500 Besucher im Stadtverordnetensaal des Rathauses

Streit um Markthalle Kassel: Tumulte bei Bürgerversammlung

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Großes Interesse: Zu der Versammlung waren weit mehr Zuhörer gekommen, als es Plätze gab. Oberbürgermeister Christian Geselle (vorn am Pult) hatte vor Beginn veranlasst, dass auf den Fluren wartende Besucher noch in den Saal oder auf die Empore gelassen wurden.

Bei einer Bürgerversammlung konnten die Besucher Fragen und Bedenken zu den Markthallen-Plänen der Stadt anbringen. Anfangs drohte der Abend aus dem Ruder zu laufen, später wurde sachlich debattiert.

  • Die Stadt Kassel will ein neues Konzept für die Markthalle und den Marstall.
  • Die Marktbeschicker äußerten im Vorfeld Kritik. Nun gab es eine Bürgerversammlung.
  • Der Diskussions-Abend zur Markthalle in Kassel drohte aus dem Ruder zu laufen.

Die Zukunft des Marktbetriebs im Marstall liegt vielen Kasselern am Herzen. Das wurde deutlich an einer eindrucksvollen Besucherkulisse am Mittwochabend im Stadtverordnetensaal des Rathauses. Fragen und Antworten zum Thema:

Wie war die Atmosphäre des Abends? Lief die Veranstaltung aus dem Ruder?

Nein – obwohl dies anfangs zu befürchten stand. Erst gab es Tumulte auf den Fluren, weil Sicherheitskräfte keine weiteren Zuhörer mehr in den prall gefüllten Saal lassen wollten. Unmut und Geschrei gab es dann, als Stadtverordnetenchef Volker Zeidler ankündigte, es werde nur das Konzept von Sprengwerk vorgestellt und nicht auch die unterlegene Bewerbung der Markthallen-GmbH.

Markthalle Kassel: Stadtverordnete gossen bei Bürgerversammlung Öl ins Feuer

Stadtverordnete von Kasseler Linken, CDU und FDP traten daraufhin ans Mikro, protestierten und gossen Öl ins Feuer. „Das ist hier eine Infoveranstaltung und keine Stadtverordnetensitzung“, rief Zeidler zur Ordnung. Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) gelang es dann, die Lage zu beruhigen. Er erläuterte rechtliche Anforderungen des Verfahrens, denen die Stadtverordneten „mit sehr großer Mehrheit zugestimmt“ hätten. Daran habe man sich zu halten.

Wie präsentierten sich die ausgewählten Investoren?

Michael Majcen und Matthias Tunnemann vom Architekturbüro Sprengwerk sowie der designierte Markt-Manager Antonio Merz hielten ihre Präsentation bündig und verloren sich nicht in detailverliebtem Planer-Sprech. Ihre Kernbotschaft: Ohne die Mitgestaltung der Markt-Akteure gehe es nicht, alle sollten ins Boot geholt werden, auf individuelle Anforderungen und Bedürfnisse könne eingegangen werden. Vom Erfolg der Markthändler bei ihrer Kundschaft hänge auch der Erfolg der Projektentwickler ab: „Wir wollen ja nicht alle vier Wochen neue Beschicker suchen müssen“, sagte Tunnemann.

Kassel: Zukunft der Markthalle - Händler sagten bei Bürgerversammlung nichts

Geduldig und sachbezogen antworteten die Planer auf Publikumsfragen – auch wenn etliche davon eher als Unterstellungen daherkamen. Als etwa Michael Majcen offenbar falsche Marktflächengrößen korrigierte, die eine Rednerin in den Raum gestellt hatte, bekam er auf seine detaillierten Erläuterungen zur Antwort: „Das sehe ich nicht ein.“ Antonio Merz sagte an anderer Stelle: „Es gibt ja die tollsten Gerüchte, die hier kursieren.“

Und wie verhielten sich die Marktbeschicker?

Verblüffend still angesichts all der Aufregung im Vorfeld. Von den zahlreichen Händlern, die gekommen waren, ergriff am Mikrofon niemand das Wort. Schon am Vortag hatte sich Sprengwerk mit dem Marktbetreiber-Beirat getroffen, was vielleicht bereits Antwort auf einige Fragen und Sorgen gegeben hat.

