Steuerzahler muss mehr zahlen

Umbaukosten explodieren: Kasseler Rathaus-Sanierung wird elf Millionen Euro teurer

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So soll der Rathausflügel Ende 2021 aussehen: Der Entwurf der Berliner Architekten sieht großformatige Fenster vor. Zudem wird es in Richtung Karlsplatz öffentlich zugängliche Balkone geben, die zum Teil verglast sind.

Die Sanierung des Rathauses in Kassel soll 36 Millionen Euro kosten. 2015 waren die Stadtverordneten noch von 25 Millionen Euro ausgegangen. 

Als vor drei Jahren die Sanierung des Rathausflügels an der Oberen Karlsstraße beschlossen wurde, war diese umstritten. CDU und Linke lehnten das Vorhaben ab. Damals gingen die Stadtverordneten von 25 Millionen Euro Baukosten aus. Nun räumt die Stadt ein, dass die bis 2021 laufende Sanierung etwa 36 Millionen Euro kosten wird. Dies ist eine Steigerung um 44 Prozent. 

Die Stadt verweist auf HNA-Anfrage darauf, dass es sich bei den 25 Millionen Euro um eine Kostenschätzung aus dem Jahr 2015 gehandelt habe. Wegen der hohen Auslastung in der Baubranche habe es seitdem starke Preissteigerungen gegeben. Zudem habe sich im Zuge der bereits angelaufenen Sanierung herausgestellt, dass die Bausubstanz des 1977 fertiggestellten Rathausflügels noch schlechter sei als angenommen. So seien Mängel in der Betonkonstruktion der Fassade festgestellt worden, die behoben werden müssten. 

Rathaus-Sanierung in Kassel: Darum sollen die Kosten steigen

Eine weitere Ursache für die Kostensteigerung ist eine veränderte Planung vonseiten der Stadt. So sollen künftig Ämter im Karlsstraßenflügel untergebracht werden, die von deutlich mehr Besuchern aufgesucht werden. Deshalb wird ein neuer Fahrstuhl gebaut und ein bestehender innerhalb des Gebäudes versetzt. Durch diese aufwendige Umgestaltung solle vermieden werden, dass sich im neuen Eingangsbereich, der am Karlsplatz liegen wird, Besucher und Mitarbeiter stauen, so die Stadt. 

Auch die Realisierung des Siegerentwurfs aus dem Architektenwettbewerb führte zu Mehrkosten. Aus Sicht der Stadt ist die Investition in die Bauqualität aber vertretbar, weil das Gebäude eine „stadtbildprägende Wirkung“ habe und eine „Vorbildfunktion“ für weitere Gebäude. Die höheren Kosten wurden bereits im Haushalt 2019 und den Haushalten 2020 und 2021 eingeplant. Das Land fördert das Bauprojekt mit 16,3 Millionen Euro.

Anbauten aus der Nachkriegszeit

Der historische Teil des Kasseler Rathauses wurde in den Jahren 1905 bis 1909 gebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Rathaus stark beschädigt. Es wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut. Der ursprüngliche Rathausturm wurde aber nicht mehr rekonstruiert. Auch das Dach wurde nur in vereinfachter Form wieder aufgebaut. An der Wilhelmsstraße entstand Ende der 50er-Jahre der erste Anbau. Es folgten ein Anbau an der Fünffensterstraße und ein Mittelbau im Rathausinnenhof. Der Flügel an der Oberen Karlsstraße wurde von 1974 bis 1977 für 19 Millionen Mark errichtet.

Hier musste der Steuerzahler bereits tiefer in die Taschen greifen

Den Bauherren eines privaten Einfamilienhauses würde eine solche Kostenexplosion an den Rand der Insolvenz treiben: 44 Prozent beträgt die Kostensteigerung für die Sanierung des Rathausflügels an der Karlsstraße. Es ist nicht das erste Mal, dass die öffentliche Hand viel tiefer in die Tasche greifen muss als zunächst gedacht. Hier nur einige Beispiele aus den vergangenen Jahren.

Das Stadtmuseum

Als die Sanierung und Erweiterung des Kasseler Stadtmuseums im Jahr 2009 geplant wurde, ging die Stadt zunächst von Baukosten in Höhe von 7,5 Millionen Euro aus. Als das Haus 2016 neu eröffnet wurde, beliefen sich die Baukosten auf zwölf Millionen Euro. Dies entspricht einer Steigerung von 62 Prozent. Schäden am Altbau, entdeckte Schadstoffe und Baupreissteigerungen wurden damals ins Feld geführt. Über das Bauprojekt war es zum Streit zwischen Stadt und dem beauftragten Architekten gekommen.

Langer Streit über Baukosten: Das Stadtmuseum kostete zwölf statt 7,5 Millionen Euro.

Das Auebad

In der Planungsphase für das Auebad war die Stadt zunächst von 24 Millionen Euro (2009) Baukosten ausgegangen. Bei der Eröffnung im Jahr 2013 war die Summe um 33 Prozent auf 32 Millionen Euro gestiegen. Als Gründe nannte die Stadt seinerzeit Baupreissteigerungen und eine aufwendige Gründung in der Fulda-Aue. Zudem wurden die Planungen um einen Wasserspielplatz erweitert.

Archivvideo: Auebad in Kassel

Der Herkules

Als das Land Hessen die Sanierung von Kassels Wahrzeichen plante, waren zunächst 21 Millionen Euro veranschlagt. 2011 sollte die Sanierung fertig sein. Heute wird immer noch gebaut. Kosten: 40 Millionen Euro. Fertigstellung: 2021 – frühestens.

Die Zentralmensa

Als der Anbau an die Zentralmensa der Universität Kassel geplant wurde, war das Land Hessen von Kosten in Höhe von 10,8 Millionen ausgegangen. Als das Gebäude 2013 eröffnet wurde, sollten es 15,5 Millionen Euro sein. Dies war ein Anstieg um 40 Prozent. Gestiegene Baupreise und unerwartete Mauerreste im Boden wurden als Gründe genannt. Zudem war Baufirmen gekündigt worden, weil sie ihre Arbeiten nicht oder unzureichend erbracht hatten. Durch die Neuvergabe sei der Bau teurer geworden.

Das Staatstheater

Als das Staatstheater 2007 nach der umfassenden Sanierung wiedereröffnet wurde, waren die Kosten von 32,4 Millionen Euro auf 45,2 Millionen Euro gestiegen. Ein Grund war die „geringe Bauqualität“ des Bestandes.

Das Campus-Center

Das Herzstück der Universität wurde für das Land Hessen auch teurer. So stiegen die Kosten von 31 Millionen (2011 geplant) bis zur Eröffnung im Jahr 2015 auf 39 Millionen Euro. Dies ist ein Anstieg von 25 Prozent. Als Gründe nannte der Bauherr: Eine schwierige Gründung und gestiegene Baupreise.

Kostensteigerung: Das Campus-Center der Uni Kassel kostete 39 statt 31 Millionen Euro.

Die Hafenbrücke

Als die Sanierung der Hafenbrücke erstmals 2003 geplant wurde, lagen die veranschlagten Kosten bei sechs Millionen Euro. Als dann tatsächlich 2008 mit den Bauarbeiten begonnen wurde, lag die Kalkulation schon bei 14,4 Millionen Euro. Bei der Fertigstellung 2011 waren es dann 15 Millionen Euro.

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