Stadtverordnete sollen am 9. Dezember entscheiden

Markthalle Kassel: „Ich will, dass es hier weitergeht“

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Wie geht es mit der Kasseler Markthalle weiter? Die Händler fordern einen Aufschub der Investoren-Entscheidung.

Die Markthändler haben den Magistrat aufgefordert, die Investoren-Entscheidung zu verschieben. Klarheit am 9. Dezember?

Update vom Samstag, 09.12.2019, 14.10 Uhr:

Überall in der Markthalle liegen Unterschriftenlisten aus, in die sich Kunden für den Erhalt des Wochenmarktes eintragen können. Viele machen das, auch wenn bisher noch gar nicht klar ist, wie ein neues Betreibermodell im Detail aussehen könnte. Die Verunsicherung über die Zukunft der Markthalle ist sowohl bei den Kunden als auch bei den Händlern deutlich spürbar, der Rede- und Informationsbedarf groß.

Im vorweihnachtlichen Geschäft gibt es da allerdings im Moment mehr Fragen als Antworten. „Wir wissen auch nicht mehr als bislang in der Zeitung stand“, sagt Regina Schmitz, die im Untergeschoss seit 27 Jahren Geflügel und Wild verkauft. Sie macht sich in erster Linie über mögliche neue Öffnungszeiten Sorgen. Drei Tage in der Woche könne sie mit Unterstützung der Familie gerade so schaffen, fünf Tage seien unmöglich.

„Ich will hier weiterhin regionale Produkte einkaufen und mache mir große Sorgen“, sagt Kundin Conny Pfeffer. Sie hat bereits den Markthallenumbau in den 1990-er Jahren erlebt und hält eine Modernisierung für durchaus sinnvoll. „Das muss aber so laufen, dass dabei die Händler nicht vertrieben werden“, sagt sie.

Einer, der richtig Dampf auf dem Kessel hat, ist Metzgermeister Kurt Hain, der bislang im Untergeschoss gegenüber dem Weinhandel seine Verkaufstheke hat. Hier ist eigentlich immer etwas los – und das soll auch so bleiben. Von einem Umzug ins Obergeschoss hält er gar nichts und von einer fünftägigen Öffnung noch weniger. „Wir brauchen den Vorlauf, damit wir frische Ware anbieten können“, sagt er.

Der Arbeitstag in seiner Metzgerei in Mosheim (Schwalm-Eder-Kreis) beginne um fünf Uhr. Ahle Wurscht, Kochwurst, Weckewerk und Leberwurst könnten nicht beliebig vorproduziert werden. Seit den Anfängen der Markthalle ist er mit seinen Produkten in Kassel vertreten. „Ich will, dass es hier weiter geht, mache mir aber große Sorgen“, sagt Hain.

Das geht den Betreiberinnen des dänisch beeinflussten Imbisscafés Hos Søstrene ähnlich. Die Schwestern (Søstrene) Line und Yasmin Umbach sind im Vergleich zu Metzger Hain noch Frischlinge. Seit zwei Jahren haben sie ihren Standort im Untergeschoss der Markthalle. Auch hier drehen sich viele Gespräche um die bislang noch wenig konkreten Veränderungspläne. „Wir sind jung und können für eine Übergangszeit vielleicht auch woanders etwas machen sagt Line Umbach (27). Nach einem Umbau wolle man aber auf jeden Fall zurück. Die Markhalle habe einfach eine besondere Atmosphäre.

Dass die erhalten bleibt, hofft auch Stammkunde Lothar Dilcher. Der wohnt in der Nähe und weiß in erster Linie das Angebot regionaler Lebensmittel zu schätzen. Die Frage der Öffnungszeiten ist für ihn dagegen zweitrangig. „Ich gehe in die Markthalle, wenn sie auf ist. Das kann ich mir einrichten“, sagt er.

Erstmeldung vom Donnerstag, 07.12.2019, 14.20 Uhr: Für die Zukunft der Kasseler Markthalle werden voraussichtlich am Montag, 9. Dezember, im Stadtparlament die Weichen gestellt.  

Per Brief an Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) haben Markthallen-Geschäftsführer Andreas Mannsbarth sowie gut 50 Markthändler den Magistrat aufgefordert, die anstehende Vergabe an ein Investorenteam von der Tagesordnung zu nehmen. Die gewonnene Zeit solle genutzt werden, um mit den Marktbetriebs-Akteuren „gemeinsam eine Lösung für die Zukunft“ zu finden, schreiben sie.

Oberbürgermeister will an Plänen festhalten

Gegenüber der HNA sagte Geselle, dass die Stadt an dem beabsichtigten Fahrplan festhalten wolle. Die Bewerbergruppe mit Antonio Merz (Gut Kragenhof) und dem Architekturbüro Sprengwerk habe „das beste und weitreichendste Konzept“ präsentiert; es habe in mehreren städtischen Gremien jeweils breite Zustimmung gefunden. Bei den Vorschlägen, die von der Markthallen-GmbH selbst sowie von weiteren Bewerbern eingereicht wurden, seien hingegen wichtige Punkte offen geblieben.

