100 Kilogramm Drogen seit 2017 gefunden 

Interview mit Kasseler Kommissariatsleiterin zur Kriminalität am Stern

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Einsatz am Stern: In dem Kriminalitätsbrennpunkt finden seit 2017 regelmäßig Razzien statt. Dieses Foto entstand im Mai dieses Jahres.

Im Interview berichtet die Kasseler Kommissariatsleiterin Sabine Dohmeier über den Kampf gegen die Drogenkriminalität am Stern. Seit 2017 gab es zahlreiche Razzien.

Zur Bekämpfung der Drogenkriminalität in der Kasseler Innenstadt wurde im Juni 2017 die „Besondere Aufbauorganisation (Bao) Stern“ im Polizeipräsidium Nordhessen gegründet. Daraus wurde im Mai 2018 die „AG Stern“, die bei dem für die Bekämpfung der Drogenkriminalität zuständigen Kommissariat 34 angesiedelt ist. 

Zahlreiche Razzien fanden seitdem rund um den Kriminalitätsbrennpunkt Stern statt. Wir sprachen mit der Ersten Kriminalhauptkommissarin Sabine Dohmeier, Leiterin des K 34, über die Arbeit der „AG Stern“.

Gab es einen konkreten Anlass, die „Bao Stern“ im Jahr 2017 zu gründen?

Zu diesem Zeitpunkt gab es zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die in diversen Gewaltdelikten mündeten. Da ging es um Drogenhandel, Hehlerei und Beschaffungskriminalität. Diese Auseinandersetzungen führten dazu, dass sich viele Menschen – Anwohner, Geschäftsleute und Passanten – rund um den Stern nicht mehr sicher fühlten.

Wo kommen diese rivalisierenden Gruppen her?

Das ist bunt gemischt. Vorwiegend handelt es sich dabei um Personen aus dem arabischsprachigen Raum, dem Balkan und den Gebieten der Türkei. Diese Gruppen haben sich darum gestritten, wer und wo, welche Drogen rund um den Stern verkaufen kann.

Wie sind die Ermittler vorgegangen?

Wir haben von Beginn an den Fokus auf die täterorientierte Ermittlung gelegt. So konnten bereits früh Hintermänner des organisierten Drogenstraßenhandels identifiziert und strafverfolgt werden. Wir haben zum Beispiel einen algerischen Kokainhändler auf frischer Tat festgenommen und bei ihm 250 Gramm Kokain mit einem Verkaufswert von 20 000 Euro sowie 10 000 Euro, die er mit Drogengeschäften verdient hatte, beschlagnahmt. Es gab ja zahlreiche Razzien rund um den Stern und Wohnungsdurchsuchungen.

Wie sehen die Erfolge der Ermittler aus?

Seit Sommer 2017 wurden im Bereich der täterorientierten Ermittlungen 150 Ermittlungsverfahren eingeleitet, in denen zum Teil mehrere Beschuldigte involviert sind. Wir haben seitdem 100 Kilogramm Betäubungsmittel mit einem Straßenverkaufswert von über einer Million Euro und 200 000 Euro Bargeld beschlagnahmt. Ebenso 160 Stangen steuerfreie Zigaretten im Wert von 12 000 Euro sowie vier scharfe Kurzwaffen mit Munition sowie eine Doppelflinte und ein Repetiergewehr. Die scharfen Waffen haben wir aber bei Wohnungsdurchsuchungen gefunden, die wurden nicht in der Öffentlichkeit getragen. Wir haben keine amerikanischen Verhältnisse.

Wie sieht es mit anderen Waffen aus?

Bei unserem Klientel liegt es leider im Trend, ein Messer mitzuführen.

Was sind das für Personen, die am Stern offen mit Drogen handeln?

Bei den Straßenhändlern handelt es sich meist um junge Männer, die mit der Flüchtlingswelle 2015/16 nach Deutschland gekommen sind. Bei einem Teil der Beschuldigten handelt es sich um Syrer. Die Hintermänner leben schon länger hier und sind in Kassel etabliert. Auch diese wurden identifiziert und festgenommen.

