Cinestar wirkt überdimensioniert

Kassel hat zu viele Kinosessel: Baunataler Cineplex aber vor Ausbau

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Ist ein Magnet für Besucher aus der gesamten Region: Das Cineplex-Kino in Baunatal. Viele Gäste kommen auch aus Kassel in die VW-Stadt. Das Gebäude soll möglicherweise um drei Kino-Säle erweitert werden.

Kassel/Baunatal. Kinos stehen in einem härter werdenden Wettbewerb. Jahrelang sanken die Besucherzahlen. Umso erstaunlicher ist, dass das Cineplex-Kino in Baunatal erweitert werden soll.

2017 wurden in Kassel nach Daten der Filmförderungsanstalt insgesamt 651.900 Besucher gezählt (ohne Baunatal). Der Gesamtumsatz der Kinos lag bei 5,3 Mio. Euro. Gleichzeitig gibt es mit 5690 Kinoplätzen ein Überangebot. Statistisch gesehen ist damit jeder Kinosessel nur 114 Mal im Jahr besetzt. Der Durchschnittswert liegt bei Städten in vergleichbarer Größe bei 160 Gästen pro Sitz.

Die Gründe für die verschärfte Marktlage sind Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon Prime und Maxdome, die das Heim-Kino revolutioniert haben, aber auch ein verändertes Freizeitverhalten der Menschen. Die Auswirkungen sind auf dem Kasseler Kinomarkt zu beobachten. Allerdings gehen die Betreiber ganz unterschiedlich mit den Herausforderungen um.

Die Schäfer Filmtheaterbetriebe, die die Cineplex-Kinos in der Kasseler Wilhelmsstraße und in Baunatal betreiben, gehen in die Offensive. Nachdem vergangenes Jahr das Cineplex Capitol in Kassel für 2,7 Mio. Euro modernisiert wurde, wird der erst 2015 gebaute Ableger in Baunatal um drei Kinosäle erweitert. „Wir wollen ein Erlebnis bieten, das die Leute auf dem heimischen Sofa nicht bekommen“, sagt Schäfer. Die Rechnung scheint aufzugehen. Zuletzt zählte Schäfer in beiden Häusern fast eine halbe Mio. Gäste pro Jahr.

Das Cinestar Kassel am Rathaus beschreitet einen anderen Weg. Dort wurde der Eintritt für alle Tickets (außer 3D) auf sieben Euro gesenkt. Gleichzeitig gibt es im drittgrößten Kino der Cinestar-Gruppe einen Sanierungsstau. „Cinestar befindet sich über alle Standorte hinweg in einem kontinuierlichen Modernisierungsprozess“, sagt Oliver Fock, Geschäftsführer der Cinestar-Gruppe. Konkrete Pläne für das Kasseler Kino gebe es noch nicht.

Drei neue Säle im Baunataler Cineplex

Seit Sommer 2015 gibt es das Cineplex-Kino in Baunatal. Drei Jahre nach der Eröffnung steht das Haus an der Friedrich-Ebert-Allee bereits vor einer Erweiterung. Weil der Kino-Betrieb so gut läuft in der VW-Stadt, will Betreiber Wolfgang Schäfer auf der Rückseite des Komplexes anbauen. Dort sollen drei weitere Kinosäle entstehen. Zunächst gehe es aber darum, dass die Stadt die planerischen Voraussetzungen schaffe, sagt er im Gespräch mit der HNA. Derzeit hat das Baunataler Cineplex sechs Säle für rund 680 Besucher. Mit drei zusätzlichen Sälen soll die Anzahl der Plätze auf rund 950 steigen.

Wolfgang Schäfer

Er gehe davon aus, dass sich das Konzept auch weiterhin wirtschaftlich trage, sagt Schäfer, der in Kassel auch das Cineplex-Capitol betreibt. Die Besucherzahl sei stabil. Kamen im ersten Jahr rund 150.000 Gäste, pendelte sich die Zahl im zweiten und dritten Jahr auf rund 170.000 Besucher ein.

Mit dem Haus in Baunatal hat Wolfgang Schäfer eine Attraktion in der Region geschaffen. Die Besucher kommen nach Angaben des Unternehmers aus dem Landkreis Kassel, aus dem Schwalm-Eder-Kreis und dem Waldecker Raum, zehn bis zwölf Prozent kommen aus Kassel.

Hauptgrund für den Ausbau des Gebäudes ist eine Verbesserung der Programmvielfalt. Derzeit kann der Kino-Betreiber in Baunatal nicht alle Filme, die vom Verleih angeboten werden, zeigen. „Nach einer Erweiterung können wir uns programmatisch weiterentwickeln“, sagt Schäfer.

