 100 Hochzeiten als Fotografin begleitet. Passend zur Hochzeitsmesse in der documenta-Halle an diesem Wochenende berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Frau Oldenburger, haben Sie als Hochzeitsfotografin einen Traumjob oder einen Knochenjob?

Für mich ist das in erster Linie ein Traumjob. Die Engagements bei Hochzeiten sind die kreativsten und interessantesten Kapitel der Fotografenarbeit.

Und das Ganze strengt nicht an?

Doch. Manchmal bedeutet das, zwölf Stunden am Stück zu arbeiten und ununterbrochen auf den Beinen zu sein. Aber ich habe festgestellt, dass ich manchmal erkältet die Arbeit beginne und sie dann gesund beende. Dieses Emotionale, das man erlebt, gibt einem enorm viel.

Fiebern Sie immer mit?

Ja, ich muss auch manchmal weinen.

Was war denn das Emotionalste, was sie erlebt haben?

Oftmals ist es einfach die Liebe des Brautpaars, die einen überwältigt – diese Würde, die Braut und Bräutigam ausstrahlen. Oft haben beide schon viel erlebt – und es ist schön zu sehen, wie sie zusammenhalten und sich gegenseitig Mut geben.

Nennen Sie Beispiele!

Ich erinnere mich an eine Braut, die schon mehrere Fehlgeburten hatte. Das Paar hat die Hoffnung nicht verloren und schließlich ein Kind bekommen. Das Baby war dann bei der Hochzeit dabei. Alle drei zusammen zu fotografieren, das war einfach fantastisch. Dann vergesse ich die körperlichen Anstrengungen bei der Arbeit. Ich sage immer, dass die Beine nur danach weh tun.

Sind Sie als Fotografin auch erste Therapeutin für das Brautpaar?

Oft. Gerade die Bräute sind enorm aufgeregt, und manche sind auch nah am Wasser gebaut. Da kommen gleich ein paar Tränen, wenn das Kleid nicht richtig sitzt oder die Blumen ein bisschen dunkler sind als bestellt. Ich bin dann auch zum Trösten da und zum Aufmuntern. Und ich versuche, durch das Fotografieren die Spannung ein bisschen zu lösen. Ich möchte schließlich, dass die Menschen glücklich sind. Und dieses Glück möchte ich zeigen.

Haben Sie Dramen erlebt?

Das Schlimmste war, dass die Braut eine Stunde zu spät zur standesamtlichen Trauung gekommen ist. Sie hatte ihr Kleid selbst genäht und war nicht rechtzeitig fertig geworden. Aber der Bräutigam hat die Verspätung mit Unterstützung des Standesbeamten gut geregelt. Wir haben die Zeit kreativ gestaltet, indem wir Fotos gemacht haben. Und als die Braut kam, sah sie fantastisch aus.

Und von welchen Pannen können Sie berichten?

Einmal habe ich es erlebt, dass die Organistin nicht gekommen ist.

Aber da sind Sie dann nicht auch noch eingesprungen?

Nein, nein. Wobei: Meine Mutter ist Klavierlehrerin. Ich hätte es sogar gekonnt.

Sonst gab es keine Pannen?

Es gibt immer Kleinigkeiten, die nicht funktionieren. Aber ich bewundere die Eigenschaft der Brautpaare, alles perfekt zu organisieren. Sie entwickeln da große Managementqualitäten. Viele achten auf die Details, was zur Folge hat, dass schon falsche Weingläser auf dem Tisch eine Krise auslösen können, weil sie sich das in Gedanken ganz anders ausgemalt haben. Dann kommt der emotionale Durchbruch. Aber ich sage immer: Es kommt nicht darauf an, dass alles funktioniert, sondern entscheidend ist das Gefühl.

Was definitiv nicht planbar ist, ist das Wetter. Dabei ist doch das das Entscheidende, oder?

Das ist richtig. Aber es gibt bei jedem Wetter tolle Möglichkeiten, schöne Bilder zu machen. Es kommt auf die Planung an und auf einen Plan B. Das Ganze ist letztlich auch Einstellungssache. Es gibt immer eine Lösung – gerade in Kassel, weil die Museumslandschaft fantastische Möglichkeiten bietet, auch innen tolle Bilder zu machen.

Wie gelingt denn das perfekte Hochzeitsfoto?