Wie viele Personen wurden seit 2017 festgenommen?

Es wurden 33 Haftbefehle erlassen und bislang Freiheitsstrafen von über 70 Jahren insgesamt erwirkt. 15 Beschuldigte sitzen noch in Untersuchungshaft und warten auf die Hauptverhandlung.

Arbeitet die „AG Stern“ mit anderen Dienststellen zusammen?

Ja. Wir arbeiten delikts- und länderübergreifend. 2018 haben wir zum Beispiel einen Mann aus Tschetschenien festgenommen, dem wir zahlreiche Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz nachweisen konnten. In Zusammenarbeit mit den Kollegen des K 11, das zuständig für Kapitaldelikte ist, wurden dem Mann auch zwei versuchte Tötungsdelikte nachgewiesen. Er ist mittlerweile rechtskräftig zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Wir werden bei unserer Arbeit regelmäßig von unterschiedlichen Kommissariaten, der Operativen Einheit und der Spezialeinheit des Polizeipräsidiums Nordhessen unterstützt.

Was meinen Sie mit länderübergreifend?

Unsere Ermittlungen, die ihren Ursprung am Stern hatten, haben uns auch schon nach Hamburg, Belgien und in die Niederlande geführt. So konnten zwei Kurierfahrer, die Drogen nach Kassel und Hamburg gebracht hatten, in Kassel und Hamburg festgenommen werden, sowie einer der Lieferanten in Holland.

Welche Drogen werden am Stern verkauft und um welche Kunden handelt es sich?

Ein Schwerpunkt konnte im Bereich des Kokain- und Cannabishandels festgestellt werden. Die Heroinszene wird größtenteils von einem anderen Täterklientel versorgt. Der Stern ist zwar ein Brennpunkt, aber Drogenhandel gibt es auch in Clubs, Bars und Diskotheken im gesamten Stadtgebiet. In Diskotheken wird vermehrt mit Ecstasy und Amphetaminen gehandelt.

Ist die Kriminalität am Stern innerhalb der vergangenen zwei Jahre zurückgegangen?

2017 hatten wir hier ja mehrere versuchte Tötungsdelikte. Diese Gewaltdelikte sind tatsächlich zurückgegangen. Unsere Ermittlungen haben es den Dealern erschwert, das Klientel weiter mit Drogen zu versorgen. Zudem herrscht eine Verunsicherung unter den Dealern. Allerdings wissen wir auch, dass nach der Festnahme eines Dealers auch ein neuer nachkommt. Trotz aller Anstrengungen wird es uns nicht gelingen, dieses Gebiet komplett trocken zu legen.

Hat es durch die Präsenz der „AG Stern“ Verlagerungen beim Drogenhandel gegeben?

Das haben wir nicht festgestellt. Die Dealer sind relativ ortstreu.

Viele Menschen haben Angst, sich abends am Stern aufzuhalten. Würden Sie den Bereich als gefährlich bezeichnen?

Nein. Es ist nicht gefährlich, dort langzulaufen, auch abends nicht. Es liegt nicht im Interesse der Täter, unbeteiligten Menschen etwas zu tun. Damit würden sie ja ihren eigenen Umschlagplatz zerstören. Auseinandersetzungen finden hauptsächlich zwischen den rivalisierenden Gruppen statt. Normale Leute brauchen hier keine Angst zu haben. Wir bewegen uns nicht im Bereich einer No-go-Area. So etwas haben wir in Kassel nicht.

Zur Person

Die Erste Kriminalhauptkommissarin Sabine Dohmeier (55) begann 1983 ihre Tätigkeit bei der Hessischen Polizei. Zunächst arbeitete sie in Offenbach, wechselte später nach Kassel. Seit 2009 gehört sie zum für die Bekämpfung der Drogenkriminalität zuständigen Kommissariat 34. 2018 übernahm sie dort die Leitung.

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