Zukunft der Markthalle Kassel: Stadtverordnete beraten unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Geselle warb dafür, die Perspektiven eines neuen Marktbetriebs-Konzepts „jetzt nicht kaputt zureden“. Er verteidigte zugleich das Vorgehen der Stadt, die Investoren-Entscheidung nicht per öffentlicher Debatte, sondern in einem internen Verfahren vorzunehmen: So sei es gemeinderechtlich „zwingend“ vorgeschrieben. Auch in der Stadtverordnetensitzung am Montag wird das Thema unter Ausschluss der Öffentlichkeit beraten.

Markthalle: Händler Ende Januar zu Gespräch eingeladen

Sobald eine Entscheidung da sei, werde auch über Details geredet, kündigte Geselle an. Für Ende Januar seien die Markthändler bereits per Brief zu einem Gespräch mit den favorisierten Investoren eingeladen worden. Vertreter der Stadt würden die Runde moderieren, „weil uns daran gelegen ist, alle einzubeziehen“.

Markthändler sammeln Unterschriften gegen Pläne der Investoren

Unterdessen sammeln die Markthändler an ihren Ständen Unterschriften, mit denen Kunden ihre Ablehnung der Planungen bekunden. Damit würden „das Flair und der besondere Charme“ der Markthalle „zerstört“, meint Geschäftsführer Mannsbarth. Und den Händlern selbst ginge es an die Substanz: „Niemand von uns wird eine dreijährige Bauzeit überstehen.“

Bieterverfahren ergab Favorit für Marktbetrieb

Die Stadt Kassel will ihre Markthalle per Erbbaurecht an einen Investor übertragen, der auch den Marktbetrieb organisiert. Aus dem Bieterverfahren sind das Investorenteam Antonio Merz (Gut Kragenhof) mit dem Architekturbüro Sprengwerk als Favoriten der Stadt hervorgegangen. Sie schlagen vor, den Marktbetrieb im Obergeschoss zu konzentrieren und dafür die Freifläche zum Graben hin mit einem Glasdach zu überbauen. Das Untergeschoss soll zur Veranstaltungsfläche werden.

"Seit Jahren Stillstand" in der Markthalle

Mit einem neuen Betriebskonzept soll die Kasseler Markthalle „erhalten und weiterentwickelt“ werden, sagte Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD). Das spezifische Markthallen-Flair, das viele Kunden im Marstall so schätzen, sei ihm ebenso lieb und der Stadt wichtig, betonte er. 

Doch man müsse auch sehen, dass der Markthallenbetrieb insgesamt nicht wirtschaftlich und so auch nicht zukunftsfähig sei. „So, wie es jetzt ist, herrscht dort Stillstand“, sagte Geselle und beschrieb die Situation als „jahrelange Agonie“. Das habe auch seine Ursachen in der traditionell gewachsenen Konstruktion der heutigen Markthallen-Betriebs-GmbH.

Oberbürgermeister: Alle eingereichten Vorschläge wurden nach strengen Kriterien überprüft

Auch die hat sich mit einem Konzept für ein künftiges Betreibermodell beworben. Geselle betont, dass alle eingereichten Vorschläge – und das seien mehr als die zwei bekannten Bewerbungen gewesen – streng nach einem Kriterien-Raster auf der Basis der städtischen Vorgaben bewertet worden seien. Das nun favorisierte Konzept der Investorengruppe Merz/Sprengwerk sei im Ergebnis das einzige gewesen, „das auch die wirtschaftlich notwendige Sanierung abbildet“.

Näheres dazu wollte Geselle nicht nennen – mir diesem Hinweis: Wie bei solchen Vergabeverfahren üblich und vorgeschrieben, hätten sich alle Beteiligten zu öffentlichem Stillschweigen über Details der Bewerbungen verpflichtet, bis eine politische Entscheidung gefallen ist. Dies gelte im übrigen auch für die Geschäftsführung der Markthallen-GmbH, die nun eine Debatte über Inhalte der eingereichten Konzepte fordere.

Geselle äußerte Verständnis dafür, dass viele Markthändler aktuell verunsichert sind und sich Sorgen machen. „Wir sehen aber gute Chancen dafür, die Beschicker mitzunehmen“. Zu einer ersten Gesprächsrunde, die im Januar stattfinden soll, seien am 25. November bereits Einladungen verschickt worden.

Stadt sieht flexible Lösung für Öffnungstage

Dabei könne dann auch mehr Klarheit geschaffen werden zu einem Punkt, der die Markthändler besonders bewegt: die Öffnungszeiten. Dass die Markthalle künftig an fünf Tagen pro Woche geöffnet sein soll, war Vorgabe für alle Konzept-Einreicher.

Die Ideen vom Team Merz/Sprengwerk seien in dieser Hinsicht allerdings recht flexibel, ließ Geselle durchblicken: Auch bei mehr Öffnungstagen „wird niemand, der das nicht will oder kann, an allen fünf Tagen in der Halle stehen müssen“.

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