Dobermann-Mix Cassy noch unvermittelbar

Kassel: Mehr als 40 Hundeattacken mit 15 Verletzten im Jahr 2018 - Zwei Schülergruppen angegriffen

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Zukunft ungewiss: Dobermann-Mix Cassy muss sich noch beweisen. 

41 Hundeattacken registrierte die Stadt Kassel im vergangenen Jahr: Bissattacken und Vorfälle, bei denen sich Hunde auffällig aggressiv verhielten. 

Im Schnitt verzeichne man in der Stadt Kassel jährlich sogar mehr als 60 Vorkommnisse, teilt das Ordnungsamt mit. Im Jahr 2018 wurden bei über 40 Hundeattacken in 15 Fällen Menschen verletzt. 

So auch im Fall des Dobermann-Mixes, der erst eine Schülergruppe in Süsterfeld-Helleböhn, dann in Harleshausen angegriffen hatte. Die Hündin ist seither in einer Einrichtung im Landkreis für gefährliche Hunde untergebracht – und muss dort weiter bleiben: Einen Wesenstest hat sie nicht bestanden. 

Aktuell hat die Stadt Kassel 14 gefährliche Hunde untergebracht - darunter Cassy

Aktuell hat die Stadt Kassel 14 als gefährlich eingestufte Hunde in Liebenau-Niedermeiser untergebracht. Fünf von ihnen haben inzwischen den Wesenstest erfolgreich absolviert und können vermittelt werden. Nicht so Dobermann-Mix Cassy: Die Überprüfung der sichergestellten jungen Hündin war abgebrochen worden, soll aber wiederholt werden, heißt es aus dem Ordnungsamt der Stadt Kassel. 

„Cassy hat einen ausgeprägten Jagdtrieb“, sagt Uwe Bräuer, der Betreiber der Tierpension in Niedermeiser, die neben den 14 städtischen Hunden 17 weitere als gefährlich eingestufte Hunde aus dem Landkreis aufgenommen hat. Er arbeitet weiter mit dem Tier, das sich im vertrauten Umfeld gut händeln ließe, nicht aber in der Öffentlichkeit. 

Cassys Halterin hatte sich nach der zweiten Attacke bei der Stadt gemeldet

Die 50-jährige Halterin hatte sich nach der zweiten Attacke ihrer Hündin Ende August bei der Stadt gemeldet; seither ist Cassy in Niedermeiser untergebracht. An den Eigentumsverhältnissen ändert eine Sicherstellung indes nichts: Die Halter zahlen für die Unterbringung, erläutert Bernd Kessler vom Ordnungsamt der Stadt Kassel. Monatlich fielen 64,26 Euro für die Zwingermiete sowie 12,49 Euro pro Tag für die Versorgung an. 

Nicht alle Besitzer zahlen für Unterbringung: 2018 bleib die Stadt auf rund 47.000 Euro sitzen

Zu diesen monatlichen Kosten von rund 440 Euro kommen Ausgaben für notwendige tierärztliche Ausgaben hinzu. Doch längst nicht alle Hundehalter zahlen beziehungsweise können für die Unterbringung ihrer Tiere zahlen. 2018 blieben die Stadt Kassel und somit die Steuerzahler auf 46.716 Euro sitzen.

Hundeprüfer Uwe Bräuer: „Ein Hund braucht einen Chef“

Mit Tieren kennt er sich aus. Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Uwe Bräuer mit Hunden, auch mit gefährlichen. Zweimal, so räumt der 57-Jährige ein, sei er gebissen worden. In den Schilderungen des gebürtigen Westfalen klingt das halb so wild. 

Hat seine Tiere im Griff: Uwe Bräuer betreibt in Liebenau-Niedermeiser die Tierpension Apollo und nimmt sichergestellte Hunde aus Stadt und Landkreis auf. 

Man muss schon ein besonderes Gemüt haben, wenn man sich für eine solche Arbeit entscheidet. Vor allem aber müsse man den Tieren zeigen, wer der Chef ist, sagt Bräuer. Der Chef hält die Leine. Wobei: „Wir arbeiten hier weniger an der Leine, sondern mit Körpersprache.“ Hunde müssten Grenzen erfahren, macht der Experte deutlich.

Dobermann-Mischling Cassy hatte offenbar keine Grenzen erfahren. Im August 2018 hatte die junge Hündin Schüler der Grundschule Süsterfeld-Helleböhn angefallen und einen Jungen verletzt. Wenig später war sie auf den Schulhof in Harleshausen gestürmt und hatte erneut Schüler angesprungen. Nach dem zweiten Vorfall hatten Mitarbeiter des Ordnungsamtes das Tier sichergestellt und in die städtische „Unterbringungsstelle für vermeintlich gefährliche Hunde“ nach Liebenau-Niedermeiser gebracht.

