"Uns fehlt eine Leitfigur"

So will Kassel die Nummer eins im Radverkehr werden

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Rote Markierungen an den Einmündungen: So soll die Goethestraße als Radstraße einmal aussehen.

Bei einer Diskussion zum Radverkehr trafen Radler auf Kommunalpolitiker. Der Tenor: In Kassel passiert zu wenig. Eine Grünen-Politikerin kritisierte Oberbürgermeister Geselle.

Als Moderator Thiemo Graf zuletzt an der Kasseler Fulda entlangradelte, fragte ein dreijähriges Kind seine Eltern: „Warum fährt der Mann Fahrrad?“ Für den Verkehrsexperten war dies ein untrügliches Zeichen, dass in Kassel etwas nicht stimmt. Darum fragte Graf am Mittwoch vor 200 Zuhörern bei einer Diskussion Kommunalpolitiker, wo sich „Kassel auf dem Weg zur Fahrradstadt“ befinde. Fünf Erkenntnisse des Abends, der Teil der Ausstellung „Fahr Rad“ in der documenta-Halle war.

1. Es soll mehr Geld für den Radverkehr geben: Dies ist eine der Hauptforderung des Radentscheids. Das sieht auch die Rathaus-Koalition aus SPD, Grünen und dem parteilosen Andreas Ernst so. Allerdings hat sie sich noch nicht auf eine Summe geeinigt. In einer Magistratsvorlage ist davon die Rede, ab 2020 jedes Jahr 500.000 Euro zusätzlich für den Radverkehr zur Verfügung zu stellen. Die Grünen wollen jedoch drei Millionen Euro mehr, wie Eva Koch erklärte. Das wären 17,50 Euro pro Einwohner. Städte wie Darmstadt (25 Euro pro Einwohner) sind da schon weiter. Darum soll die Kasseler Summe laut Sascha Gröling (SPD) bis 2024 inklusive Fördermittel auf 9 Millionen Euro (45 Euro pro Einwohner) steigen.

2. Karlsruhe hat es auch geschafft: Vor 15 Jahren war Karlsruhe für Radler so unattraktiv wie Kassel heute. Bei einem Mobilitätstest wurde die badische Stadt 2004 Viertletzte. Mittlerweile hat Karlsruhe mit einem Radanteil von mehr als 30 Prozent selbst Münster den Rang abgelaufen. „Wir sind die Fünf-Minuten-Stadt“, sagte Anke Karmann-Woessner vom Stadtplanungsamt. In fünf Minuten sind alle Dinge des täglichen Bedarfs von jedem Ort erreichbar. Vorangetrieben wurde das vom Bürgermeister: „Er hatte großes Interesse am Radfahren und war Leitfigur.“

3. Es knirscht in der Koalition: Laut Koch fehlt Kassel eine solche Leitfigur. „Wir brauchen Engagement an der Spitze“, sagte die Grüne und kritisierte Oberbürgermeister Christian Geselle sowie Verkehrdezernent Dirk Stochla. Auch Gröling findet, 14 Prozent Radverkehr bis 2030 seien kein „so ambitioniertes Ziel. Wir müssen eine Schippe drauflegen.“

4. Es gibt bald neue Radwege: Georg Förster vom Straßenverkehrsamt stellte neue Projekte vor – neben der Fahrradstraße Goethestraße etwa die Königinhofstraße in Bettenhausen, die für insgesamt sechs Millionen Euro umgebaut wird und eigene Flächen für Radler und Fußgänger bekommt.

5. Kassel will Nummer eins werden: Solche Vorzeigeprojekte sind rar. Das soll sich ändern, da „wir nun den Rückenwind von Ihnen und vom Elektromotor haben“, wie Baudezernent Christof Nolda sagte. Der Grüne wünscht sich, dass „Kassel die erste Radstadt am Berge wird“. Veronika Lichtenfeld glaubt nicht daran. Die Studentin beschrieb ihren gefährlichen Weg, den sie täglich durch die Stadt zurücklegt. Ändere sich daran nichts, werde sie ihren Master woanders machen.

Ausstellung „Fahr Rad“: bis Sonntag in der documenta-Halle.

Update vom 14. September 2019: Die Kasseler Rathauskoalition hat einen Plan für den Radverkehr in Kassel vorgelegt - demnach soll dieser mit mehr Geld ausgestattet werden. So soll es inklusive Fördergeldern in mehreren Stufen bis zu zum Jahr 2024 neun Millionen Euro für den Radverkehr geben. Der Plan stößt allerdings auf viele kritische Stimmen.

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