„Haben Chance, etwas Gutes zu schaffen“

Kassels OB Geselle und GNH-Chef Knapp äußern sich zu Neuausrichtung der Kliniken

+
Wollen die GNH umstrukturieren: Christian Geselle (links) und Michael Knapp.

Die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) mit dem Kasseler Klinikum als Flaggschiff soll neu ausgerichtet werden. Was aber soll sich ändern?

GNH-Chef Dr. Michael Knapp und Oberbürgermeister Christian Geselle, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Holding ist, sprechen im Interview über die Neuausrichtung der Gesundheit Nordhessen Holding.

Herr Geselle, Herr Dr. Knapp. Ist die Gesundheit Nordhessen Holding ein Patient auf der Intensivstation?

Geselle: Nein. Um das klar zu sagen: Die Gesundheit Nordhessen Holding ist voll handlungsfähig. Dass die Stadt als Hauptgesellschafter nun eine hohe Summe für sie zur Verfügung stellen will, hat vor allem damit zu tun, sie auch für die Zukunft gut aufzustellen. Es geht dabei um die optimale medizinische Versorgung in der Region. Knapp: Dienstag war ein guter Tag, weil der Aufsichtsrat mutige Entscheidungen getroffen hat. Wir haben das Okay bekommen, dass wir die Versorgung in der Region neu ausrichten können. Jetzt haben wir die Chance, etwas Gutes zu schaffen.

Und das ist gewährleistet, wenn eine Klinik wie die in Wolfhagen geschlossen und durch ein Ärztehaus ersetzt wird?

Knapp: Ein Krankenhaus ist nur ein Baustein in der Versorgungskette. Es geht dabei nicht nur um Erreichbarkeit, sondern auch um Erfahrung, Spezialisierung und Infrastruktur. Eine optimale Versorgung kann nur gewährleistet werden, wenn Kompetenzen vernetzt und gebündelt werden. Daher soll in Wolfhagen ein regionales fachärztliches Gesundheitszentrum entstehen, das eng mit unseren Krankenhäusern verzahnt ist.

Und welche Bedeutung hat moderne Technik?

Knapp: Die Medizin der Zukunft ist Hightech – und die kann man nur an großen Standorten vorhalten. Es bringt dem Patienten nicht so viel, wenn er in das Krankenhaus vor Ort kommt, dort aber die Bedingungen nicht optimal sind. Es ist also besser, zehn Minuten länger zu fahren und dann optimal versorgt zu sein, bevor man verlegt wird.

Das heißt: Wie sieht Ihre Vision von der medizinischen Versorgung in der Region aus?

Knapp: Wir müssen das Klinikum als Flaggschiff mit einer sehr ausdifferenzierten Hightechmedizin ausbauen und noch stärker überregional ausrichten. Deshalb müssen wir ins Klinikum investieren. Das heißt zum Beispiel in die neuen OPs und die Intensivstationen. Zusätzlich werden wir unsere Häuser in Bad Arolsen und Hofgeismar weiter entwickeln und an einem fachärztlichen Gesundheitszentrum in Wolfhagen arbeiten. Alle Bausteine müssen dann vernetzt arbeiten – hier kommt die Digitalisierung ins Spiel. Geselle: Insgesamt geht es darum, drei Hauptziele miteinander zu verbinden.

Die da wären?

Geselle: Es geht erstens um eine top medizinische Versorgung. Zweitens müssen wir für eine hohe Auslastung sorgen. Dabei geht es nicht um Gewinn-Maximierung, sondern darum, dass das Unternehmen wirtschaftlich geführt werden kann. Und drittens ist es wichtig, in die Kollegen zu investieren und für eine Top-Infrastruktur zu sorgen. Diesen Kreislauf müssen wir im Auge behalten. Deshalb gehen wir jetzt einen mutigen Schritt und investieren in die Neuausrichtung, wo andere Kliniken ihre Investitionen eher zurückfahren.

Das Flaggschiff der Gesundheit Nordhessen Holding: Das Klinikum Kassel auf dem Möncheberg soll gestärkt werden.

Und was bedeutet das für die Versorgung im ländlichen Raum?

Knapp: Hier müssen wir eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Medizin hinbekommen. Wir müssen also auch besser mit den niedergelassenen Ärzten vor Ort kooperieren und sie einbinden – das gilt übrigens nicht nur für den ländlichen Raum.

Daher die Idee eines regionalen fachärztlichen Gesundheitszentrums für Wolfhagen?

Knapp: Ja, auch durch eine bessere Vernetzung entsteht eine höhere Qualität in der Versorgung. Ich freue mich, dass die Kassenärztliche Vereinigung Hessen unser Partner bei diesem Projekt ist.

Welche zeitliche Vorstellung haben Sie, um die Neuausrichtung zu vollziehen?

Knapp: Wir gehen diese Neuausrichtung unter dem Motto Perspektive 2022 an. Sie sollte also nicht ewig dauern. Geselle: Den ersten Schritt haben wir getan. Die Grundsatzentscheidung für die Neuausrichtung ist im Aufsichtsrat gefallen. Neben der Stärkung des Klinikums und der Neuausrichtung der Kreiskliniken zählt dazu die Konzentration auf das Kerngeschäft.

Das bedeutet?

Knapp: Wir müssen uns auch Gedanken machen, was mit der Seniorenwohnanlage am Lindenberg geschieht. Wir werden dieses Geschäftsfeld aufgeben.

Die Gesundheit Nordhessen Holding ist einer der größten Arbeitgeber in der Region. Was bedeutet die Neuausrichtung für die annähernd 5000 Mitarbeiter?

Geselle: Um das klar zu sagen: Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels brauchen wir alle Beschäftigten. Auch insofern haben wir im Aufsichtsrat die Weichen gestellt.

Inwiefern?

Geselle: Wir haben dem Vorstand das Mandat gegeben, dass wir den Zukunftssicherungstarifvertrag ein Jahr früher beenden als geplant. Das bedeutet, dass wir schon ab dem 1. Januar 2020 wieder ganz normal Tariflöhne bezahlen wollen, ohne etwas einzubehalten. Die Gesundheit Nordhessen Holding soll schließlich auch für die Mitarbeiter attraktiv sein. Und so gibt es auch kein Risiko für die Mitarbeiter bei einer wirtschaftlichen Verschlechterung.

Die Personen

Dr. Michael Knapp (51) kommt aus Wolfhagen und ist Physiker. Im August nahm er seine Arbeit als Chef der Gesundheit Nordhessen Holding auf. Zuvor war er zwölf Jahre bei den Schön Kliniken am Chiemsee tätig.

Christian Geselle (43) kommt aus Kassel. Seit gut zwei Jahren ist der Jurist Oberbürgermeister der Stadt Kassel. Als solcher ist er zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Gesundheit Nordhessen.

Die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH)

Die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) ist als regionaler Anbieter im Gesundheitsbereich mit 4850 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region. Flaggschiff der GNH ist das Klinikum Kassel, das mit 32 Fachkliniken und Instituten das größte kommunale Krankenhaus der Maximalversorgung in Hessen ist. Weiterhin gehören zur GNH unter anderem die Krankenhäuser in Bad Arolsen, Hofgeismar, Wolfhagen, die Seniorenwohnanlagen und die Krankenhausapotheke.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.