Zweite Chance für Cassy? Wesenstest soll wiederholt werden

Cassy ist keine massive, gedrungene Kampfhündin. Der schlanke Mischling aus Dobermann und Schäferhund hat eine „Wahnsinns-Energie“, sagt Bräuer. Alles, was sich bewegt, sei für die junge Hündin interessant. Den Wesenstest hat sie im vergangenen Herbst nicht bestanden. Sie sei sehr wild gewesen. „Ich habe noch nie so geschwitzt“, bekennt Bräuer. Gleichwohl: Die junge Hündin soll eine zweite Chance bekommen.

66 sichergestellte Hunde hat die Stadt Kassel in den vergangenen zwölf Jahren in die Einrichtung nach Niedermeiser gebracht. Viele von ihnen waren Listenhunde, also solche, die per Gesetz als gefährliche oder potenziell gefährliche Hunde angesehen werden. Aber eben nicht nur. Ob ein Hund auffällig wird, „das liegt in der Regel am Halter“, sagt Bräuer. 

Arbeit mit sichergestellten Tieren: Schrittweise Vertrauen aufbauen

Auf ihn und seine Mitarbeiter wartet nach der Aufnahme eines sichergestellten Tieres viel Arbeit. Am Anfang aber stehe zunächst die Ignoranz. „Ein Hund muss lernen, Respekt vor den Menschen zu haben. Er muss geführt werden“, sagt der ausgebildete Hundeprüfer. Schrittweise gelte es, Vertrauen aufzubauen.

Seit zehn Jahren in Niedermeiser: Auch Bordeaux-Doggen-Mix Carlo ist für die Vermittlung freigegeben. 

Seine Arbeit zeigt Früchte. „Unsere Erfahrung ist, dass man die Tiere wieder hinbekommt“, sagt Bernd Kessler vom Ordnungsamt der Stadt Kassel. 90 Prozent der Hunde bestünden den Wesenstest. Trotzdem ist die Vermittlung eines solchen Hundes nicht einfach. Etwa ein Drittel dieser Tiere habe man wieder vermitteln können.

Hunde werden an erfahrene Halter weitervermittelt

Auf ein neues Zuhause und somit eine zweite Chance warten derweil auch die beiden Staffordshire-Schwestern Amy und Gina, Pitbullmix Wilma und Bordeaux-Doggen-Mix Carlo. 

Sie alle sind von ihren ehemaligen Haltern freigegeben. Das Ordnungsamt der Stadt Kassel übernimmt die Vermittlung der Tiere. Bernd Kessler und seine Kollegin Chiara Schmidt setzen auf erfahrene, zuverlässige Halter. Familien mit Kindern raten sie von der Aufnahme eines solchen Hundes jedoch ab.

Wer in Kassel einen Kampfhund halten will, muss, wie alle anderen Hundebesitzer auch, das Tier beim Steueramt anmelden und infolge eine Erlaubnis beim Ordnungsamt einholen. Voraussetzungen sind Volljährigkeit, ein polizeiliches Führungszeugnis, eine Hunde-Haftpflichtversicherung sowie der Nachweis eines Sachkunde- und Wesenstests.

Seit 2007 wurden in Kassel 66 Hunde sichergestellt

Ihre Halterin war überfordert: Pitbullmix Wilma kann nun vermittelt werden. 

Seit 2007 ließ die Stadt Kassel 66 Hunde in die „Unterbringungsstelle für vermeintlich gefährliche Hunde“ nach Niedermeiser bringen. Hunde, die den Wesenstest bestehen, hoffen auf ein neues Zuhause. 

Aber auch Einschläferungen hat es nach Absprache mit dem Veterinäramt gegeben – wenn ein Tier litt oder kein Zugang mehr zu ihm möglich war. Laut Hessischer Hundeverordnung gilt das auch für jene Hunde, die einen Menschen getötet oder ernstlich verletzt haben.

Hessen: Neun Hunderassen als gefährlich gelistet

Welche Hunde als gefährlich gelistet werden, das variiert je nach Bundesland. In Hessen sind neun Rassen verzeichnet: Pitbull-Terrier oder American Pitbull-Terrier, American Staffordshire-Terrier oder Staffordshire Terrier, Staffordshire-Bullterrier, Bullterrier, American Bulldog, Dogo Argentino, Kangal, Kaukasischer Owtscharka und Rottweiler. Als gefährlich gelten auch diejenigen, die einen Menschen gebissen oder in Gefahr drohender Weise angesprungen haben. 2018 wurden in Kassel 15 Menschen verletzt; nur ein Vorfall ist laut Stadt auf einen Listenhund zurückzuführen.

Kontakt: Chiara Schmidt, Tel. 0561/7873018, chiara.schmidt@kassel.de 

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