Markthalle Kassel: Geschäftsführer kritisiert Planungen

Nur Markt-Geschäftsführer Andreas Mannsbarth meldete sich mehrmals. Er plädierte grundsätzlich dafür, die Stadt solle weiterhin am Marstall beteiligt bleiben, so wie sie auch am Klinikum und am Flughafen beteiligt sei. Durch die Sprengwerk-Pläne mit dem Baulückenschluss am Graben werde der Marktbetrieb zum „Hinterhof“, kritisierte Mannsbarth weiterhin. Am Ende des Abends legte er Listen mit 7200 Unterschriften vor, die im Marstall gegen die Planungen gesammelt worden seien.

Was waren die zentralen Fragen, die das Publikum interessierte?

Vor allem ging es um Sorgen, dass die Marktstände künftig zu klein oder zu eng gestellt werden und dass nicht alle Händler unterkommen könnten. All das sei nicht zu befürchten, beteuerten die Planer an diversen Stellen der Debatte.

Kassel Bürgerversammlung: Markthalle könnte Identitätsverlust befürchten

Die im Vorfeld heftig kritisierte Idee, das Untergeschoss zur Konzert- und Veranstaltungsfläche zu machen, rief überraschenderweise nur wenig Gesprächsbedarf hervor. Eher wollten Teilnehmer über die geplante Glasdach-Überbauung der oberen Freifläche sowie über die Parkplatzfrage reden. Deutlich wurde an Publikumsfragen auch, dass viele Kasseler durch die Investorenpläne einen Identitätsverlust ihrer Markthalle befürchten.

Skepsis bei den Themen Parkplätze und Glasdach

Wenn Planer mit frischem Blick auf Händler und Kunden mit lang eingeübten Gewohnheiten treffen, wird der Unterschied der Perspektiven deutlich. So war es bei der Bürgerversammlung etwa beim Thema Parkplätze.

Ein Fragesteller in der Debatte kritisierte, dass nach den Planungen von Sprengwerk ein Teil der bisherigen Parkmöglichkeiten rund um den Marstall wegfallen solle. Er vertrat die exotische Auffassung, aus der grundgesetzlich garantierten Gewerbefreiheit lasse sich eine Art Grundrecht der Markthändler auf eine unbestimmte Zahl von Kundenparkplätzen in der Umgebung ableiten.

Markthalle Kassel: Bürgerversammlung diskutiert über gläserne Überbauung

Planer Matthias Tunnemann hielt dem entgegen, in der heutigen Zeit seien Umweltschutz und Nachhaltigkeit als Kriterien der städtischen Verkehrsplanung wichtiger geworden: „Die junge Generation will nicht mehr mit dem Pkw direkt vor den Verkaufstresen fahren.“ Das wurde mit genervtem Aufstöhnen im Saal quittiert.

Auch die geplante gläserne Überbauung der oberen Marktfläche ist ein Thema, das viele Händler und Kunden mit Skepsis sehen. Wie man das klimatechnisch hinbekommen könnte, können sich viele nicht vorstellen. Sie befürchten eine Treibhausatmosphäre im Sommer sowie Zugluft und hohe Heizkosten im Winter. Auch wirke sich das negativ auf die Warenpräsentation aus, meinte eine langjährige Marktfrau, die im Inneren des Marstallgebäudes arbeitet: „Kein Mensch will Obst und Gemüse unter einem Glasdach kaufen.“

Markthalle in Kassel: Möglichkeiten für die Zukunft werden bei Bürgerversammlung dargestellt

Tunnemanns Antwort fiel entwaffnend aus und richtete den gedanklichen Blick nach oben: „Sie verkaufen doch jetzt schon die ganze Zeit unter einem Glasdach“, sagte er. Nur, dass die Verglasung der oberen Markthallen-Ebene mit ihren einfachen Sonnensegeln Jahrzehnte alt sei. Heute gebe es für solche Dachkonstruktionen wesentlich ausgefeiltere Möglichkeiten.

Kassel: Streit wegen neuem Konzept der Markthalle geht weiter

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