Im Rathaus wird auf Hilfe der Landesregierung für Schleusensanierung gehofft

Kassel muss Kosten für Erhaltung der Schleuse selbst tragen

Stadtschleuse in Gefahr: Links neben dem Walzenwehr am Finkenherd ist die Fuldaschleuse zu erkennen, die der Bund nicht mehr erhalten muss. Ob Stadt Kassel und Land Hessen das Geld für die etwa drei Millionen Euro teure, dringend nötige Sanierung der 103 Jahre alten Schleuse aufbringen können, ist unklar. Archivfoto: Fischer

Kassel. Wenn die Fulda-Schleuse am Finkenherd weiterhin erhalten bleiben soll, muss Kassel tief in die Stadtkasse greifen. Denn vom Bund sind die nötigen drei Millionen Euro zur Sanierung der Stadt-Schleuse nicht mehr zu erwarten. Das jetzt vorliegende Rechtsgutachten haben Stadt und Bund als verbindlich anerkannt. Der Bund ist laut Gutachten raus aus der Finanzierung des Erhalts der Schleuse.

Jetzt hofft man im Rathaus auf eine Finanzspritze aus Wiesbaden. Die Stadt Kassel und das Land Hessen verfolgten im Hinblick auf die Schleuse das gleiche Ziel, sagt die aus Kassel stammende hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann, die selbst gern mit dem Motorboot ihrer Familie auf der Fulda unterwegs ist. „In gemeinsamen Gesprächen aller Beteiligten müssen jetzt alle erdenklichen Handlungsmöglichkeiten zur Rettung der Schleuse geprüft werden“, erklärt die Ministerin.

Seit Jahren ist umstritten, wer für die dringend nötige Sanierung der 103 Jahre alten Schleuse zahlen muss. Der Bund will die Stadtschleuse nicht grundhaft instand setzen, weil dies unwirtschaftlich sei. Denn die Fulda und ebenso die Oberweser sollen von dem bisherigen Wasserverkehrsweg zu einer „sonstigen Wasserstraße“ herabgestuft werden. Für eine solche Wasserstraße müssen keine Schleusen mehr betrieben und erhalten werden.

Die Stadt hatte sich bisher stets auf einen Vertrag aus dem Jahr 1952 berufen. Danach hatte die Stadt Kassel der Bundesrepublik Deutschland die Stadtschleuse unentgeltlich übereignet. Der Bund hatte sich vor 64 Jahren im Gegenzug verpflichtet, die Schifffahrtsschleuse zu unterhalten und ihren Betrieb sicherzustellen.

Ob dieser Vertrag wie erhofft den Rechtsgrund dafür liefert, dass der Bund auf Dauer dazu verpflichtet ist, den Betrieb, die Bedienung und die Unterhaltung der Schifffahrtsschleuse sicherzustellen, wurde durch das Rechtsgutachten jetzt verbindlich geklärt. Der Bund kann die Schleuse wie geplant aufgeben.

„Leider hat das Rechtsgutachten jetzt ergeben, dass sich aus dem Vertrag kein Anspruch auf Erfüllung gegen den Bund ableiten lässt“, erklärt Kassels Stadtkämmerer Christian Geselle (SPD). Die Stadt sehe sich gleichwohl in der Verantwortung, die Nutzung der Schleuse auch in Zukunft zu gewährleisten. Im Rathaus werde jetzt unter Einbeziehung der wassersporttreibenden Vereine, dem Bund und dem Land Land an einer Lösung gearbeitet, sagt Geselle.

So funktioniert die Kasseler Schleuse

So funktioniert die Kasseler Schleuse
Das mögliche Ende der Kasseler Schleuse im Jahr 2016 hat für große Aufregung gesorgt. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Die dramatischen Konsequenzen haben viele überrascht - und manch einer mag sich fragen: Wie funktioniert eine Schleuse? Wozu ist sie überhaupt da? © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Eine Schleuse ist dazu da, damit ein für die Schifffahrt aufgestauter Fluss von Booten befahren werden kann. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Ohne Staustufen würde sich die Fulda durch das große Gefälle von der Quelle bis zur Weser in einen ziemlich reißenden Fluss verwandeln. Um den Fluss zu verlangsamen und schiffbar zu machen, wurden Staustufen gebaut. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Die können Schiffe aber nur durch Schleusen passieren, die den Höhenunterschied überwinden. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Das funktioniert so: Nehmen wir an, wir fahren mit einem Boot von Kassel nach Hann. Münden. Die Kasseler Schleuse ist mit Wasser gefüllt. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Das Tor ist offen, die Ampel vor der Schleusenkammer steht auf Grün - wir dürfen also einfahren. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Ist das Boot in der Schleuse festgemacht, schließt der Schleusenwärter das Tor, durch das wir eingefahren sind. Das Tor am anderen Ende ist zu. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Dann beginnt der Schleusenwärter das Wasser in der Schleuse abzulassen - schließlich müssen wir auf das Wasserniveau kommen, das vor der Schleuse Richtung Hann. Münden herrscht. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Der Schleusenwärter setzt per Knopfdruck also einen Elektromotor in Gang, der sogenannte Schütze oder Schieber öffnet. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Das Wasser aus der Schleuse strömt durch Öffnung hinaus, wir schweben sozusagen mit unserem Boot auf dem Wasser in die Tiefe. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Hat das Wasser in der Schleuse das Höhenniveau des Wassers der Fulda Richtung Münden erreicht, öffnet der Schleusenwärter wieder per Knopfdruck das Tor. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Wir können hinaus. In umgekehrter Richtung funktioniert es ähnlich. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Genau 2,80 Meter Höhenunterschied werden so durch die Kasseler Schleuse überwunden. Weiter flussabwärts in Wahnhausen sind es über acht Meter. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Eine Schleusung dauert in Kassel etwa zehn Minuten. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Wie rege die Schleuse benutzt wird, zeigen Zahlen aus dem letzten Jahr: Bei 3378 Schleusungen wurden 5079 Kleinboote gezählt, die die Schleuse passierten. Dazu kamen 800 Fahrten der Ausflugsdampfer. © Koch/HNA
So funktioniert die Kasseler Schleuse
Freizeitkapitäne müssen dabei immer die Berufsschifffahrt, also die Ausflugsdampfer, vorlassen. © Koch/HNA

