Kassel

Damit Verbrechen nicht unentdeckt bleiben: Leichenschau vor Einäscherung

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In Kassel sollen Verbrechen besser erkannt werdne. Nach der zweiten Leichenschau: Prof. Reinhard B. Dettmeyer und seine Kollegen untersuchen im Schnitt täglich zwölf Leichen im Krematorium auf dem Kasseler Hauptfriedhof, bevor diese verbrannt werden. 

In Kassel sollen Verbrechen jetzt besser erkannt werden. Deswegen werden Leichen jetzt mehrfach begutachtet.

  • Das Friedhofs- und Bestattungsgesetz in Hessen wurde geändert.
  • Verbrechen sollen in Kassel öfter erkannt werden 
  • Die Zweite Leichenschau soll Verbrechen feststellen 

Kassel – Obwohl der Mann an drei Messerstichen starb, attestierte eine Notärztin in Prenzlau (Brandenburg) im Februar 2014 einen natürlichen Tod. 

Sie ging davon aus, dass es sich bei den Messerstichen in der Leiche um geplatzte Krampfadern handelte. Das Verbrechen wurde nur bemerkt, weil die Leiche kurz vor der Beerdigung doch noch obduziert wurde.

Solche extremen Fälle von Fehleinschätzungen durch Ärzte über die Todesursache haben dazu geführt, dass auch in Hessen das Friedhofs- und Bestattungsgesetz Ende 2018 geändert worden ist. 

In Kassel sollen Verbrechen durch die zweite Leichenschau erkannt werden 

Seitdem muss die zweite Leichenschau, die immer erforderlich ist, wenn ein Toter verbrannt werden soll, durch einen Arzt eines öffentlichen rechtsmedizinischen Instituts vorgenommen werden. So sollen Verbrechen nicht mehr unentdeckt bleiben.

Seit dem 1. März 2019 sind für die zweiten Leichenschauen, die in dem Krematorium auf dem Kasseler Hauptfriedhof stattfinden, deshalb die Ärzte des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Gießen zuständig. 

Aus personellen Gründen hätten die Rechtsmediziner allerdings erst zum 1. Januar 2020 diese Aufgabe übernommen, sagt Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter des Instituts. Bis Ende 2019 haben die Amtsärzte des Kasseler Gesundheitsamtes die Leichen in Augenschein genommen, bevor sie eingeäschert wurden (Artikel unten). 

Kassel: Rechtsmediziner haben mehr Erfahrung mit Verbrechen 

Die Ärzte des Gesundheitsamtes seien genauso vorgegangen wie die Rechtsmediziner, sagt Dettmeyer. Allerdings hätten Rechtsmediziner mehr Erfahrungen mit Tötungs-Verbrechen und wüssten, welche Fragen die Polizei beantwortet haben möchte. 

„Wir denken mehr in Richtung Tötungsdelikt“, sagt Dettmeyer. Hinzu komme, dass er und seine Kollegen ihre Erfahrungen von Obduktionen (allein in Kassel waren es im Vorjahr 320) bei der Leichenschau einbringen können.

Verbrechen erkennen: Für Kassel hat der Rechtsmediziner noch keine Erfahrungswerte 

Der Rechtsmediziner kritisiert, dass Ärzte noch einen „erheblichen Weiterbildungsbedarf“ bei der ersten Leichenschau haben. Vor allem gebe es viele Fehler im Totenschein. Wenn den Rechtsmedizinern im Krematorium „unklare Verletzungen“ bei den Verstorbenen auffallen oder Fehler beim Leichenschauschein auftreten, dann hielten sie telefonische Rücksprache mit den Ärzten. „Vieles lässt sich mit dem Telefonat klären“, sagt Dettmeyer. Falls nicht, dann schalte man die Kripo ein.

Für Kassel habe er noch keine Erfahrungswerte. In Gießen passiere das zwei bis viermal im Monat. Dabei gehe es nicht nur darum, unerkannte Verbrechen doch noch aufzudecken, sondern auch um Behandlungsfehler, Berufskrankheiten und Spättodesfälle. „Da geht es um versicherungsrechtliche Ansprüche“, sagt Dettmeyer.

Kassel: Einäscherung gestoppt auch ohne Hinweis auf Verbrechen  

Kürzlich habe man zum Beispiel die Einäscherung eines Verstorbenen gestoppt, der sechs Wochen nach einem Unfall an Spätfolgen gestorben sei. Der Arzt habe einen natürlichen Tod attestiert, so Dettmeyer. „Er ist mindestens ungeklärt.“ Gegen den Unfallverursacher laufe ein Ermittlungsverfahren.

