Unterirdische Anlage ist wieder begehbar

Er sollte Schutz gegen Atombomben bieten: Besuch im Bunker unter dem Kasseler Hauptbahnhof

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Hat viel Zeit im Bunker verbracht: Thomas Schmidt vom Feuerwehrverein Kassel kümmert sich um die Anlage am Hauptbahnhof. Er hat sie in einem 100-stündigen Arbeitseinsatz von Schimmel befreit.

Eigentlich war Kassels Atombunker am Hauptbahnhof für den Super-Gau geschaffen worden. Doch hier feierten auch Tausende Menschen ausgelassen die Grenzöffnung.

  • Wegen Schimmelbefalls war der Atombunker unter dem Hauptbahnhof Kassel jahrelang gesperrt.
  • Jetzt ist der Bunker wieder begehbar.
  • Verein Vikonauten und der Feuerwehrverein bieten Führungen an.

Nachdem der Bunker wegen Schimmelbefalls jahrelang gesperrt war, ist er nach einer Reinigung nun wieder begehbar. Bis August nächsten Jahres bietet der Kasseler Unterwelten-Verein Vikonauten gemeinsam mit dem Feuerwehrverein und dem Stadtmuseum Führungen an.

Bunker unter dem Hauptbahnhof: Bauarbeiten starteten 1941

Bauzeit: Ab 1941 wurde der Bunker am Hauptbahnhof errichtet. Ab 1969 wurde die Anlage zum Atombunker ausgebaut.

Die Bauarbeiten für den Bunker begannen 1941 mitten im Zweiten Weltkrieg. Damals errichtete die Reichsbahn zunächst einen Schutzraum für konventionelle Luftangriffe. Nach dem Krieg wurde der Bunker als „Hotel Central“ betrieben – ein Hotel vierter Klasse. 

1946 übernachteten im Bunker 46.000 Menschen

1946 übernachteten dort 46.000 Menschen, viele waren ausgebombt. Ein Schlafplatz inklusive Ersatzkaffee und Suppe kostete 60 Pfennig, erzählt Thomas Schmidt vom Feuerwehrverein, der sich heute um die Anlage kümmert.

Kalter Krieg: Bunker wird zum Atombunker ausgebaut

Als Kassel während des Kalten Krieges wegen seiner grenznahen Lage zur Frontstadt wurde, ließ der Bund die Anlage ab 1969 für 4,5 Millionen DM zum Atomschutzbunker ausbauen. 

Kapazität gering: Atombunker bot eine trügerische Sicherheit für Wenige

Bis zu 3700 Menschen sollten dort nach einem Atomschlag maximal vier Wochen ausharren können, sagt Bernd Tappenbeck von den Vikonauten und ergänzt: „Nach vier Wochen wäre die Radioaktivität an der Oberfläche natürlich längst nicht abgebaut gewesen.“ Insofern habe der Bunker bei einem atomaren Angriff auf Kassel eine trügerische Sicherheit geboten – und die nur für Wenige.

Die unterirdische Anlage erstreckt sich über 3000 Quadratmeter, die auf zwei Geschosse verteilt sind. Die Außenwände sind zwei Meter stark. 56 Personen sollten im Ernstfall den Bunkerbetrieb führen. 

Im Bunker galt das Windhundprinzip: Wer zuerst kam, bekam einen Platz

Neben dem Bunkerwart hatten vor allem die Schleusenwärter eine wichtige Funktion. Sie sollten etwa auch im Zweiten Weltkrieg für einen geordneten Zugang sorgen. Denn es galt das Windhundprinzip: Wer als Erster kam, erhielt noch einen Platz im Bunker. „Der Schleusenwärter traf Entscheidungen über Leben und Tod. Und das bei schlechter Bezahlung“, sagt Schmidt.

Arbeitsplatz des Bunkerchefs: Der Bunkerwart hielt Kontakt zur Außenwelt. Die Nummern aus den alten Telefonbüchern dürften aber inzwischen überholt sein.

Für jeden Schutzsuchenden gab es ein „Begrüßungspaket“. Dazu zählten Plastikgeschirr, Besteck, eine Einmaldecke, ein Handtuch und eine Rolle Klopapier in „Sperrholzqualität“.

Bunkerwart spielte beruhigende Musik

Der Herr über den Bunker war der Bunkerwart. Er hielt aus seinem Büro den Kontakt zur Außenwelt, machte Durchsagen und ließ beruhigende Musik vom Band in den unterirdischen Gängen erklingen. Dies sollte dafür sorgen, dass es in der psychisch angespannten Situation nicht zur Eskalation kam. 

Um mögliche Suizidversuche frühzeitig erkennen zu können, wurden vor den Toiletten nur halbtransparente Vorhänge angebracht, erzählt Schmidt.

Nach einem längeren Bunkeraufenthalt wären die Dieselreserven, die auch zum Betrieb der Lüftungsanlage nötig waren, an ihre Grenzen gekommen. „Der Bunkerwart hätte in dem Fall Teile des Bunkers von der Versorgung abtrennen können, um einen Teil der Menschen zu retten“, sagt Schmidt.

1989 wurden Tausende Ostdeutsche im Bunker untergebracht - es war eine große Party

Ungewöhnliche Nutzung: Im Herbst 1989 übernachteten Ostdeutsche in der Anlage.

Zum Glück trat der Ernstfall nie ein. So erlebte der Atombunker im November 1989 eine äußerst erfreuliche Nutzung. Nach der Grenzöffnung wurden Tausende Ostdeutsche dort untergebracht, die tagsüber Kassel besucht hatten. 

Auch Feuerwehrmann Thomas Schmidt war damals dabei und schwärmt bis heute von der ausgelassenen Stimmung unter der Erde, bei der auch der Alkohol eine Rolle gespielt habe.

2007 drang Wasser ein: Wegen Schimmel wurde der Bunker geschlossen

Führt durch die Anlage: Bernd Tappenbeck.

Als 2007 der Tunnel unter dem Hauptbahnhof für die Regiotram gebaut wurde, drang bei den Arbeiten Wasser in den Bunker ein. Es entstand Schimmelbefall. Die Anlage musste für öffentliche Führungen gesperrt werden. In einem mehr als 100-stündigen Einsatz hat Thomas Schmidt den Bunker wieder gereinigt. Daraufhin erlaubt das Gesundheitsamt nun wieder die öffentliche Nutzung.

Die mit den Vikonauten und dem Stadtmuseum bis August 2020 geplanten Führungen sind aber bereits alle ausgebucht. Es soll aber bald weitere geben, verspricht Schmidt. Die Vikonauten bieten zahlreiche unterirdische Führungen.

Führungen: www.kassel-total.de

Video: 2015 wurde ein alter Felsenkeller unter dem Kasseler Ständeplatz entdeckt

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