Wenige Geschäften von selbstständigen Inhabern geführt

Handelsketten dominieren Kassel: Kaum noch alteingesessene Geschäfte

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Filialketten bestimmen das Bild: Entlang der Oberen Königsstraße sind fast keine von Kasseler Einzelhandelsfamilien geführten Geschäfte mehr zu finden. Nur mit hohen Umsätzen können die dortigen Mietpreise erwirtschaftet werden.

Kassel. Kassels Innenstadt: Die alteingesessenen Geschäfte werden weniger, stattdessen prägen Filialen großer Handelsketten das Bild. Der Anteil der Filialisten ist höher als in vergleichbaren Städten.

Leder Meid und Lottermoser, Boedicker und Betten-Voepel, Hettlage und Heinsius & Sander – noch nicht allzu lange ist es her, da trug ein Großteil der Geschäfte in Kassels Innenstadt die Namen bekannter und ortsansässiger Händlerfamilien. Dieses Bild hat sich in jüngerer Zeit aber grundlegend gewandelt: Die Fußgängerzone ist inzwischen weitgehend von den immer gleichen Kettenfilialen geprägt wie andere deutsche Einkaufsmeilen auch. Vor allem entlang der Oberen Königsstraße sind inhabergeführte Geschäfte praktisch ausgestorben.

Filialisierungsgrad der Innenstädte

Handelsforscher sprechen von einem zunehmenden Filialisierungsgrad der Innenstädte. So beständig, wie dieser Prozess voranschreitet, so regelmäßig sind Klagen zu vernehmen, in Kassel sei die Filialketten-Ödnis besonders groß und das Sterben des inhabergeführten Einzelhandels besonders drastisch. Ein Blick auf statistische Kennzahlen zeigt, dass dies offenbar nicht bloß eine gefühlte Wahrnehmung ist.

Nach Daten des Maklerunternehmens Lührmann, das bundesweit auf die Vermittlung von Einzelhandelsimmobilien in innerstädtischen Hauptgeschäftslagen spezialisiert ist, hat Kassels Zentrum einen auffällig niedrigen Anteil an Geschäften, die von eigenständigen örtlichen Inhabern geführt werden. Laut Lührmann liegt deren Anteil in Kassel bei 25 Prozent, während der Durchschnittswert für 132 deutsche Städte mit 38 Prozent beziffert wird.

Wie gut sich ein unabhängiges Geschäft behaupten kann, hat mit Faktoren wie Kundenfrequenz und Höhe der Ladenmieten zu tun – und da sind die Verhältnisse in Kleinstädten und in Metropolen fundamental unterschiedlich. Vergleicht man Kassel nur mit Städten annähernd gleicher Größe, so fällt auch hier auf, dass Filialketten in Kassel überdurchschnittlich viel Boden gut gemacht haben. Lediglich in Lübeck (gut 215.000 Einwohner) ist der Filialisierungsgrad noch etwas höher.

Filialisierter Einzelhandel auch Indikator für Wettbewerbsfähigkeit

Nach Einschätzung der Spezialisten für Ladenstandorte muss das aber nicht per se etwas Schlechtes sein. Ein hoher Anteil an Filialisten könne auch als Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit eines Einkaufsstandorts gesehen werden und gefährde nicht grundsätzlich die Attraktivität einer Innenstadt, sagt Achim Weitkamp, geschäftsführender Gesellschafter bei Lührmann.

Im Gegenteil: Handelsketten würden die Kaufkraft wie ein Magnet vor Ort halten, wovon dann auch unabhängige Ladenbetreiber und Gastronomen profitierten. Zudem, so Weitkamp, würden Geschäftshäuser oft erst dann aufwändig renoviert und saniert, bevor sich dort Filialisten niederließen. Das komme dem Erscheinungsbild der Stadtzentren zugute.

Freilich gebe es auch ein gewisses Risiko der Monotonie, so Makler Weitkamp. Jedoch: „Entscheidend für die Attraktivität eines Einkaufstandorts ist seltener die nackte Anzahl von Filialunternehmen, sondern die Kombination aus den verschiedenen Branchen und der Anbieterqualität.“

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