In Gießen habe ein Arzt vor Jahren einen natürlichen Tod attestiert. Bei der zweiten Leichenschau entfernten die Rechtsmediziner dann ein Pflaster an der Leiche. Darunter sei eine Stichverletzung gewesen. 

Es habe sich schließlich herausgestellt, dass es sich um einen Suizid und nicht um ein Verbechen handelte. Die Person habe sich das Pflaster noch selbst über die Stichverletzung geklebt. 

„Wenn der Leichnam verbrannt ist, dann ist das entscheidende Beweismittel weg“, sagt Dettmeyer über die Relevanz einer sorgfältigen Leichenschau.

Kassel: So können Verbrechen besser erkannt werden 

Die Rechtsmediziner bitten die Angehörigen darum, dass die Verstorbenen vor der zweiten Leichenschau nur ein Leichenhemd tragen. „Das ist für die Leichenschau und die Emissionswerte besser“, sagt Dettmeyer. 

In der Regel seien die Angehörigen damit auch einverstanden. Wenn sie darauf bestünden, dass der Verstorbene persönliche Kleidung trägt, dann sei es Aufgabe der Bestatter, diese vorher aufzuschneiden, damit eine qualifizierte Leichenschau vorgenommen werden könne, so Dettmeyer. Nur so können Verbrechen ausgeschlossen werden.

Derzeit werden im Schnitt zwölf Leichen in Kassel im Krematorium auf dem Hauptfriedhof pro Tag untersucht und verbrannt. „Das wird noch zunehmen“, sagt Rechtsmediziner Dettmeyer. Aufgrund der demografischen Entwicklung und immer mehr Urnenbestattungen.

Kassel: So wird nach Verbrechen gesucht 

Wie bei der ersten Leichenschau, die von dem Hausarzt oder einem Notarzt nach dem Tod vorgenommen wird, muss die Leiche auch bei der zweiten Leichenschau entkleidet werden um eventuelle Verbrechen feststellen zu können. 

Eine gute Leichenschau, so steht es in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, geht so: helles Licht anmachen, den Toten nackt ausziehen, auf alle Seiten drehen, in alle Öffnungen schauen. Alle Pflaster und Verbände müssen entfernt werden, das Skelett sollte auf Fehlbeweglichkeiten überprüft werden. Lidbindehäute, die Haut hinter den Ohren und die Mundvorhofschleimhaut müssen auf Stauungsblutungen untersucht werden. Die erste Leichenschau wird mit 166 Euro vergütet, die zweite mit 51 Euro.  

Kripo Kassel: Risiko Verbrechen zu übersehen wird minimiert

„Aus unserer Sicht gab es in Kassel auch vor der Gesetzesänderung keine erkennbaren Probleme, da die Zusammenarbeit mit den zuständigen Ärzten bei der zweiten Leichenschau problemlos lief und wir in Zweifelsfällen frühzeitig informiert wurden“, sagt Kriminalhauptkommissarin Adele Kalwa, stellvertretende Leiterin des K 11. Mit der Gesetzesänderung sei man dem Beispiel anderer Bundesländer gefolgt. 

Dass ein Rechtsmediziner die zweite Leichenschau durchführt, sei aus kriminalistischer Sicht zu begrüßen. Aufgrund der Ausbildung und der Erfahrungen von Rechtsmedizinern werde das Risiko minimiert, Spuren, die auf ein Fremdverschulden hindeuten, zu übersehen. 

Eine Einäscherung bedeute eine unwiederbringliche Zerstörung von Spuren. Gerade für die Kriminalpolizei sind die Spuren an einem Leichnam bei Verbrechen meistens das Hauptbeweismittel. Deswegen sei es wichtig, dass an einer natürlichen Todesursache keine Zweifel mehr bestehen, wenn eine Einäscherung erfolgen soll, so Kalwa.

Manchmal sind Verbrechen klar als solche zu erkennen. So auch die Bluttat die sich letzten Sommer in Kassel ereignet hat. 

Um Verbrechen aufzuklären war Dirk Kleinhans 20 Jahre lang im Dienst der Spurensicherung. Er hatte auch Einsätze in Kassel.

Video: So werden Verbrechen in der Rechtsmedizin festgestellt, so auch in Kassel

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