Opfer sind Tätern oft hilflos ausgeliefert

Wenn intime Fotos im Netz landen: So wehren Sie sich gegen Internetkriminalität

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Immer mehr Betroffene: Die Bandbreite digitaler Gewalt ist groß. Sich davor zu schützen beziehungsweise gegen digitale Angriffe vorzugehen, ist bislang extrem schwierig.

Internetkriminalität wird immer ausgeklügelter. Einer Studie zufolge war jeder zweite Internetnutzer 2018 von Kriminalität im Web betroffen. In Kooperation mit der Polizei geben wir Tipps.

„Mein Partner weiß immer, wo ich bin, obwohl er mir nicht folgt. Er spioniert mir über mein Smartphone hinterher, ortet mich überall.“ Elke Lomb und Heike Upmann vom Kasseler Verein Frauen informieren Frauen (FiF) begegnen in ihrem Beratungsalltag immer häufiger solchen und ähnlichen Fällen digitaler Gewalt.

Frauen berichten von (Ex-) Partnern, die die Passwörter für Smartphones und Computer ihrer Partnerinnen ausspionieren, sie per GPS-Signal orten, Tonaufnahmen, Videos oder intime Fotos auf Internetseiten veröffentlichen und an Familie, Freunde, Arbeitskollegen oder Mitschüler verschicken oder damit drohen, das zu tun. „Dabei geht es um Kontrolle, Macht und Einschüchterung“, sagt Elke Lomb.

Internetkriminalität: Intime Fotos versendet

Eine Frau etwa habe berichtet, ihr Partner habe die Systemsprache des Computers in Chinesisch geändert. „Die Frau hatte in der Folge keinen Zugriff mehr auf den Rechner, konnte ihre Mails nicht mehr abrufen oder Online-Banking machen“, beschreibt Heike Upmann die Situation. Eine andere habe berichtet, ihr ehemaliger Partner wisse trotz Trennung alles über sie, spioniere ihr Smartphone aus. 

Heike Upmann, Frauen informieren Frauen.

Der Mann einer Beratungssuchenden habe intime Fotos, die ohne Wissen der Frau entstanden waren, an männliche Verwandte verschickt. Ein anderer habe seine Ex-Partnerin bis zu 600 Mal täglich angerufen. 

„Wenn sie nicht abhob, rief er bei Familienangehörigen, Freunden und Arbeitskollegen an“, berichtet Upmann. Die Liste der Fälle digitaler Gewalt ist lang.

Kriminalität im Netz: Täter wollen Opfer bloßstellen

„Die Täter versuchen, ihr Opfer vor einer möglichst breiten Öffentlichkeit bloßzustellen“, sagt Upmann. Sie übten Druck aus, um zu verhindern, dass die Partnerin sie verlässt oder um sie zur Rückkehr zu bewegen. „Und sollte sie doch den Mut haben, ihn zu verlassen, soll sie wenigsten keinen schönen Tag mehr in ihrem Leben haben“, beschreibt Lomb die Motivation der Stalker.

Elke Lomb, Frauen informieren Frauen.

Viele der Frauen, die ins FiF kämen, erzählten aber nicht zuerst von der digitalen Gewalt, die ihnen widerfährt. „Das ist für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, nur ein Aspekt von vielen“, sagt Upmann. Auch sei die Veröffentlichung von Privatem sehr beschämend. „Die Opfer haben Angst und fühlen sich ohnmächtig und hilflos“, sagt Lomb.

Bewusstsein über Internetkriminalität noch ausbaufähig

Das Bewusstsein, was alles möglich sei im Bereich digitaler Gewalt, sei bei vielen noch nicht so stark ausgeprägt, glaubt sie. „Die Technik war da einfach schneller als der Mensch“, meint ihre Kollegin Upmann. Und obwohl es sich um Straftaten handle, schreckten viele der Betroffenen vor einer Anzeige zurück. 

Dabei sei das auch nichts anderes, als wenn etwa ein Ex-Partner das Auto seiner Verflossenen zerkratze. Die Frauen müssten auch digitalen Angriffen vorbeugen. 

„Denn nichts tun ändert nichts“, sagt Upmann. Dabei seien Kenntnisse über die Möglichkeiten und ein risikobewusster Umgang mit der Veröffentlichung und Weitergabe persönlicher Daten grundlegend.

Lesen Sie auch: Gegen Hass im Internet hat die Hessische Justiz in Kassel eine Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Gruppierungen gestartet.

Tipps gegen Internetkriminalität: Angriffe dokumentieren

Digitale Gewalt umfasst alle Bereiche, in denen Menschen mithilfe digitaler Medien eingeschüchtert und bedroht werden. „Sie findet nicht zwangsläufig, aber oftmals im Kontext häuslicher Gewalt statt“, sagt Kriminaloberkommissarin Aniane Emde vom Polizeipräsidium. Nordhessen. Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt gibt Opfern folgende Ratschläge: 

. Machen Sie Screenshots von Ihren Handy- oder/und PC-Bildschirmen, auf denen die Angriffe abgebildet sind. Drucken Sie diese aus und bewahren Sie sie sicher auf, am besten chronologisch geordnet. 

. Speichern Sie alle E-Mails, SMS, Screenshots, die im Zusammenhang mit den Übergriffen stehen. Holen Sie sich hierbei eine Vertrauensperson als Zeugen dazu. Speichern Sie die Beweise auf einem Extra-Stick. Bewahren Sie diesen sicher auf. 

. Leiten Sie keine E-Mails von dem Täter weiter. Dadurch würden Sie das Verlaufsprotokoll ändern. 

. Kündigen Sie keine nächsten Schritte an. Diese informieren Täter über Ihre weitere Strategie. 

. Erneuern Sie ihre Passwörter. Benutzen Sie sichere Passwörter. 

. Legen Sie einen weiteren Mail-Account an. Den ehemaligen benutzen Sie nicht mehr, lassen ihn aber zu Dokumentationszwecken bestehen. 

. Erkundigen Sie sich über vorhandene Sperrfunktionen Ihrer Geräte. Diese finden Sie unter Einstellungen/Mein Gerät/Anrufeinstellungen. Aktivieren Sie diese, um weitere Übergriffe zu verhindern. 

. Dokumentieren Sie die Vorfälle sorgfältig in einem Stalking-Tagebuch. 

. Bleiben Sie mit den Übergriffen nicht alleine. Weihen Sie Vertrauenspersonen ein. 

. Sichern Sie Sachbeweise, die es im Zusammenhang mit den Übergriffen gibt. Als Sachbeweise dienen E-Mails, SMS, Fotos, Mailbox- und Anrufbeantworternachrichten, Screenshots Ihres Handydisplays oder PC-Bildschirms, Geschenke, Rechnungen von Warenbestellungen. 

. Ordnen Sie Ihre Beweise der letzten Spalte Ihres Stalking-Tagebuchs zu. Denn vor Gericht muss eine Einschränkung Ihrer Lebensqualität nachgewiesen werden, um die Handlung des Täters als Stalking feststellen zu können. 

. Informieren Sie sich, welche rechtlichen Möglichkeiten Ihnen in Ihrem Fall zur Verfügung stehen. 

. Suchen Sie eine Fachberatungsstelle auf. 

. Schaffen Sie sich angstfreie Räume. 

. Nehmen Sie weiter am sozialen Leben teil. Treiben Sie Sport. Praktizieren Sie Entspannungsübungen. 

. Besuchen Sie Selbsthilfegruppen. 

. Holen Sie sich bei Bedarf therapeutische Unterstützung. 

. Kontaktieren Sie die Polizei.

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