Fulda-Schifffahrt und Wassersportvereine bangen um Existenz

Die drohende Stilllegung der Kasseler Schleuse würde sich desaströs auf die Fulda-Schifffahrt und die Wassersportvereine auswirken.

Schifffahrt 

Karola Söllner, seit 1967 Leiterin des Unternehmens „Personenschifffahrt Söllner“, erlebt ein solches Szenario nicht zum ersten Mal. Die Schleuse habe schon häufiger vor der Stilllegung gestanden und sei letztlich doch weiter betrieben worden, so Söllner. Sie werde deshalb erst einmal abwarten. Gleichzeitig räumt sie jedoch ein, dass eine Schließung wohl das Aus für ihr Unternehmen bedeuten würde. Sie werde aber in jedem Fall im Oberwasser bleiben und bei einer Schließung nur noch kleinere Fahrten anbieten. Ob diese ausreichen, um finanziell überleben zu können, weiß Söllner nicht.

Dementgegen wäre die Rehbein-Linie, die zwischen Kassel und Hann. Münden fährt, nur in geringem Maß von einer Schließung betroffen, da das letzte verbliebene Schiff der Linie, die „Europa“, schon seit 2000 am Tanzwerder in Hann. Münden anlegt. Doch auch Werner Rehbein, für die Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens zuständig, sieht in einer Schließung einen harten Schlag für alle betroffenen Unternehmen und Vereine.

Wassersportvereine 

Die Vorsitzenden der Kasseler Wassersportvereine sind sicher, dass eine Schließung verheerende Auswirkungen auf sie hätte. Werner Graf, Vorsitzender des Nautic-Clubs Kassel, sagt: „Ohne Schleuse können wir unseren Verein dicht machen.“ Auch andere Vereine fürchten um ihre Existenz, sagen Karl-Heinz Rümenapp, Vorsitzender des Motor-Yacht Clubs Kassel und Holger Römer, Vorsitzender des Rudervereins Friedrichsgymnasium. Graf appelliert an den Stadtkämmerer, so schnell wie möglich eine Lösung zu finden. Ohne den Nautic-Club gäbe es auch die traditionelle Lichterfahrt beim Zissel nicht mehr.

Torsten Gorski, Vorsitzender des Rudervereins Kurhessen-Cassel, sähe die Vereinskultur und den Wassertourismus durch eine Schließung nachhaltig gestört. Er schätzt, dass im Hafen etwa 50 neue Anlegeplätze geschaffen werden müssten. Dies sei unrealistisch. Auch Gäste wie Wanderruderer, die mit ihren großen Booten nicht mehr in Kassel einsetzen könnten, würden ausbleiben, so Gorski. Die finanziellen Einbußen hinsichtlich Kost und Logis taxiert er auf etwa 6000 Euro jährlich.

Jan Hörmann, Sprecher des Zweckverbands Kasseler Schifffahrt, sieht das Rechtsgutachten, das die Betriebs- und Erhaltungspflicht durch den Bund nicht anerkennt, kritisch. Ohne Schleuse würde die Bundeswasserstraße Fulda blockiert. Hörmann ist deshalb überzeugt, dass die Stadt mit allen Beteiligten schnell ein anderes Betreibermodell für die Schleuse realisieren muss. Er schlägt vor, die Schleuse auf Automatikbetrieb umzustellen und den Betrieb durch ehrenamtliche Schleusenwärter zu gewährleisten. Solche Betreibermodelle seien schon in Frankreich, England und Holland erfolgreich realisiert worden. „Die Kosten und Folgekosten sind tragbar“, erklärt Hörmann. Seiner Meinung nach bedürfe es keiner Totalsanierung der Schleuse, in erster Linie müssten die maroden Tore repariert werden.

Mehr zur Kasseler Schleuse erfahren Sie im Regiowiki der HNA.

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