Das ist mit Aufwand verbunden. Ich zum Beispiel kläre in einer Vorbesprechung, was gewünscht ist und welche Geschichte das Brautpaar hat. Jede Hochzeit ist schließlich individuell, jedes Hochzeitspaar anders. Wenn ich die Hintergründe und Vorstellungen kenne, dann schule ich das Brautpaar in einem Probeshooting. Ich zeige, wie die Hand gehalten werden muss. Ich schaue, wo die Schokoladenseite ist. Denn es gibt viele, die noch nie professionell fotografiert worden sind. Das betrifft vor allem die Männer.

Dafür sind die Frauen wesentlich nervöser.

Auf alle Fälle.

Was müssen Sie noch beachten?

Für den Fotografen ist es wichtig, ein gutes Auge zu haben. Er muss sehen, wo sich bestimmte Momente auftun: wenn etwa die Brautmutter die Braut umarmt. Dafür braucht es neben der Vorbereitung ein gutes Gespür – und vor allem Tempo in den Beinen. Ich muss im Hintergrund sein, aber trotzdem überall. Das größte Kompliment ist, wenn die Hochzeitsgäste sagen, dass sie mich gar nicht bemerkt hätten.

Haben Sie auch den Blick dafür, ob eine Ehe funktionieren wird?

Nein. Ich weiß nur: Wenn das Paar nach zwei Jahren zu mir kommt und die Frau schwanger ist, ist alles in Ordnung. Ich freue mich, wenn ich die Familie fotografisch weiter begleiten kann – etwa bei der Einschulung des Kindes. Dann geht mein Herz auf. Generell kann ich sagen, dass ich oft sehr verliebte Menschen sehe. Das lässt mich weiter an die Liebe glauben.

Zur Person: Helena Oldenburger

Helena Oldenburger ist 45 Jahre alt und wohnt in Kassel. Sie ist alleinerziehend und hat zwei Söhne. Seit neun Jahren betreibt sie das Fotostudio Objektiv in der Wilhelmshöher Allee. Derzeit schreibt sie parallel an ihrer Masterarbeit im Bereich Wirtschaftswissenschaften.

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Zur Hochzeit darfs ein bisschen mehr sein

Für heiratswillige Paare in der Region dürfen die Kosten für ihren großen Tag zunehmend aufwendig ausfallen: Laut dem Veranstalter der Kasseler Hochzeitsmesse, die am Wochenende 19. und 20. Januar in der documenta-Halle stattfindet, werden für ein Hochzeitsfest im Durchschnitt mittlerweile 12- bis 15.000 Euro ausgegeben.

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Bundesweit setzen Brautmoden-Ateliers, Floristen, Juweliere, Fotografen, Friseure, Caterer und weitere Akteure der Hochzeitsbranche nach Schätzungen rund zwei Milliarden Euro pro Jahr um – ein Geschäft, in dem viele mitverdienen wollen. Bei 62 Anbietern in der documenta-Halle führt Messeveranstalter Otto Martelleur eine Warteliste mit rund 50 Bewerbern, die von Jahr zu Jahr länger werde. Die Kapazitäten in der Halle seien aber ausgeschöpft.

Dennoch wird das Angebot für Besucher in diesem Jahr größer durch eine Kooperation: Parallel zur Hochzeitsmesse laufen die „Wedding Days“ im nahen Renthof, wo sich weitere Fest-Dienstleister präsentieren. Die Eintrittskarten (10 Euro an der Tageskasse) gelten am Samstag und Sonntag (10 bis 18 Uhr) für beide Veranstaltungsorte.

Auch Renthof-Mitinhaber Rainer Holzhauer bestätigt: Die Nachfrage von Brautpaaren, die sich ein professionell ausgerichtetes Hochzeitsfest wünschen, „nimmt von Jahr zu Jahr zu“. Messe-Organisator Martelleur beobachtet ein wachsendes Bestreben von Paaren, mit ihrer Festgestaltung Eindruck hinterlassen zu wollen: Wünsche nach Feuerwerk, Stretch-Limousinen und Profi-Barmixern seien recht neue Trends. Dahinter stecke auch ein gewisser Wettbewerbscharakter, der durch die Sozialen Medien befeuert werde. „Man strengt sich da schon an“, sagt der Hochzeitsprofi. Für fotogene Extras sitze das Geld lockerer als früher.

Im vergangenen Jahr haben in Kassel 1131 Paare standesamtlich geheiratet – so viele waren es zuletzt Anfang der 1990er-Jahre. Für dieses Jahr sind bereits 495 Termine reserviert.

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