"Man muss immer einsatzbereit sein"

Selbst im Februar: Warum wir mittlerweile fast das ganze Jahr über gerne draußensitzen

+
Volle Terrasse vor traumhafter Kulisse an der Orangerie in Kassel. 

Die Terrassen von Cafés und Restaurants waren am Wochenende rappelvoll – mitten im Februar. Wir sprachen mit Orangerie-Chef Dominik Hübler über den Trend zum Draußensitzen nicht nur im Sommer.

Herr Hübler, in Sachen Freiluft-Bewirtung hat sich das Verhalten der Deutschen stark verändert. Früher wurden bei uns nur im Hochsommer die Stühle rausgestellt.

Wir bauen sie auf unserer Terrasse gar nicht mehr ab! Das liegt vor allem am Wetter. Früher konnte man die vier Jahreszeiten klar abgrenzen. Jetzt gibt es oft auch schon in den ersten Monaten des Jahres sehr schöne Tage – oder noch zum Jahresende hin. Und wenn die auf ein Wochenende fallen, wollen die Leute die Sonne ausnutzen und mit Jacke draußen Kaffee trinken. Den klassischen Sommer gibt es dafür nicht mehr so zuverlässig, da ist es meist extrem heiß oder verregnet. Man muss heute zu jeder Zeit einsatzbereit sein.

Hat das denn nur mit dem Wetter und nicht auch mit einer veränderten Einstellung zu tun?

Ich glaube, es liegt an einer anderen Auffassung von Zeit und Genuss. Die Deutschen, die ja für ihren Arbeitseifer berühmt sind, haben gemerkt, dass man auch einen Ausgleich braucht. Das Tanken von positiver Energie, die Sonne auf der Haut in der sonst eher dunklen Jahreszeit – das wissen wir heute zu genießen. Wenn es einen tollen Tag gibt, will man ihn auch ausnutzen – egal, was der Kalender sagt. An einem Wochenende wie diesem, bei der Wettervorhersage, wissen wir: Es wird bumsvoll – sogar voller als im Sommer.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Auch weil Freibäder und Co. noch geschlossen sind?

Richtig. Deshalb sind März, April und September, Oktober inzwischen für uns fast interessanter als die Sommermonate. Der Jahrhundert-Sommer voriges Jahr war für uns Gastronomen mit klassischer Terrasse viel zu heiß. Mittagsgeschäft und Abendbetrieb haben sich zwei Stunden nach hinten verschoben. Für uns war es kein Super-Sommer: Wir hatten auf der Terrasse ein Minus.

Was bedeutet das Wetter für die Personalplanung in der Gastronomie?

Man hat den Wetterbericht ständig im Auge. Unter der Woche versuchen wir, immer jemanden im Puffer zu haben. Falls draußen nicht so viel los ist, übernehmen solche Extra-Kräfte Vorbereitungen für unsere nächsten Events. An einem Wochenende wie diesem, wo klar war, dass es voll wird, haben wir zehn Kollegen allein für die Terrasse – an normalen Wochenenden sind es drei.

Der Wetterbericht trifft nicht immer zu. Verkalkuliert man sich da manchmal?

Das ist wie ein Pokerspiel. Wer jeden Tag so viel Personal vorhält, dass er für alles gewappnet ist, geht pleite. Manchmal denken wir: Heute knallt’s und stehen mit voller Mannschaft da. Und dann ist es regnerisch und man schickt die Mitarbeiter irgendwann nach Hause. Dann kommt plötzlich doch die Sonne raus, und die Terrasse ist voll. Dann rufen wir die Kollegen zurück. In der Gastronomie muss man extrem flexibel sein. Gerade bei überraschendem Kaiser-Wetter wünscht man sich auch von den Gästen Verständnis, falls sie mal ein paar Minuten länger warten müssen.

Lesen Sie auchNach Super-Wetter-Wochenende wird es wolkiger

Die Gäste saßen am Wochenende schön draußen, war es für die Mitarbeiter purer Stress?

Natürlich sind solche Tage nicht ohne. Aber das Gefühl von Sonne hat jeder gern, das ist auch beim Arbeiten schön. Und auch die Gäste sind an so einem verfrühten Frühlingswochenende anders drauf als bei Nieselregen. Alle sind einfach gut gelaunt, da macht auch die Arbeit mehr Spaß.

Bewirten Sie im Winter auch unter Heizpilzen?

Nein, wir haben nur für die Raucher ein paar Heizpilze aufgestellt. Wir wollen nicht die ganze Terrasse beheizen. Das ist allein aus Umweltgründen nicht vertretbar. Außerdem haben wir auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern: Bei Minusgraden und Dauerregen muss niemand draußen servieren. Außerdem finde ich: Wenn man in den wirklich winterlichen Monaten Pause macht, ist die Vorfreude auf die Zeit, wo man wieder draußen sitzen kann, umso schöner.

Lesen Sie auch: Orangerie-Chef sauer auf FFH: 14 Klos für 20.000 Besucher

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.