Grundsätzlich sei er mit der Entwicklung zufrieden, betont Schäfer. Ein Ausbau sei ein gutes Zeichen für Baunatal. Das zeige, „dass der Standort Zukunft hat“. Das sieht man auch im Baunataler Rathaus so. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Stadtsprecherin Susanne Bräutigam. „Das Kino ist eine echte Bereicherung für die Innenstadt.“

Wolfgang Schäfer will aber den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen. Er betont, dass vor einer Entscheidung für einen Anbau an den bestehenden Kino-Komplex der Bebauungsplan angepasst werden müsse. Erst wenn die Bürger und die Stadtverordneten nichts gegen das Vorhaben hätten, dann werde er mit einer detailierten Planung beginnen. Sollte alles klappen, dann will Schäfer mit den Arbeiten im Frühjahr 2019 starten. Der Anbau soll auf der nördlichen Seite des jetzigen Gebäudes Richtung Bauna entstehen. Der Gebäudeteil soll ein Stück in die Erde eingelassen werden, damit sich dieser besser ins Landschaftsbild einpasst.

Die Baunataler Stadtverordneten werden sich bereits in ihrer nächsten Sitzung am Montag, 11. Juni, mit der Kino-Erweiterung befassen. Ab 18 Uhr steht im Rathaus die entsprechende Änderung des Bebauungsplanes auf der Tagesordnung.

Cinestar leidet besonders unter Überangebot

Gigantischer Kinopalast: Das Cinestar-Kino an der Trompete bietet in 13 Sälen insgesamt 3400 Kinosessel und gehört damit zu den größten Kinos in Deutschland.

Als „das Ufo“ im Januar 2000 an der Fünffensterstraße/ Ecke Frankfurter Straße landete, waren die Erwartungen riesig. Nicht umsonst war das Multiplex-Kino, das im Volksmund als Ufo bezeichnet wurde, mit 3400 Plätzen ausgestattet worden.

Damit zählte es zu den größten Kinos in Deutschland. Die Planer kalkulierten mit annähernd einer Million Besuchern pro Jahr für den Ufa-Palast, wie das Kino bis zur Insolvenz der Ufa hieß. In den ersten Jahren wurden dort zumindest 650.000 Gäste gezählt – soviel waren es 2017 in allen Kasseler Kinos. Rechnet man die Kinos im Umland hinzu, sind es etwa 850.000 Kinogäste.

Als im November 2000, nur ein knappes Jahr später, die Schäfer Filmtheaterbetriebe an der Wilhelmsstraße das spätere Cineplex Capitol-Kino eröffneten, war der Kampf der Großraumkinos eröffnet. Es sollte sich zeigen, dass die 1300 Plätze im Capitol-Kino einfacher auszulasten waren, als die 13 Säle im mehr als doppelt so großen Ufa-Palast, der später von der Cinestar-Gruppe übernommen wurde.

Cinestar in Kassel wirkt überdimensioniert

Die Folgen sind unübersehbar: Das riesige Foyer im Cinestar-Kino und die zahlreichen Kassenplätze wirken überdimensioniert. Auch eine umfassende Sanierung der Kinosäle – von denen nur einige seit 2000 modernisiert wurden – lässt auf sich warten.

Zur Kasseler Konkurrenzsituation sagt der Geschäftsführer der Cinestar-Gruppe, Oliver Fock, es handele sich um eine „übliche Wettbewerbssituation“.

Wolfgang Schäfer, Geschäftsführer der Filmtheaterbetriebe Schäfer, zeigt sich zufrieden mit seinem Geschäft. Der Krise der Kinobranche hat er eine Investitionsoffensive entgegengesetzt. Durch Luxusausstattung und moderne Bild- und Tontechnik zielt er auf neue Besuchergruppen. „Wir wollen Kino zu etwas Besonderem machen, um uns abzugrenzen.“ Gerade die Plätze mit Premium- und Luxusausstattung würden gut angenommen. Auch Sonderveranstaltungen wie Liveübertragungen von Konzerten, Filmnächte und eine modernisierte Filmgastronomie seien Bestandteile seines Konzeptes.

Nachdem das Cinestar-Kino seine Ticketpreise auf sieben Euro gesenkt hatte, habe er dies nur an einem kurzzeitigen Rückgang der Besucherzahlen gespürt, so Schäfer.

In der Nische zwischen den beiden großen Kinos schlagen sich die Arthouse-Kinos Bali, Gloria und Filmladen wacker. Auch wenn die Macher dort spüren, dass vor allem das jüngere Publikum immer häufiger fernbleibt, wie Burkhard Hofmann (Bali / Filmladen / Gloria) sagt. Dies liege auch an den Streaming-Diensten, die zum Teil bereits Filme exklusiv für ihre Portale produzierten.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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