Schüler können oftmals Gleichgewicht nicht halten

Immer mehr Kasseler Kinder lernen nicht mehr richtig Radfahren

Kassel. Immer mehr Kinder in Stadt und Landkreis Kassel haben Schwierigkeiten bei der Radfahrprüfung. Es fehlen grundlegende Fähigkeiten.

Die in der Verkehrserziehung eingesetzten Polizeibeamten sowie Mitarbeiter der Verkehrswacht Kassel sehen Nachschulbedarf bei bis zu zehn Prozent der Viertklässler, die an der Radfahrausbildung teilnehmen. 

Holger Menne, Leiter des Verkehrserziehungsdienstes der Verkehrsinspektion Kassel 

Holger Menne, Leiter des Verkehrserziehungsdienstes der Verkehrsinspektion Kassel, schult Grundschüler seit 13 Jahren. In dieser Zeit hätten die motorischen Fähigkeiten bei Kindern augenscheinlich abgenommen. Das größte Problem aus seiner Sicht: Viele Kinder hätten Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. „Die Schüler sind damit so beschäftigt, dass sie den eigentlichen Übungsinhalt gar nicht mehr leisten können.“ Auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Gefahren, Entfernungen und Geschwindigkeiten habe abgenommen. „Die Kinder haben heute viel mehr Innen- als Außenerlebnisse“, sagt Menne. Lange Schultage und die Beschäftigung mit Smartphone, Tablet und Computer führten dazu, dass die Kinder immer weniger Zeit draußen verbringen würden. Damit einher gehe ein Bewegungsmangel, der für motorische Defizite sorge. 

Das bestätigt auch Volker Reich von der Verkehrswacht Kassel. „Insbesondere Kinder, die in der Stadt leben, sind unerfahren in der Bewegung und haben Koordinationsschwierigkeiten.“ Sie hätten Probleme, wenn sie mehrere Handlungen wie Sehen, Lenken und Treten gleichzeitig ausüben müssten. 

Menne macht außerdem die mangelnde praktische Verkehrserfahrung der Kinder für die Entwicklung verantwortlich. „Viele Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule und zu Terminen. So können die Kinder kaum ein Verkehrsverständnis und Gefahrenbewusstsein entwickeln“, so der Polizeihauptkommissar. Erschwerend hinzu kämen die Verkehrsbedingungen. „Es gibt Verkehrsräume in der Stadt, da können Eltern ihre Kinder nicht alleine fahren lassen“, sagt Menne. Insgesamt werde der Verkehrsraum für Kinder immer enger. Das sei auch in Hinblick auf die Ausbildung der Kinder schwierig. „Übungen im Realverkehr, wie sie vorgesehen sind, sind nicht überall möglich, weil es zu gefährlich wäre.“

Ein weiteres Problem: Viele Eltern hätten keine Zeit, mit ihren Kindern das Radfahren zu üben, sagt Menne. Bei Kindern mit Migrationshintergrund könne ein Teil der Eltern selbst nicht radfahren. „Wenn die Eltern selbst schon wenig Verständnis haben, dann wird es schwierig für die Kinder“, so Menne. Und betont: „Verkehrserziehung ist gemeinsame Aufgabe von Schule, Polizei und Eltern.“ Geregelt ist das in einem gemeinsamen Erlass des Kultus- und des Innenministeriums.

Die Eltern könnten schon in der Kita und in der Grundschule anfangen, das Verkehrsverständnis der Kinder zu trainieren, indem sie Schulwege gemeinsam mit ihnen gehen und den Gleichgewichtssinn trainieren, so Menne.

Volker Reich, Vorstandsvorsitzender der Kasseler Verkehrswacht

Etwaige Defizite ausgleichen will Volker Reich, Vorstandsvorsitzender der Kasseler Verkehrswacht. Der Verein unterstützt Polizei und Schulen bei der Verkehrserziehung. Richter arbeitet ehrenamtlich für die Verkehrswacht. Der ehemalige Schulleiter ist seit Mitte der 1970-er Jahre in der Verkehrserziehung tätig.

Auch er nimmt eine Veränderung in der Koordinationsfähigkeit der Kinder wahr. Um dem frühzeitig entgegenzuwirken, bietet die Verkehrswacht unter anderem Bewegungstrainings an. Dabei lernen die Kinder in der ersten und zweiten Klasse erst einmal, mit dem Roller zu fahren. „Dabei müssen sie nur sehen und lenken, und nicht gleichzeitig in die Pedale treten“, erklärt Reich. Der Wechsel aufs Rad fällt dann später leichter.

Der Verein kommt auf Nachfrage an die Schulen in Stadt und Landkreis. Neben den Bewegungstrainings bietet er auch Radtrainings und Fahrradchecks an, beispielsweise im Vorfeld einer Klassen-Radtour. „Wir überprüfen dabei auch, ob die Räder fahrtauglich sind“, sagt Reich. Auch daran scheitere es nicht selten.

In den älteren Klassen lernen die Kinder von Reich und seinen Kollegen auch, wie sie einen Reifen flicken. Räder, Roller und weiteres Material stellt der Verein zur Verfügung. Seine Erfahrung: „Die Kinder haben viel Spaß an Bewegung. Es braucht nur ein bisschen Zeit und guten Willen.“

Rubriklistenbild: © Christian Schultz/dpa

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